Auf meinen letzten Post bei LinkedIn gab es viel Reaktion. In den Kommentarspalten wurde ich herabwürdigend behandelt – wie stets von Männern, die nicht in der Lage sind, mein Geschlecht aus Debatten herauszuhalten und sich auf die Sachebene zu konzentrieren.
Ich danke aber auch ausdrücklich allen Herren, die mit mir genau das taten und mir halfen, meine Argumentation zu schärfen.
Mein Fazit bleibt: Autonomes Fahren, das ohne die unterbezahlte Arbeit von Clickworkern in Schwellenländern nicht möglich ist, rechtliche Grauzonen nutzt… ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.
Ein anderer Aspekt irritierte mich jedoch: Da ich viel auch in US-amerikanischen Kontexte lese, war mir der Begriff des Technofaschismus seit Jahren vertraut, wissenschaftlich belegt, diskutiert, in vielen Podcasts und Studien vertieft. Für alle, denen dieser Begriff neu ist, empfehle ich eine hochaktuelle Übersicht Technofascism: AI, Big Tech, and the new authoritarianism. Mir wurde von einigen Kommentierenden vorgeworfen, mit dem Begriff des Faschismus´ zu „leichtfertig“ umzugehen. Dieser sei doch eher katastrophaleren Systemen zuzuschreiben. Das sehe ich anders. Und ich bin damit nicht allein.
The rapid development of digital technologies, including AI, is having a significant impact on the social, economic, and political life. Yet, while presented as milestones in innovation and progress, these technological transformations have also introduced mechanisms of control, forms of organization, and ideological patterns that bear striking resemblances to historical fascist phenomena. Moreover, in parallel and increasingly intersecting with this development is a broader political context of fascist ideologies and strategies, populism, authoritarianism, and (other forms of) illiberalism in the West. Drawing from the classic philosophical and political theory literature on fascism, authoritarianism, and totalitarianism, this paper argues that and how features of contemporary digital technologies, their governance, and their political context mirror features of fascism. It concludes with a call to resist these new, anti-democratic forms of governance and domination, and make more systemic changes to both the development of technologies and the governance of tech and society.
Mit diesem Artikel möchte ich die Gedanken, die ich in den letzten Monaten beobachtend entwickelt habe, zu einem ersten Gesamtbild zusammenfügen. Ich wünsche mir eine sachliche Debatte, denn dies ist eine Momentaufnahme und eine Aufforderung zur gemeinsamen Reflexion dessen, was geschieht. Dabei nehme ich mir das Recht heraus, keine globalgalaktische Betrachtung zu bieten, sondern mich auf das zu konzentrieren, wo meine Expertise liegt. Der Versuch der Etablierung einer klima- und sozial gerechten, wahlfreien Mobilität jenseits von Autozwang. Ich denke jedoch, dass meine Beobachtungen nicht nur für den Status quo des fossilen, patriarchalen Autosystems gelten, sondern für alle Bereiche, die wir aufgrund der Klimakatastrophe beginnen zu ändern. Nicht, weil wir intrinsisch motiviert sind, allen Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen.
Wenn du es bis hierhin geschafft hast, möchte ich dir danken. Du bist offensichtlich keine Person, die schon beim Wort „Patriarchat” in Abwehr fällt!
Worum es in diesem Artikel geht.
Wir erleben gerade eine vermeintliche Mobilitätswende: vom Verbrenner zum E-Auto, vom menschlichen Fahrer zur künstlichen Intelligenz. Das wird uns als Fortschritt verkauft. Als Klimaschutz. Als Innovation.
Aber was, wenn es nur die Fortsetzung desselben Systems ist? Mit denselben Machtverhältnissen, denselben Ausbeutungsstrukturen, derselben Gewalt — nur in neuer Verpackung?
Mein Artikel zeigt drei Aspekte:
Erstens: Automobile Gewalt ist nicht nur ein Spiegel patriarchaler Gewalt. Sie ist eine eigenständige Form struktureller Gewalt, die aktiv zur gesellschaftlichen Verrohung beiträgt.
Zweitens: Die elektrische Transition demontiert diese Strukturen nicht. Sie upgradet sie — mit denselben Externalisierungsstrategien, demselben unerbittlichen Ressourcenhunger, denselben Kontrollmechanismen, nur technologisch „smarter“.
