Stell dir mal vor, du bist sieben Jahre alt. Du willst raus. Einfach so – die Straße runter, zu Freund*innen, zum Spielplatz, irgendwohin. Aber bevor du die Tür aufmachst, kommt die Ansage: Warte, ich bring dich. Zu gefährlich.
In Deutschland spielen nur noch 45 Prozent der Kinder jeden Tag draußen. Nicht, weil sie lieber auf dem Sofa sitzen. Der Raum vor ihrer Haustür gehört ihnen nicht.
Er gehört dem Auto.
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Wir haben Kindern beigebracht, sich in eine Welt zu fügen, die nicht für sie gebaut wurde. Du lernst schnell: Geh auf den Gehweg. Warte an der Ampel. Schau mal links, schau mal rechts, schau nochmal links. Im Verkehrsunterricht lernen sie vor allem, wie gefährlich es ist und wie sie sich dem erwachsenen Autosystem unterwerfen müssen, um zu überleben. Dabei lernen sie nicht, dass der öffentliche Raum eigentlich ihnen gehören sollte. Dass sie aufbegehren und ihre Rechte wahrnehmen dürfen.
Das ist Adultismus. Nicht als böse Absicht einzelner Eltern. Sondern als Struktur in Stadtplanung und politischen Entscheidungen, die Jahrzehnte lang getroffen wurden, ohne Kinder auch nur zu fragen.
In meinem Buch „Raus aus der Autokratie“ schreibe ich, wie sehr dieser Mechanismus in unsere Städte reingehört. Adultismus im Verkehr heißt, dass die Bedürfnisse von Kindern nach Bewegung, nach Erkundung und nach Selbstwirksamkeit dem Mobilitätsbedürfnis von Erwachsenen untergeordnet werden. Was spannend ist, denn Autos bewegen sich ja kaum, während Kinder das total gern machen.
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In den 1970er-Jahren liefen Kinder in deutschen Städten im Schnitt noch mehrere Kilometer am Tag allein. Heute werden sie gefahren. Das Elterntaxi ist nicht immer einfach eine bequeme Lösung, sondern oft eine Notlösung. Dahinter stecken echte Ängste vor dem Autoverkehr.
Aber was verlieren Kinder dabei?
Orientierungsvermögen entsteht, wenn man sich irrt und den Weg zurückfindet. Eigenverantwortung wächst, wenn niemand die Hand hält. Soziale Kompetenz entwickelt sich auf der Straße, nicht im Rücksitz des Autos der Eltern. Der tägliche Schulweg zu Fuß oder mit dem Rad ist Entwicklung. Bildung. Freiheit in ihrer elementarsten Form, die wir Erwachsene Kinder schon lange nicht mehr selbstverständlich gewähren.
Weil eine autogerechte Stadt Kindern ihre Bedeutung entzieht, als Teil der Stadtgemeinschaft, der andere Bedürfnisse hat als Erwachsene mit fahrendem oder oftmals stehendem Blech. Sie erzieht sie zu passiven Verkehrsteilnehmer*innen: angeschnallt, begleitet, abgeliefert. Kleine Erwachsene, die funktionieren, statt zu selbstbestimmt zu wachsen.
Was mich besonders beschäftigt: Der Adultismus im Verkehr wirkt in zwei Richtungen gleichzeitig.
Erstens strukturell: Die Infrastruktur wurde für erwachsene Automenschen gebaut. Breite Straßen, schmale Gehwege, Ampelschaltungen, die auf Autos optimiert sind. Kinder kommen in diesem System als Restgröße vor – als Risikofaktor, den man mit Wanrwesten und Verkehrserziehung in ihrem Charakter und ihren Bedürfnissen zu brechen versucht – und das leider auch oft schafft. Denn ein Kind, das sich fröhlich und spontan durch eine Stadt bewegt, gefährdet sich. So lernt es von uns Erwachsenen, dass es in seiner Verantwortung liegt, diese Gefahren zu minimieren. Indem es sich unserem Sytem unterwirft, das so gar nicht seinen Bedürfnissen entspricht.
Zweitens als Entmündigung: Kindern wird nicht zugetraut, sich allein im öffentlichen Raum zu bewegen – obwohl genau das für ihre Entwicklung essenziell wäre. Wir schützen sie vor einer Gefahr, die wir selbst geschaffen haben, und nennen das Fürsorge. Dabei ist es auch Kontrolle. Das Elterntaxi ist nicht nur ein Sicherheitsnetz – es ist auch der Beweis, dass wir eine Stadtstruktur akzeptiert haben, die Kinder de facto ausschließt.
Ich kann verstehen, dass Eltern ihre Kinder schützen wollen. Was ich nicht verstehen kann: dass sie diesen Zustand nicht voller Wut abschaffen wollen.
Verkehrsberuhigte Straßen. Sichere, durchgängige Radwege. Schulstraßen, auf denen zur Unterrichtszeit keine Autos fahren. Öffentliche Plätze, die zum Spielen einladen, nicht zum Durchfahren.
Das klingt nach Kinderpolitik. Aber es wäre Stadtpolitik. Denn eine Stadt, die für Kinder funktioniert, funktioniert für alle: für Menschen mit Rollator, für Schwangere, für Blinde, für alte Menschen, für alle, die sich ohne Auto bewegen – also für die überwältigende Mehrheit.
Kindgerechte Städte sind barrierefrei, fußläufig, grün, auf Fuß und Rad ausgerichtet. Sie sind nicht Utopie, eine Entscheidung, die wir aber in Deutschland nicht treffen.
Wenn wir sagen, wir lieben unsere Kinder – warum bauen wir dann Städte, in denen sie nicht allein draußen sein können?
Freiheit beginnt mit Bewegung. Und die gehört auch den Kleinsten. Nicht irgendwann, wenn die Infrastruktur sicherer wird. Sondern jetzt – indem wir aufhören, eine Stadtstruktur als gegeben hinzunehmen, die Kinder systematisch ausschließt. Adultismus im Verkehr ist eine politische Entscheidung. Und politische Entscheidungen lassen sich ändern.


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