Ich werde immer wieder mal gefragt, was denn nun jetzt DAS Thema ist, was mich antreibt. Ich stünde ja für so viele Dinge. Sagt man(n) mir. Das ist mir aber erst heute Morgen bewusst geworden. Denn – wie so oft in meinem Leben – reflektiere ich die Dinge, die ich tue, gar nicht so tiefgründig. Denn für mich machen sie ja Sinn – in der Gesamtheit ihrer Teile. Aber ich antworte gerne: “Mich treibt der Mobilitätswandel an. Und den Weg dorthin gestalten wir nicht ohne Gleichberechtigung und New Work.”

Retten Helme Leben?

Dass es vor allem Männer sind, die mir diese Frage stellen, ist mir in der Reflektion des neuesten “Skandals” rund um Verkehrswende und Sexismus aufgefallen. Auch ich akzeptiere, dass ich in meinem Handeln als anders und ggf. sogar irritierend wahrgenommen werde. Denn sich für die Verkehrswende einzusetzen und eine selbstbewusste Frau zu sein, die freiheitlich arbeiten und sich engagieren will, ist für mich schon sein Jahren “normal”. Für “Gesellschaft” aber nicht. Denn Gesellschaft ist bei diesen Themen, die ich “verkörpere”, weil ich sie lebe, sehr träge und retrospektiv. Und macht immer einen Schritt vor, um dann den nächsten wieder zurück zu machen.

Kampagnen retten Leben?

Ich habe lange überlegt, ob die neue “Helme retten Leben” Kampagne vom Verkehrsministerium einen Artikel wert ist – denn so richtig regt mich diese nicht auf. Sie bestätigt leider nur, was ich schon lange beobachte: In der Verkehrswende werden 1.die falschen Schwerpunkte gesetzt, 2.man(n) beschränkt sich auf Themen, die die Verantwortung auf Schwache verlagern und es verbünden sich 3.Partner, denen man den echten Wunsch zum Wandel nicht abnimmt. Übersetzt auf dieses Beispiel bedeutet das:

  1. Es geht nicht um die Infrastruktur, die verändertwerden muss. Es geht nicht darum, dass unsere Städte autozentriert nach dem Krieg wieder aufgebaut und ohne Platz für Radfahrer gebaut wurden. Es geht nicht darum, dass ein echter Verkehrswandel nur gelingen wird, wenn die städtische Infrastruktur mutig geändert wird: Weniger Spuren für Autos, weniger Konflikte zwischen Fahrzeugen und Menschen auf Rädern oder zu Fuß.
  2. Die Radfahrerin ist, als Zweitschwächste im System nach der Fußgängerin, diejenige, der die Schuld an ihren Unfällen zugewiesen wird. Weil sie keinen Helm trägt. Und nicht, weil sie sich autonom und frei und sicher in ihrer Welt bewegen möchte, sondern weil sie nicht helle genug ist, zu begreifen, dass sie dumm ist, wenn sie ohne Helm fährt. Denn sie tut das nicht aus ihrem Selbst-Bewusstsein als freie Bürgerin mit Recht auf freie Mobilität, sondern aus optischen Gründen.
  3. Hier agiert die Sendung, die ich auf das Tiefste verachte, weil sie schon kleinen Mädchen (und Jungs) ein Körperbild idealisiert, das nicht der anatomischen Normalität, sondern dem Wahn rund um eine Industrie propagiert, die Produkte verkaufen will, mit dem Abbild von unterernährten und zum Objekt verkommenen Menschen, mit dem Verkehrsministerium. Diese haben NICHTS gemein in den Absichten und Agendas, die sie verfolgen. Zumal Doro Bär als Ministerin die tollen Menschen von pinkstinksunterstützt, die sich gegen genau diese Mechanismen der Instrumentalisierung von Menschen durch Reduzierung auf ihre Sexualität unterstützt.

Infrastruktur und Mut retten Leben

Immer wieder lenken die Lobbyisten vom rational und ökonomisch und ökologisch notwendigen Mobilitätswandel ab, indem sie Scheingefechte in Mikrothemen aufsetzen und einen Sturm im Wasserglas erzeugen. Und dann tun sie es in diesem Falle auch noch mit Menschen, die sich leicht bekleidet in Laken räkeln und sich lasziv präsentieren. Dass es egal ist, ob hier Jungs oder Mädels abgebildet werden, wird nicht verstanden. Sexismus ist nicht geschlechterrelevant. Sexismus ist… aber das ist ja bekannt. Helme werden nachhaltig keine Leben retten. Weil der Konflikt und damit der Zusammenstoß zwischen Rad und Auto systemimmanent ist. Schützenswert ist immer das schwächste Glied einer Kette. In diesem Fall die Radfahrerin. Es gibt Abbiegeassistenten für LKW, es gibt protected bike lanes, es gibt die Freigabe von ehemaligen Autospuren für Radfahrerinnen. Diese Maßnahmen retten Leben. Ich freue mich, wenn für diese Maßnahmen mutig Geld und Gesetze in die Hand genommen werden.

6 Kommentare
  1. Marie-Luise
    Marie-Luise sagte:

    Solche Kampagnen wirken sich so aus, dass man bei jedem Fahrradsturz gefragt wird: “Und, du hattest doch einen Helm auf?”, auch wenn der eine Verletzung am Bein nun auch nicht verhindern kann. Es ist absurd, weil dadurch dem Fahrradfahrer und der -fahrerin die Schuld an der Verletzung aufgedrückt wird, auch wenn der/die gar nichts für den Unfall kann. Dass es zudem einen Schutz für den Kopf gibt, der die Frisur nicht zerstört (www.hovding.de) hat sich offenbar noch nicht bis ins Ministerium herum gesprochen.

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    • AdminKatja1973
      AdminKatja1973 sagte:

      Radfahrerinnen sind immer “schuld” – das zeigt schon die Sprache von Pressemitteilungen, die sich in den Zeitungen nach Unfällen finden. Deswegen ist die Kampagne auf viele Arten nichts, was etwas ändern wird – außer Sturm im Medienwald 🙁

      Antworten

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