Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie spazieren durch eine begrünte Straße in Berlin und genießen die Ruhe. Plötzlich endet der Bürgersteig jedoch in einem Dschungel aus Kabeln, Klappen und blinkenden Leuchten. Ausfahrbare Ladegeräte sind in den Bordstein eingebettet. Es sieht elegant aus. Es ist leise. Fortschritt? Vielleicht. Nicht.
Wie so oft bei technologischen Lösungen steckt der Teufel im Detail.
Denn mit jedem Ladepunkt am Straßenrand verfestigen wir räumliche Ungleichheiten und ein veraltetes Mobilitätsverständnis.
Ladepunkte am Bordstein helfen nur einem ganz bestimmten Typ Stadtbewohner:innen, nämlich Menschen mit eigenem Auto, die keinen privaten Stellplatz haben – ein häufiges Szenario in historischen europäischen Städten, die glücklicherweise allesamt VOR dem Auto entstanden. Und damit eine großartige Chance haben, durch eine andere, zeitgemäße Organisation von Mobilität wieder zu den Lebensräumen zu werden, die sie einst waren. Mit Begegnungszonen direkt vor der Haustür. Also dort, wo heute jedermann und jedefrau wie selbstverständlich ihr Blech bevorrated, das fast den gesamten Tag dort verweilt.
Und genau dazu möchte ich sensibilisieren. Denn wie so oft bei „Hypes“ um scheinbar überzeugende technische Lösungen wird zu wenig systemisch und langfristig gedacht.
Worum geht es?
Die Idee: Wer vor der Haustür parkt, soll dort auch laden dürfen. Einfach. Praktisch. Smart.
Doch diese scheinbar logische Lösung wirft eine Reihe neuer Fragen auf.
Sie schafft Zugang für einige, Ausschluss für viele.
Denn seien wir ehrlich: Bisher war das Laden vor der Haustür im Sinne von fossile Brennstoffe tanken, auch nicht gegeben. Warum sollte es also nun geschaffen werden?
Diese Technologie begünstigt:
✅ Autobesitzer:innen
✅ diejenigen, die sich ein E-Auto leisten können.
Aber sie schließt aus:
– Menschen ohne eigenes Auto
– Menschen mit Behinderungen, die auf barrierefreie Gehwege angewiesen sind.
Der öffentliche Raum ist für alle da. Wenn er zur exklusiven Tankstelle wird, verlieren viele und gewinnen wenige.
Infrastruktur, die Abhängigkeit schafft
Seien wir ehrlich: Der Aufbau einer solchen Infrastruktur ist eine langfristige Investition.
Und mit jeder eingebauten Steckdose verfestigen wir den PKW-Besitz als Standardverkehrsmittel in der Stadt – obwohl Klima, Gesundheit und Gerechtigkeit das Gegenteil verlangen.
Wir sollten uns fragen:
- Warum investieren wir Millionen, um den PKW-Besitz bequemer zu machen, während Fahrradwege und öffentliche Verkehrsmittel immer noch um Platz und Geld kämpfen?
- Wer setzt die Prioritäten – und wer zahlt den Preis?
Selbst „diskrete” Ladestationen am Straßenrand bedeuten:
- Kabel über Wegen
- Pfosten oder Luken in und an Gehbereichen
- Mehr technische Infrastruktur dort, wo Kinder spielen, ältere Menschen spazieren gehen oder Menschen mit Kinderwagen und Rollstühlen unterwegs sind
- Umfangreiche Versiegelung für Straßen werden manifestiert
- Die Erwärmung im Sommer durch die unbeweglichen Autos bleibt und eskaliert
Öffentliche Gelder fließen in die Infrastruktur für Elektrofahrzeuge, oft unter dem Vorwand des Klimaschutzes. Aber wenn nur eine ausgewählte Gruppe davon profitieren kann, schaffen wir dann wirklich einen öffentlichen Mehrwert?
Sagen wir es klar und deutlich:
Wenn ihre Ladelösung die meisten Menschen ausschließt, ist sie kein öffentliches Gut.
Hinzu kommt
- mangelnde Standardisierung (jede Stadt, jedes System, jede App ist anders)
- mögliche Überlastung der lokalen Stromnetze bei Nachfragespitzen zu ungünstigen Zeiten
- teure Wartung und unklare Zuständigkeiten bei defekter Hardware
Wir laufen Gefahr, ein Flickwerk zu schaffen, das wenigen hilft und viele frustriert.
Bessere Raumnutzung?
Was wäre, wenn wir statt Ladegeräten für einzelne Autos Folgendes einbauen würden:
- Fahrradwerkstätten
- Paketfächer
- Bänke und Schattenplätze
- Gemeinschaftsgärten
- Carsharing-Stationen für Elektroautos
Der städtische Raum ist begrenzt. Wir sollten ihn nicht verschwenden.
Das Laden am Straßenrand ist nicht schlecht. Aber ohne eine tiefere Vision ist es ein Symbol für das falsche Mobilitätsparadigma:
👉 Technologie statt Bedürfnisse
👉 Besitz statt Zugang
👉 Bequemlichkeit statt Gemeinschaft
Wenn wir es mit nachhaltigen, fairen und inklusiven Städten wirklich ernst meinen, dann muss die Ladeinfrastruktur der Mobilitätsreform folgen – und nicht sie ersetzen.
Lasst uns die Zukunft anders aufladen!
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*Als Deutsche füge ich hinzu: Rheinmetall – der Konzern hinter dem beigefügten Foto – ist unser größter Rüstungskonzern. Mit einer schrecklichen Nazi-Vergangenheit. Und einer abstoßend steigenden Gewinnmarge aufgrund der weltweiten Angst vor Krieg.


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