Tagesspiegel zählt mich zu 20 Frauen, die die Mobilität prägen

Dieser Text von Felix Wadewitz erschien anlässlich des Weltfrauentages im Tagesspiegel Special “Bertha Benz 4.0.”. Danke für die Auswahl in das Ranking “20 Frauen, die die Branche prägen”, auf die ich es als einzige “unabhängig Agierende” geschafft habe, was mich stolz macht! Hier der Text in Gänze: “Frauen prägen die Welt der Mobilität. Trotzdem sind sie in der deutschen Verkehrswirtschaft auch im Jahr 2020 noch unterrepräsentiert. Warum das ein Risiko für die Zukunftsfähigkeit ist, erfahren Sie in dieser Sonderausgabe von Tagesspiegel Background.

20 Frauen, die nicht nur inspirieren, sondern ihre Branche prägen, stellen wir Ihnen heute vor. Die gute Nachricht: Die Liste hätte locker auch 200 beeindruckende Persönlichkeiten in Top-Positionen umfassen können. Die schlechte: In ihrem Unternehmen, an ihrer Universität, in ihrem Ministerium sind die Frauen viel zu oft immer noch Einzelkämpferinnen.

Es ist kein Ranking, die Reihenfolge zufällig: Hildegard Müller (VDA), Ilka Horstmeier (BMW), Sabrina Soussan (Siemens), Elisabeth Winkelmeier-Becker(BMWi), Christina Foerster (Lufthansa), Sabina Jeschke (Deutsche Bahn), Tamara Zieschang (BMVI), Barbara Lenz (DLR), Britta Seeger (Daimler), Ariane Reinhart(Continental), Andrea Gebbeken (Flughafen München), Phanthian Zuesongdham(Hafen Hamburg), Wybcke Meier (Tui Cruises), Katja Diehl (Women in Mobility),Sigrid Nikutta (DB Cargo), Anke Rehlinger (Verkehrsministerkonferenz), Birgit Scheppat (Hochschule RheinMain), Andrea Weidinger (ITS World Congress),Marianne Weinreich (Ramboll), Hiltrud Dorothea Werner (Volkswagen).

Männer mögen die Mobilitätswelt dominieren, aber Frauen haben sie geprägt. Viele waren Vorreiterinnen. Heute braucht es Pionierinnen dringender denn je. Zum 8. März: Ein Streifzug durch die Geschichte und ein bis zwei wohlverdiente Spitzen gegen die Herren.

Der Vater wünschte sich einen Sohn. Er sollte Walentin heißen und am 8. März zur Welt kommen. Das Kind wurde zwei Tage früher geboren, heute vor 83 Jahren, und war ein Mädchen. Mit zehn bastelte sie einen Fallschirm aus Bettlaken und holte sich Schrammen beim Sprung von einem Baum. Mit sechsundzwanzig flog sie in den Weltraum. Walentina Tereschkowa war die erste Frau im All. Bis heute ist sie die einzige, die ganz alleine um die Erde kreiste. Am 16. Juni 1963 stieg die Kosmonautin in Kasachstan in die enge Raumkapsel Wostok-5. Tschaijka – die „Möwe“, so ihr Codename – flog 48 Mal um die Erde. Drei lange Tage dauerte die Heldenreise. Es war ein Horrortrip. Die Männer auf dem Boden hatten die Raumkapsel falsch programmiert. Das fiel aber erst auf, als Tereschkowa schon im All war. Die Mission endete beinahe in einer Katastrophe. Darüber sprechen durfte die Volksheldin der Sowjetunion jahrzehntelang nicht. Ihr Chef schob der Frau die Schuld für den Pannenflug in die Schuhe – „Weiber kommen mir nicht mehr ins All“, soll er gesagt haben und hielt sich fortan daran.

Frauen programmierten die Flugbahn zum Mond

Bei der Konkurrenz lief es umgekehrt. Die Nasa hatte damals zwar keine Astronautinnen, dafür war das Programmieren Frauensache. Ein Glücksfall für Neil Armstrong und seine Männerrunde auf dem Mond, denn ohne die Arbeit etwa von Katherine Johnson und Margaret Hamilton wären die Kerle weder hin- noch sicher zurückgekommen. Die eine berechnete die Flugbahnen für Apollo-11, die andere programmierte die Software. Es gab viele solcher Nasa-Frauen, lange wusste das kaum einer bis sich die Popkultur der Sache annahm.

Männer mögen seit hundert Jahren und länger die Welt der Mobilität dominieren, aber Frauen haben sie geprägt. Auffällig viele waren Pionierinnen. Carl Benz strich zwar den Ruhm der Nachwelt ein. Bertha Benz aber war es, die nicht nur das Geld für die Entwicklung des Automobils besorgte. Sie wagte auch als erster Mensch eine längere Fahrt damit.

Die Wright-Brüder sind als Erfinder des Flugzeugs in die Geschichte eingegangen, aber auch nur, weil die Rolle ihrer Schwester später unterschlagen wurde. Genau wie Bertha Benz kümmerte sich Katharine Wright um die Finanzen, führte Verhandlungen, knüpfte die richtigen Kontakte und managte die Wright Company.

In der Fliegerei waren Pilotinnen anfangs keine Ausnahme. Das Wort Stewardess gab es erst gar nicht, weil Flugbegleiter in den ersten Jahren ein reiner Männerjob war. Das drehte sich irgendwann. Flogen Frauen im Zweiten Weltkrieg noch Kampfeinsätze für die USA, fanden sie in Friedenszeiten plötzlich keine Jobs als Pilotin mehr. Weniger qualifizierte Männer dagegen schon. Heute rücken Fluglinien ihre Pilotinnen wieder stolz in den Vordergrund und trommeln dafür, dass es mehr werden.