Drittens: Was entsteht, ist elektrischer Technofaschismus — die Verschmelzung von Big Tech-Macht, autoritärer Politik und algorithmischer Kontrolle über Bewegung und öffentlichen Raum.
Die gute Nachricht: Es gibt Alternativen. Aber nur, wenn wir jetzt handeln.
Wie das autozentrierte System patriarchale Gewalt perpetuiert – und warum die Elektrifizierung droht, alles noch schlimmer zu machen

Ich höre gerade nochmal (unter dem Eindruck des männlichen Missbrauchssystems rund um Epstein) den Spiegel-Podcast über den Fall Pelicot. Den Prozess in Frankreich, in dem Gisèle Pelicot mutig über Jahrzehnte des Missbrauchs aussagte, den ihr Ehemann orchestriert hatte. Der Podcast macht eines deutlich: Patriarchale Gewalt wird nicht durch den Mut von Frauen enden. Männer müssen sich dafür entscheiden, sie zu beenden.
Diese Erkenntnis bringt mich auch zum Nachdenken über Mobilität. Denn patriarchale Gewalt spiegelt sich nicht nur in unserer autozentrierten Gesellschaft wider. Sie manifestiert sich durch sie.
Automobile Gewalt als patriarchale Gewalt
Der öffentliche Raum ist durch Autos zu einem Raum der rechtlichen Grauzone geworden. Zwar gibt es Gesetze und Verordnungen, die hier Dinge regeln sollen, doch die Missachtung dieser ist gesellschaftlich anerkannt. Parken im Parkverbot gilt als Kavaliersdelikt, wer eben mal zum Bäcker muss, wird ja wohl noch sein Auto auf den Rad- oder Gehweg stellen dürfen. Die Macht liegt eindeutig auf Seiten der Menschen im Auto – während Jene im Außen sehr vulnerabel sind, nicht nur, weil sie keine Hülle aus Stahl mit sich führen.
Was automobile Dominanz bedeutet:
- Physische Gewalt: Tote und Verletzte, das ständige Brüllen von Motoren, rücksichtslose Raserei, Luftbelastung, Mikroplastik.
- Räumliche Gewalt: Alles beherrschendes, geparktes Blech, das den öffentlichen Raum verschlingt.
- Demokratische Gewalt: Zerstörung von Begegnungsräumen und Privatisierung von Bewegung.
- Psychologische Gewalt: das ständige Hintergrundrauschen, das Menschen mürbe macht; die Realitätsverzerrung durch massive SUVs, die Fahrer*innen von der Mitwelt so isolieren, dass sie diese fast vergessen.
Automobile Gewalt ist eine Weiterentwicklung patriarchaler Gewalt — ein maßgeblicher Treiber der gesellschaftlichen Verrohung, die wir erleben.
Autozentrierung vernichtet demokratische Begegnungsplätze. Sie verdichtet die Privatsphäre. Sie steigert die Angst vor „Fremden“, weil wir nur noch aneinander vorbeifahren, nie miteinander. Der Weg ist nicht mehr das Ziel — er ist im Weg. Und alle anderen, die auf diesem Weg liegen, nerven.
Die „weicheren Formen von Mobilität“ — Fuß- und Radverkehr, das gemeinsame Nutzen von Bussen und Bahnen statt Egokisten — all das nagt an der Macht des fossilen Patriarchats.
Diese Mobilitätsformen erfordern:
- Verletzlichkeit: Du bist exponiert, nicht geschützt durch Metallrüstung.
- Kooperation: Du teilst Raum, verhandelst Präsenz, erkennst andere an.
- Gleichheit: Ein CEO und eine Studentin warten an derselben Bushaltestelle.
- Verkörperung: Du spürst das Wetter, siehst Gesichter, existierst in der Welt, statt von ihr isoliert zu sein.
Jede gut gestaltete Fahrradinfrastruktur, jede häufig fahrende Buslinie, jeder Fußgänger*innenplatz ist eine kleine Erosion automobiler Macht. Und Macht gibt niemals freiwillig auf.
Und hier ist, was mich nachts wachhält: Was als nächstes kommt, wird nicht besser sein. Es wird Technofaschismus in elektrischer Form sein.
Die Transition zu Elektrofahrzeugen und „autonomer“ Mobilität demontiert das System nicht. Sie upgradet es.
