Gestern Abend saß ich im Schauspielhaus Hamburg. Vorlesung für Alle. Thema: „Krieg und Aufrüstung: Kommen wir da je wieder raus?“ Referent: Ulrich Kühn, Friedensforscher am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Uni Hamburg.
Ulrich Kühn leitet am IFSH den Forschungsbereich Rüstungskontrolle und Neue Technologien. Und er sagt etwas, das noch vor wenigen Jahren in der Friedensforschung undenkbar gewesen wäre: Wir kommen nicht darum herum, aufzurüsten.
Das sei nicht seine Utopie, betont er im taz-Interview vor der Vorlesung. Natürlich wolle auch er zurück zu einem kooperativen, inklusiven, fairen Sicherheitssystem in Europa, in dem nicht „die krude Sprache der Macht das letzte Wort hat“.
Aber: Friedensforschung muss sich damit beschäftigen, wie die Welt ist, bevor sie sich Gedanken darüber macht, wie sie sein sollte.
Und die Welt, wie sie ist, sieht so aus: Russland hat in den letzten 25 Jahren gezeigt, was es von kooperativer Sicherheit hält. Die Frage ist nicht mehr „ob“, sondern „wer ist als Nächster dran?“ Und: „Wären wir überhaupt fähig, uns zu verteidigen?“
Seine Antwort: Nein, zurzeit nicht. Kühn sieht uns da ungefähr zehn Jahre im Rückstand.
Das Problem ist nicht nur, dass aufgerüstet werden muss. Sondern wie.
Kühn nennt zwei Faktoren, die ihm Sorgen machen: Nationalstaaterei und Bürokratie.
Ein Beispiel: Deutschland schafft einen bestimmten Panzer-Typ an. Polen und Slowenien produzieren einen ähnlichen Typ – selbst, obwohl das viel teurer ist. Keine Arbeitsteilung, keine Effizienz, absurd viel verbranntes Geld. Und das in einer Zeit, in der wir in den nächsten Jahren, wahrscheinlich Jahrzehnten, massiv in Verteidigung investieren werden. Geld, das an anderer Stelle fehlen wird. Denn auch das betonte Kühn gestern Abend: Wir müssen uns bewusst sein, dass wir mit den hohen dreistelligen Milliardenbeträgen, die wir jetzt in die Aufrüstung investieren, die Zukunft der heutigen Kinder und ihrer Kinder schwächen, was Investitionen in Klimaschutz, Soziales, Bildung, Gesundheit, Infrastruktur… angeht.
Kühn fordert deshalb eine breite gesellschaftliche und politische Debatte darüber.
Und dann wurde es noch dunkler.
Atomare Waffen sind wieder eine reale Möglichkeit.
Kühn arbeitet gerade an der „Herbstkrise 2022“ – dem Moment, in dem die USA laut Geheimdiensterkenntnissen davon ausgingen, dass Russland ernsthaft über den Einsatz taktischer Nuklearwaffen in der Ukraine nachdachte.
Das wäre, so Kühn, „der größte Zivilisationsbruch der letzten 100 Jahre“ gewesen. Denn seit 1945 galt das nukleare Tabu – eine Errungenschaft der Menschheit, auf die wir stolz sein konnten.
Dieses Tabu ist in Gefahr.
Die Menschen, die heute „am roten Knopf sitzen“ – Trump, Xi Jinping, Kim Jong Un, Netanjahu, Putin – nennt Kühn „sehr fragwürdige Gestalten“. Atomwaffen sind nicht mehr nur theoretische Abschreckung. Sie könnten wieder praktische Funktion bekommen.
„Kommen wir da je wieder raus?“
Die Frage, die Kühn als Titel seiner Vorlesung gewählt hat, ist eine, die er selbst kaum noch optimistisch beantworten kann. Dennoch ein schönes Zitat aus dem taz-Artikel:
„Als Friedensforscher darf man die Utopie am Firmament nicht komplett aus dem Auge verlieren, obwohl nur wenig dafür spricht.“
Das ist keine Resignation. Das ist brutale Ehrlichkeit.
Ich bin zu dieser Vorlesung gegangen, weil ich verstehen wollte, wie jemand, der sein Leben der Friedensforschung gewidmet hat, zu dem Punkt kommt, Aufrüstung zu fordern. Und ich habe verstanden: Es ist keine Abkehr von Frieden. Es ist die Einsicht, dass Frieden gerade nicht durch Wunschdenken entsteht, sondern durch Realismus. Kühn thematisierte auch sehr deutlich, dass Angst hier eine Rolle spielt. In der Bevölkerung, aber auch als Instrument der wechselseitigen Aufrüstung. Hier forderte er Medien und Politik zu mehr Transparenz auf, die gewählten Aufrüstungsmaßnahmen verständlich zu vermitteln – und sprach unserer Politik ab, einen wirklichen Masterplan bei den aktuellen Investitionen zu haben.
Kühn sagt: Wir brauchen eine Debatte in der Zivilgesellschaft und in der Politik.
Diese Debatte darf nicht nur darüber sein, welche Panzer wir kaufen. Sie muss auch darüber sein:
- Was verlieren wir, wenn wir aufrüsten? Nicht nur Geld, sondern auch gesellschaftliche Prioritäten.
- Wie stellen wir sicher, dass Aufrüstung nicht zum Selbstzweck wird? Dass wir nicht in eine Spirale geraten, die am Ende niemanden sicherer macht.
- Wie halten wir die Utopie am Firmament, wie Kühn es nennt, auch wenn die Realität dagegen spricht?
Friedensforschung, die Aufrüstung fordert, ist kein Widerspruch mehr. Das zeigt, wie ernst die Lage ist.
Aber es zeigt auch: Wir dürfen Frieden nicht aufgeben, nur weil er gerade unerreichbar scheint.
Wie geht ihr mit dieser Spannung um? Zwischen dem, was nötig ist, und dem, was wir verlieren?


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