2026. Alle europäischen Metropolen steigen aus der Autozentrierung aus. Alle? Nein! Berlin beschließt den Weg in die Vergangenheit und will provinzielles Flair in der Hauptstadt zurück. Lärm, Gestank, Enge – hach. Für alle, die nur schnell durchfahren wollen doch egal! Problem nur für die Mehrheit der Menschen, die gut in Berlin leben wollen und das bereits ohne eigenen Auto befreit umsetzen (wollen). Ihnen steht da was im Weg. Nicht nur das geparkte Blech, das seltsamerweise dennoch viele Viertel prägt, sondern eine Autopartei, in der es immer noch brummt, weil elektrisch mobil so gar nix ist für Manifestation des fossilen Autofokus‘.
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Berlin, im Jahr 2026. Die Koalitionsverhandlungen laufen, und die CDU hat ein Wahlprogramm vorgelegt, das man nur so beschreiben kann: Mutig für Minderheiten eintretend! Denn während die Berliner*innen laut der Mobilitätsstudie der TU Dresden 2023 nur noch zu 22 Prozent mit dem Auto unterwegs sind – und zu 33 Prozent zu Fuß, zu 26 Prozent mit dem ÖPNV und zu 18 Prozent mit dem Fahrrad -, hat die aktuelle Hauptstadtpartei mit Speckgürtelherz erkannt: Diese 22 Prozent brauchen mehr. Viel mehr. Und zwar sofort.
Auto verbieten verboten!, ruft das Programm bereits in der Kapitelüberschrift. Man fasst sich ans Herz. Endlich jemand, der das ausspricht, was alle dachten. Das Auto, dieses bedrohte Wesen, das sich in Berlin auf gerade noch 275 Fahrzeuge pro 1.000 Einwohner*innen reduziert hat – 2010 waren es noch 298! –, muss endlich eine Lobby bekommen.
Die CDU hat sie gefunden.
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Tempo 50: Weil Schnelligkeit weniger und nicht Lebensqualität vieler das Wichtigste ist.
Das Herzstück der CDU-Verkehrspolitik ist so simpel wie erhellend: Tempo 50 soll auf Hauptstraßen der Regelfall bleiben. Nicht Tempo 30. Auf keinen Fall Tempo 30! Wer wären sie denn in Berlin, wenn sie täten, was so viele bereits machen!? Eigenverantwortung – DAS ist der Weg! Nicht in eine ruhige, grüne, lebenswerte Zukunft für alle – so aber doch für möglichst wenig Zeit in Berlin für alle, die mit dem Auto nur schnell durch und dann wieder weg wollen. Auto-Pendler*innen zum Beispiel, aus den Villenvororten.
Dass in Bologna seit der Einführung von Tempo 30 im ersten Jahr keine*n einzige*n Fußgänger*in mehr im Straßenverkehr getötet wurde – zuvor waren es sechs Tote -, ist natürlich nicht mal eine Randnotiz, weil sie nicht in den eigenen Unionsfreiheitsbegriff passt, weil Mitmenschlichkeit und Schutz von Schwächeren nun wirklich nicht mehr „en vogue“ ist. Dass Lyon nach Tempo 30 35 Prozent weniger Unfälle und 39 Prozent weniger Schwerverletzte verzeichnete, das sind sicher keine Fakten, weil das zu sehr nach linker Propaganda klingt. Wer verkauft schon Autos, wenn er keine Raserei mehr versprechen kann? Dass Paris seit 2021 Tempo 30 zur Regelgeschwindigkeit gemacht hat und die Luft seitdem besser und sogar aus den Randbezirken heraus auf das Fahrrad umgestiegen wird – nun ja, die Franzosen waren schon immer seltsam. Weil eben nicht deutsch.
Berlin dagegen kennt seine Prioritäten: Wer mit dem Auto durch die Stadt fährt, soll das zügig tun können. Dass die meisten Staus nicht durch Tempo-30-Zonen entstehen, sondern durch andere Autos, ist ein Detail, das das Programm geflissentlich übergeht. Leben retten und Lebensqualität verbessern – das kann man ja irgendwann noch machen. Erst mal schnell fahren. Die KIientel, an die sich diese Politik richtet, lebt ja nicht im Innenstadtbereich – also da, wo neben Einwohnenden auch viele Tourist*innen eine lebenswerte Stadt erwarten.
Der Poller-Irrsinn oder: Steine des Anstoßes.
Wer durch Berlin geht, dem ist er vertraut, der Poller. Dieses kleine zylindrische Objekt, das Automenschen liebevoll brachial davon abhält, auf Bürgersteigen, Radwegen oder in Wohnstraßen zu parken, Schulwege zu blockieren oder auch einfach Dinge zu schützen, die Automenschen sonst umfahren würden. Ladesäulen zum Beispiel. Deswegen sind Poller auch oft windschief, weil sie Automenschen aufhielten. Für die CDU: Irrsinn.
„Wir stoppen den Poller-Irrsinn“, heißt es im Programm. Die Mittel für Kiezblocks werden gestrichen. Keine neuen verkehrsberuhigten Zonen. Stattdessen: mehr Investitionen in den Straßenbau. Dabei hatte ich bei der Überschrift „Das Boston an der Spree“ völlig naiv lebenswerte Räume mit viel Grün vor meinem inneren Auge. Hier gehts aber „nur“ darum, wettbewerbsfähige (ist das was Kapitalistisches?) Gesundheitssysteme aufzubauen.