Angelehnt an die aktuelle Forschung zum Technofaschismus, der Verschmelzung von technologischer Allgegenwart und faschistischen Tendenzen, können wir erkennen, wie die Energiewende dieselben Kontrollmechanismen, dieselben Ausbeutungsstrategien und dieselbe Externalisierung von Kosten fortführt. Und wie der Hype um das, was wir KI nennen, genau in diese Richtung treibt, anstatt uns innehalten und bewusster agieren zu lassen. Zurück zu den privat besessenen Autos und Dienstwagen.
Dieselbe Dominanz, neue Verpackung:
- E-Autos sind aktuell oft sogar schwerer, größer, ressourcenintensiver als „herkömmliche“ Modelle.
- Sie erhalten räumliche Dominanz und benötigen weiterhin massive Infrastruktur. Diese leidet unter dem höheren Gewicht sogar mehr. Neue Parkplätze müssen größer sein, es gibt in Parkhäusern „SUV-Decks“.
- Sie bewahren die Isolation privater Fahrzeuge.
- Sie setzen die Zerstörung demokratischen öffentlichen Raums fort
Und hier lasst mich ganz klar sein: Das ist mitnichten ein Plädoyer für fossile Autonutzung. Im Gegenteil. Alles, was zukünftig wirklich noch als privates Auto benötigt wird, muss elektrisch sein. Um als Speicher im dezentralen Energiesystem zu dienen, uns unabhängig von fossilen Despoten zu machen und Energie zu nutzen, die erneuerbar ist. ABER: Das bedeutet NICHT die Elektrifizierung eines absurden deutschen Fuhrparks von 50 Millionen Autos! Sondern das Gesundschrumpfen auf Autos, die wirklich benötigt werden. Die geteilt werden. DAS könnte z. B. KI organisieren.
Dieselbe Ausbeutung, offshore, ein paar Beispiele:
- Lithiumabbau verwüstet Gemeinschaften in Chile, Argentinien, Bolivien.
- Serbien soll ebenfalls durch Deutschland in Sachen Lithium ausgebeutet werden. Autoindustrie basiert auf externalisierter Ausbeutung. Ja, wie vieles. Aber das macht es ja nicht besser?
- Batterieproduktion konzentriert sich in Ländern mit schwachem Arbeitnehmer*innenschutz.
- Remote-„Assistenz“ für „autonome“ Fahrzeuge wird ausgelagert in Schwellenländer, auf billige Clickworker.
Und ja: Es soll „bald“ Kreislaufwirtschaft, Recycling, 2nd life für Batterien geben. Lithium wurde auch in Deutschland gefunden. All das ist aber Zukunftsmusik, vor allem vor dem, was ich jetzt aufzähle:
- Der unerbittliche Energiehunger wird lediglich von Tankstellen zu Stromnetzen verschoben.
- Massiver Wasserverbrauch (Batterieproduktion, Kühlungsinfrastruktur)
- Landraub für Minen, Fabriken und Ladeinfrastruktur
- Wenn Batterien „sterben”, wird auch dieser Müll in den Globalen Süden exportiert.
Hinzu kommen neue Überwachungsmechanismen:
- Konstante Datenextraktion aus „smarten“ Fahrzeugen
- Algorithmische Governance durch „autonome“ Systeme
- Verhaltensüberwachung normalisiert als „Komfort“
- Unternehmenskontrolle über Mobilitätszugang
Und ja, nicht zuletzt zeigt meine Reihe #UnplugBigTech (schon ausprobiert?), dass wir mit unseren Handys und Laptops bereits hochgradig abhängig und angreifbar geworden sind. Das müssen wir aber nicht als Ausrede nutzen, um das bei unserer Mobilität zu wiederholen.
Das Playbook der erzwungenen Adoption
Genau wie bei Autos im 20. Jahrhundert werden wir in dieses System gezwungen.
Betrachten wir die Parallelen zur KI-Adoption heute. Beide Technologien werden positioniert als:
- Unvermeidlich: „Man kann den Fortschritt nicht aufhalten“
- Essentiell: „Du wirst ohne es zurückbleiben“
- Überlegen: „Es ist sicherer/smarter/effizienter“
- Gemeinschaftszugehörigkeit: „So arbeiten ernsthafte Menschen“
Wenn du kein Auto besitzt – oder bald kein E-Auto mehr –, giltst du schnell als unpraktisch, ideologisch und naiv. Wenn du bei der Arbeit keine KI-Tools nutzt, giltst du als Luddist.