Motoren sind Männersache und Frauen können nicht einparken

Vom Führerhaus bis zur Vorstandsetage fehlte es lange an weiblichen Perspektiven in der Verkehrswelt. Motoren galten als Männersache und Frauen konnten nicht einparken. Jungs träumten davon, Lokführer oder Pilot zu werden. Mädchen wurde das früh ausgeredet. Solche Rollenklischees mögen passé sein, aber tiefgreifender Wandel braucht seine Zeit.

Noch immer sind Taxi- und Busfahrerinnen, Kapitäninnen und Pilotinnen, Ingenieurinnen und Programmiererinnen die Ausnahme. Im Top-Management geht es teils sogar noch monogeschlechtlich zu. Und Branchentreffen, das nur nebenbei, sind oft nur schwer erträglich, weil sich Kerle oft eben gern selbst beim Reden zuhören. Da helfen nur Frauen, am besten viele Frauen. Die kommen erfahrungsgemäß schneller zum Punkt, weil sie im Leben noch Besseres zu tun haben.

It‘s a Man’s Man’s Man’s World? Das nun nicht mehr. Klar, bei BMW, Daimler, Volkswagen, der Deutschen Bahn und Lufthansa war noch nie eine Frau auf dem Chefposten. In den Ahnenreihen der Bosse in den Konzernzentralen hängen also bis heute ausschließlich Männer – im Jahr 2020 ist das ein schräger Anblick. In der Politik ist es ja umgekehrt, da fragen sich alle, ob auch ein Mann Kanzler werden kann und übernehmen Frauen ein Verkehrsministerium nach dem anderen.

Dennoch sind die Zeiten längst andere. Die deutsche Autoindustrie hat trotz ihres Testosteronüberschusses ihre politische Zukunft in die Hände von Hildegard Müller gelegt – weil sie es kann, klar, aber ausdrücklich auch, weil eine Frau an der Spitze den überfälligen Aufbruch in die Moderne symbolisiert. Bei Daimler sitzen mit Britta Seeger und Renata Brüngger zwei Frauen im Vorstand, bei BMW und Volkswagen sind es mit Ilka Horstmeier und Hiltrud Werner jeweils immerhin eine. Im Bahn-Tower verantworten Sabina Jescke und Sigrid Nikutta zwei wichtige Zukunftsressorts genau wie Christina Foerster bei der Lufthansa.

Kurzum, es gibt sie nicht nur, es werden auch mehr: Frauen, die es in der Mobilitätswelt bis ganz nach oben schaffen. Es sind halt nur immer noch viel zu wenige. Die Anzugträger sind nicht nur in der übergroßen Mehrheit, sie machen vieles immer noch unter sich aus. Das ist nicht nur ungerecht, es ist vor allem unklug.

Warum Männerrunden geschäftschädigend sind

Auf der anderen Seite des Atlantiks steuert Mary Barra seit sechs Jahren General Motors (GM). Männer hatten die einst stolze Industrie-Ikone zuvor ruiniert. Trümmerdame Barra brachte den taumelnden Riesen knallhart auf Kurs und machte GM zu einem Vorreiter beim autonomen Fahren. Die erste Frau an der Spitze eines globalen Autokonzerns hält nichts von feministischen Sonntagsreden oder Gendergedöns. Für Barra sind reine Herrenclubs schlicht und einfach geschäftsschädigend.

„Vielfalt sorgt für stärkere Teams und fördert frisches, innovatives Denken“, sagt Barra. „Diversität ist für uns deshalb eine notwendige unternehmerische Voraussetzung.“ Um Frauen Aufstiege zu ermöglichen, brauche es erst einmal aber mehr weiblichen Nachwuchs – eine „pipeline of talents“. Übersetzt: Wenn es für eine Top-Stelle ausschließlich männliche Kandidaten gibt, ist schon früher auf unteren Ebenen viel schief gelaufen.

Dass es vor allem Männer sind, die Autos entwickeln, sieht man oft auf den ersten Blick. Dass es nicht schaden könnte, die Bedürfnisse der anderen Hälfte der Weltbevölkerung zu berücksichtigen, ist eine Binse. Doch es geht weit über Produkte hinaus. Auch die Verkehrswende wird vor allem von Männern geplant, obwohl etwa die Fahrgäste im Nahverkehr mehrheitlich weiblich sind. Und dass in Dänemark so viel mehr Menschen Fahrrad fahren als hierzulande, hat auch damit zu tun, dass dort Frauen bei der Stadtplanung mehr mitreden.

Es wird Zeit für eine deutsche Astronautin

Walentina Tereschkowa ist heute 83 Jahre alt – und hätte nichts gegen einen Flug zum Mars, falls sich die Gelegenheit ergibt. Der Pionierin folgten bis heute 65 Raumfahrerinnen in die Erdumlaufbahn. Und fast zehn Mal so viele Männer. Für Deutschland war sogar noch nie eine Frau im All, aber elf Männer.

Dabei hat die Nasa die Erfahrung gemacht, „dass Frauen extreme Situationen besser wegstecken“, wie der Astronaut Ulrich Walter berichtet, „die ziehen Sachen oft besser durch als Männer“. Sechs Jahrzehnte nach dem Flug der „Möwe“ könnte nun die Zeit für die erste deutsche Astronautin anbrechen. Soweit sein soll es 2021.

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