Ein Gespräch auf dem Female Future Force Day mit Nene Opoku, Nela Riehl und Andrea Schöne hat mich noch einmal nachdenken lassen – über das, was in der Klimadebatte fast immer fehlt. Nicht die Zahlen. Nicht die Technologie. Sondern die Frage nach Macht, Geschichte und Verantwortung.
Wenn wir über die Klimakrise reden, reden wir fast immer über CO2. Über Temperaturen. Über Technologie. Was wir zu selten reden: über Macht. Über Kolonialgeschichte. Darüber, wer die Krise verursacht hat – und wer sie ausbaden muss.
19 Prozent der Weltbevölkerung sind verantwortlich für 92 Prozent der globalen CO2-Emissionen. Das bist Du, das bin ich. Die restliche Weltbevölkerung – 81 Prozent – für die letzten acht. Diese Zahlen sollten uns mit Demut, Verantwortung und dem festen Willen zur Veränderung erfüllen. Dennoch geschieht das nicht. Im Gegenteil: Es wird händeringend bestritten, dass die Übernahme individueller Verantwortung die Lösung sei. Aber wenn wir ehrlich sind, ist diese entlastende These nicht korrekt. Denn für wen produzieren diese Ölkonzerne, die gerade wieder unser Steuergeld erhalten? Von uns und unserem Konsum. Von unserer Fast Fashion, unserer Mobilität. Für all das Gedöns, das wir online next day bestellen, um uns einen Moment lang Dopamin zu gönnen. Und nein, ich sehe das nicht als komplett lösbares Problem an. Unser Leben ist schon viel zu lange darauf aufgebaut, dass der höchste CO2-Abdruck dem höchsten Erfolg gleichgesetzt wird. Aber ich merke selbst, wie der allmähliche Ausstieg aus dieser Maschinerie auch in kleinen Schritten entlasten kann.
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Denn diejenigen, die am wenigsten Verantwortung für die Katastrophe tragen, leiden am stärksten unter ihren Folgen – und das bereits jetzt. Dürren, Überschwemmungen und der buchstäbliche Untergang von Inseln wie Tuvalu und Fidschi sind bereits heute, bei einer Erwärmung um 1,5 Grad, Realität. „Wir sitzen alle im gleichen Boot, aber wir sinken nicht alle gleichzeitig“ – dieser Satz von Nene Opoku bleibt hängen.
Das ist keine Metapher. Das ist Klimarealität.
Der Fehler im System: Klimaschutz als Technikfrage
Seit Jahrzehnten drehen sich die internationalen Klimaverhandlungen um die Reduzierung von CO2, Marktsysteme und Technologietransfer. Was dabei völlig aus dem Blick gerät – vielleicht auch durch die Hunderten Fossillobbyist*innen vor Ort, ist die Frage nach den Ursachen.
Denn die europäische Industrialisierung, der Ausgangspunkt der Klimakrise, wäre ohne den Kolonialismus nicht möglich gewesen. Landraub, Ressourcenausbeutung und Versklavung waren die Grundlage dafür. Und die damals entstandenen Handelsstrukturen, in denen Ressourcen vom globalen Süden in den globalen Norden fließen, existieren heute noch.
Ich habe dazu vieles geschrieben und einige Podcasts aufgenommen. Denn die Mobilität klammert diese Historie nicht aus. Es geschieht sogar dasselbe, nur in grün angestrichen, erneut: Die Extermalisierung von Landraub, Ressourcenraub, der Bruch mit Menschenrechten und die Nichteinhaltung von Mindestlöhnen. Weil all das unsere „Greentech-Produkte“ wie Elektroautos überhaupt erst möglich macht.
Hier ein paar Beispiele:
Vom fossilen Patriarchat zum elektrischen Technofaschismus?
You say EV! I say BUT!
Since ever, german car-manufacturers are depending on externalisation. Of costs, ressources they need and destroying they make.
(Grüner) Kapitalismus am Limit: Wie wir Wirtschaft und Gesellschaft neu denken müssen.
Hinzu kommt, dass das Risiko, bei einer Naturkatastrophe zu sterben, für Menschen mit Behinderung bis zu viermal höher ist. Trotzdem fehlt ihre Vertretung auf den COP-Klimakonferenzen bis heute. In vielen Parlamenten, die über Klimapolitik entscheiden, sitzen zudem immer noch überwiegend weiße Männer.
Intersektionalität ist kein akademisches Konzept. Sie beschreibt, wer überlebt. Und sie ist deswegen mein Kompass, auch wenn der Begriff und die darauf folgenden Forderungen noch so viele nerven. Ich bleibe dabei: Alles, was nicht intersektional gedacht wird – und das von Beginn an – bei „neuen“ Lösungen, kann weg. Weil es den falschen Status Quo manifestiert.
Drei Dinge scheinen mir entscheidend:
Marginalisierte Stimmen müssen an den Tisch – nicht als Geste, sondern als strukturelle Voraussetzung. Wer über die Klimakrise entscheidet, ohne die Betroffenen einzubeziehen, trifft schlechte Entscheidungen.
Klimajournalismus und Klimabewegung müssen diverser werden. Eine weiße, homogene Klimabewegung reicht nicht. Andere Perspektiven machen die Analyse besser – nicht nur gerechter.
Und: Utopien zulassen. Wenn wir aufhören, uns eine andere Welt vorzustellen, werden wir sie nicht bauen. Klimagerechtigkeit bedeutet nicht, das Klima zu retten und dabei alles andere beim Alten zu lassen. Es bedeutet, eine Welt zu bauen, in der niemand zurückgelassen wird.
Das ist radikal. Und damit ist das Mindeste. Weil es an die Wurzel der Probleme geht. Weil es eine Operation ist, anstatt nur schnell ein Pflaster aufzukleben.


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