Beide Systeme operieren mit dem, was Wissenschaftler:innen „leisere, heimtückischere Kontrollmechanismen” nennen: Datenextraktion, algorithmische Governance, Verhaltensnudging und Plattformmonopolisierung. All dies geschieht unter dem Deckmantel von Komfort und Personalisierung.
Das ist Technofaschismus: technologische Allgegenwart, verschmolzen mit autoritärer Kontrolle, die Bedingungen von Entpolitisierung, Atomisierung und Polarisierung schafft.
Jetzt wird Technofaschismus lauter.
Elon Musk — Besitzer von Tesla, Champion nochnichtautonomfahrender Fahrzeuge, Förderer rechtsextremer Ideologie — agierte als ungewählter Regierungsbeamter an der Spitze von Trumps sogenanntem Department of Government Efficiency (DOGE).
Silicon Valleys politische Macht, seine technokratischen Fantasien, seine „kaltblütige Verfolgung von Effizienz“ verstecken sich nicht mehr hinter Innovations-Rhetorik. Sie regieren.
Wie The New Yorker kürzlich folgerte:
„Techno-Faschismus kommt nach Amerika.“
Der Mann, der Elektroautos als Klimarettung verkauft, ist derselbe Mann, der:
- Gewerkschaften ablehnt
- Autoritäre Politik weltweit fördert
- Politische Macht ohne demokratisches Mandat erwirbt
- Überwachung und Datenextraktion als Geschäftsmodelle normalisiert
Das ist kein Zufall. Es ist der logische Endpunkt, wenn technologische Systeme, die für Dominanz entworfen wurden, mit autoritärer Politik verschmelzen.
Was Männer tun müssen.
Zurück zum Fall Pelicot. Gisèle Pelicots Mut ist außergewöhnlich. Aber sie kann patriarchale Gewalt nicht alleine beenden. Millionen mutige Frauen können sie nicht alleine beenden.
Nur Männer können sich entscheiden, Misogynie zu beenden.
Dasselbe gilt für automobile Gewalt und die technofaschistischen Systeme, die gebaut werden, um sie zu ersetzen.
Männer — besonders jene mit Macht in Technologie, Politik, Stadtplanung und Verwaltung — müssen sich entscheiden, diese Systeme zu demontieren. Nicht zu upgraden. Nicht elektrisch zu machen. Nicht „smart“ zu machen.
Sie zu demontieren.
Das bedeutet:
- Die Unvermeidlichkeits-Narrative um E-Autos und autonome Fahrzeuge abzulehnen
- In öffentlichen Verkehr, Radinfrastruktur, fußgängerfreundliche Städte zu investieren
- Big Techs Macht über Mobilitätssysteme zu regulieren
- Die Überwachungs- und Datenextraktions-Geschäftsmodelle abzulehnen
- Demokratische, zugängliche, wirklich nachhaltige Mobilität zu bauen
Die elektrische Transition, wie sie aktuell gestaltet wird, ist kein Fortschritt. Sie ist die Perpetuierung des fossilen Patriarchats durch neue Mittel — mit derselben Gewalt, derselben Ausbeutung, derselben Externalisierung, jetzt verpackt in grünem Marketing und algorithmischer Kontrolle.
Ein anderer Weg
Wir wissen, wie gerechte, nachhaltige, demokratische Mobilität aussieht. Städte wie Kopenhagen, Amsterdam, Malmö und Wien haben es uns gezeigt.
Es geht nicht um Technologie. Es geht um Prioritäten.
- Wer bekommt Raum?
- Wer fühlt sich sicher?
- Wer kann sich frei bewegen?
- Wer profitiert?
- Wer zahlt die Kosten?
Die Antworten auf diese Fragen offenbaren, ob ein System demokratisch oder faschistisch ist, gerecht oder ausbeuterisch, nachhaltig oder extraktiv.
Gerade jetzt wird uns elektrischer Technofaschismus als Lösung für das fossile Patriarchat verkauft.
Wir verdienen Besseres. Und wir müssen es einfordern — bevor das neue System so verankert wird wie das alte.
Denn sobald Überwachung zur Infrastruktur wird, sobald algorithmische Kontrolle normal wird, sobald Milliardärs-Governance akzeptiert wird — wird es noch schwerer zu demontieren sein als das fossile System, unter dem wir jetzt leben.
Die Zeit zu widerstehen ist jetzt. Die Zeit, Alternativen zu bauen, ist jetzt.
Nicht nach der Transition. Jetzt.


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