Man muss sich das vorstellen wie das Heizen bei offenem Fenster – nur umgekehrt: Man baut mehr Straßen, damit mehr Autos fahren, damit mehr Stau entsteht, damit man mehr Straßen braucht. Ein Perpetuum mobile der Verkehrsplanung, das die Wissenschaft „induzierten Verkehr“ nennt und zu vermeiden streng befürwortet – was die CDU Berlin aber für in ihrem Mut zur Autostadt nicht aufhalten kann. Irgendwann kommt schon wieder eine Wissenschaft, die diesen Kurs stärkt! Die Kinder, die auf dem Schulweg nicht mehr von Autos gefährdet werden wollen, mögen sich bitte IN Autos setzen.
Die Magnetschwebebahn: Weil Träume nichts kosten (außer sehr viel).
Und jetzt, meine Damen und Herren, das Sahnestück: Die CDU Berlin plant eine Magnetschwebebahn. Vom Urban Tech Republic (früher: Flughafen Tegel, noch früher: Prestigeprojekt) nach Jungfernheide. Per Privatinvestition, versteht sich. Eine Magnetschwebebahn. In Berlin. Wo die BVG gerade dabei ist, ihre bestehenden Linien mit ausreichend Fahrgästen zu füllen, wo die U-Bahn an Kapazitätsgrenzen stößt und wo ein Ausbau des vorhandenen Netzes Jahrzehnte dauern würde.
Aber warum das Bestehende verbessern, wenn man das Futuristische haben kann?
Ist euch schomal aufgefallen, dass konservative Politik immer an den unmöglichsten Stellen zu Visionen bereit ist, die auf eine Technik von übermorgen wartet? Autonomes Fahren, Hyperloop und nun auch die Magnetschwebebahn ist das Sinnbild einer Verkehrspolitik, die lieber wartet als löst: technologisch imponierend, praktisch marginal, symbolisch perfekt. Während Busse zu spät kommen und Fahrradwege auf halber Strecke enden, fährt im CDU-Programm eine Magnetschwebebahn durch eine Lücke, die noch gar nicht als Lücke identifiziert wurde. Ein erstes Patent dafür wurde übrigens 1934 angemeldet. Man könnte auch einfach die Straßenbahn verlängern. Sichere Radwege bauen. Unterbrechungsfrei. Barrierefreiheit priorisieren. Aber das klingt nach Verkehrswende. Und die hatten wir jetzt wirklich lange genug. Und die bekommen wir auch eh nur, wenn für PRO Olympia sind. Also in Hamburg gar nicht, weil da stimmten wir dagegen.
Zugangskontrollen in der U-Bahn: Aus für die Armen.
Es war scheinbar unvermeidlich: Die CDU will die U-Bahn perspektivisch zu einem geschlossenen System machen. Mit Zugangskontrollen. Millionenschweres Pilotprojekt auf ausgewählten Linien.
Wozu das gut ist? Offiziell: Sicherheit. Inoffiziell: Es gibt Menschen, die die U-Bahn nutzen, ohne zu zahlen. Und manchmal auch Menschen, die sie als Obdach nutzen, weil sie keines haben. Aber wer wären wir denn in Berlin, wenn wir die Ursachen bekämpfen, wie horrende Mieten und verdeckte oder offene Wohnungslosigkeit? Wir können doch viel einfacher – und vielleicht genauso teuer – die Menschen drangsalieren, die unter diesen menschenunwürdigen Zuständen leiden und in eine soziale Abwärtsspirale gepresst zu Unerwünschten und am liebsten nicht Sichtbaren werden.
Zugangskontrollen kosten Millionen in der Installation und noch mehr im Betrieb. Sie verlangsamen Ein- und Ausstieg, erhöhen Kosten – und lösen das Problem der Obdachlosigkeit ungefähr so gut wie ein Regenschirm einen Hurrican aufhält. Was ist mit Menschen, die ein Deutschlandticket haben – ein Gruppenticket? Schwerbehinderte können kostenlos fahren. Brauchen wir dann auch alle eine Karte, die entsprechend lesbar ist – also rein in den Digitalzwang!? Huiuiui – ich will nicht mit den Fakten nerven, die meine Berufserfahrung mit sich bringt.
Eine günstigere Alternative? Ein kostenloser ÖPNV, oder zumindest ein robuster Sozialtarif, wäre vermutlich billiger als die Drehkreuze, würde aber tatsächlich Menschen in den ÖPNV bringen. Also: mehr Nutzung, weniger Autos, mehr Klimaschutz.
Kommt im Programm nicht vor.
Das Fazit oder: Wen die CDU meint, wenn sie „Berlin“ sagt.
Es ist ein charmantes Paradox: Berlin ist eine der am wenigsten autoabhängigen Großstädte Deutschlands. Weniger als ein Viertel aller Wege werden mit dem Auto zurückgelegt. Jedes Jahr sinkt die Zahl der zugelassenen Pkw. Die jüngere Generation macht seltener den Führerschein, weil die meisten Berliner*innen längst verstanden haben, dass man die Stadt nicht im Auto erlebt, sondern mit zu Fuß, dem Rad oder der Bahn.
Und die CDU Berlin schreibt für genau diese Stadt ein Programm, das Tempo 50 schützt, Poller bekämpft, Straßen ausbaut, eine Magnetschwebebahn aufmalt und die U-Bahn für Arme schließt.
Möglicherweise meint sie mit „Berlin“ etwas anderes, als die meisten Berliner*innen damit meinen.
Oder sie meint genau das: die 22 Prozent, die noch Auto fahren. Und die 78 Prozent sollen bitte Dankbarkeit zeigen, dass es die anderen noch tun.
Die Mobilitätsstudie „Mobilität in Städten“ der TU Dresden (2023)und das CDU Berlin Regierungsprogramm 2026–2031 sind öffentlich zugänglich und wurden dieser Glosse zugrunde gelegt. Alle Zahlen sind echt. Die Ironie leider auch.


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