Gestern lief ich durch Eimsbüttel. Bis zum Kragen zugeparkt mit Bullies, die wochenlang nicht bewegt werden – nicht nur der Schnee zeigt das immer wieder deutlich. Auch Baumpflegearbeiten machen sichtbar, wie viel Raum verloren geht – weil dann alle Autos weichen müssen.
So viel Raum!
Für Begegnungen. Für Austausch. Für Demokratie.
Ich hatte mein Hörbuch auf den Ohren, um den Autolärm auszublenden.
Dann: Ein Galileo-Team spricht mich für eine Straßenumfrage an. Ich mache mit – weil ich diesen Job selbst oft genug für Radio, Fernsehen und Zeitung gemacht habe und weiß, wie übel er ist.
Es geht um zwei junge Unternehmer, die eine japanische Idee nach Deutschland bringen: Kuchen to go. Handgemacht, täglich frisch, neue Kreationen. Ich probiere und hebe vor allem das Handwerk hervor. Eine Seite meiner Verwandten waren Bäcker – jüngst Insolvenz, weil zu viele Menschen für 20 Cent weniger zum Backshop gehen statt zum echten Handwerk.
Ich laufe zum Café der beiden, um sie auf Social Media zu pushen. Mir sind lokale Geschäfte wichtig.
Im Laden: großes Hallo. Ich bekomme einen Iced Matcha for free, wir kommen ins Gespräch.
Und dann kommt der Moment, der mir zeigt, warum meine Arbeit richtig ist:
Die vier Mittzwanziger verstehen sofort, worum es bei meiner Arbeit geht. Einer sagt: „Wir hätten nie die Chance gehabt, uns einfach so auf der Straße zu treffen und zu quatschen. Es gibt dafür keinen Raum.“
Ein anderer: „Als Jugendliche haben wir uns nach der Schule immer in einer Mall getroffen. Dort gab es Bänke – auch wenn wir eigentlich nicht erwünscht waren. Man muss immer etwas kaufen, wenn man sich treffen und unterhalten will.“
Noch einer: „Ich mag es voll gern, neue Leute kennenzulernen. Aber einfach so tagsüber? Nee, das habe ich auch noch nie erlebt.“
Ich erzähle, dass ich das durchaus mache – Menschen ansprechen, wenn Details einladen und ich Lust darauf habe. Weil ich neugierig bin.
„Nice“, sagen sie. Aber auch: Manche würden das sicher „cringe“ finden. Weil wir uns doch eigentlich gar nicht mehr so einfach unterhalten.
Was mich besonders berührt:
Alle vier Jungs und die Partnerin des einen Inhabers haben Migrationshintergrund. Sie bewegen sich – auch darüber sprechen wir – nicht nur altersbedingt in völlig anderen Sphären Hamburgs.
Ich gehe mit dem guten Gefühl: Ja, genau deshalb tue ich, was ich tue.
Dem Auto Privilegien abringen, um dem Menschen wieder Raum für Begegnung und Demokratiestärkung zu geben.
Denn wenn junge Menschen nur noch in Malls oder Cafés zusammenkommen können, weil der öffentliche Raum vollgestellt ist mit parkenden Autos – dann verlieren wir mehr als Platz.
Wir verlieren Zufälle. Begegnungen. Austausch über Sphären hinweg. Demokratie im Kleinen.
Solche Tage sind für mich gute Tage. Mit Begegnung, voneinander lernen durch Zuhören und Interesse.


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