Deutsche-Bahn-Tochter ioki gibt On-Demand-Geschäft an Benteler ab Damit sind die Ambitionen der Deutschen Bahn gescheitert, ein zentraler Player im wachsenden On-Demand-Geschäft zu sein.

Wenn Daseinsvorsorge zur Handelsware wird: Warum der ioki-Verkauf ein Armutszeugnis ist.

Vor drei Jahren versprach Evelyn Palla, damals noch Chefin des DB-Regionalverkehrs, 200 Millionen Reisende pro Jahr in On-Demand-Bussen zu befördern. Ihr Ziel: Den 55 Millionen Menschen auf dem Land endlich echte ÖPNV-Alternativen bieten. „Den öffentlichen Regionalverkehr so flexibel machen wie das eigene Auto“, nannte sie das. Ein ambitioniertes Versprechen für all jene, die bisher vom System vergessen wurden.

Jetzt verkauft die Deutsche Bahn ioki an den Autozulieferer Benteler. Und damit ist nicht nur ein Geschäftsfeld Geschichte, sondern auch die Hoffnung, dass On-Demand-Mobilität jemals flächendeckend als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge verstanden wird.

Natürlich klingen die Pressemitteilungen vielversprechend. Benteler, Holon und ioki als „Full-Service-Anbieter für autonome Mobilität“, der „nachhaltige Mobilität für alle zugänglich“ macht. Software aus Europa für die ganze Welt. Starke Partner, große Vision, und so weiter. Das übliche Vokabular, wenn private Unternehmen übernehmen, was eigentlich staatliche Aufgabe wäre.

Aber seien wir ehrlich: Ein Autozulieferer hat andere Ziele als ein Staatskonzern mit Versorgungsauftrag. Benteler muss Rendite erzielen. Benteler muss Investoren zufriedenstellen. Benteler wird On-Demand-Angebote dort aufbauen, wo sie sich rechnen – nicht dort, wo sie gebraucht werden.

Genau das ist das Problem. On-Demand-Systeme waren nie als profitable Ergänzung zum bestehenden ÖPNV gedacht, sondern als Lückenschluss für all jene Orte, an denen ein klassischer Linienverkehr nicht wirtschaftlich ist. Für die 30 Millionen Menschen in Deutschland, die kein Auto fahren können oder wollen. Für Kinder, Jugendliche, alte Menschen, Menschen ohne Führerschein, Menschen mit niedrigem Einkommen. Für all die, die im ländlichen Raum faktisch vom gesellschaftlichen Leben abgeschnitten sind, weil der letzte Bus um 18 Uhr fährt – wenn überhaupt.

Diese Menschen brauchen keine „Mobilitätslösungen“, die nur dort funktionieren, wo genug zahlungskräftige Kundschaft vorhanden ist. Sie brauchen Daseinsvorsorge. So wie Wasser, Strom, Telefon. So wie Straßen übrigens auch, die wir selbstverständlich überall bauen und unterhalten, egal ob sie sich „rechnen“ oder nicht.

Dass die Deutsche Bahn ioki jetzt verkaufen muss, liegt natürlich an der prekären Finanzlage des Konzerns. Evelyn Palla ist mittlerweile die neue Konzernchefin will und da fällt das einstige Lieblingsprojekt als erstes. Das ist nachvollziehbar, wenn man die betriebswirtschaftliche Brille aufsetzt. Aber gesellschaftspolitisch ist es ein Desaster.

Denn es zeigt einmal mehr, wie grundlegend falsch wir Mobilität in diesem Land denken. Wir diskutieren über Kilometerpreise und Auslastungsquoten, während die eigentliche Frage ist: Was ist uns die Bewegungsfreiheit aller Menschen wert? Was kostet es uns als Gesellschaft, wenn ein Viertel der Bevölkerung unter Mobilitätsarmut leidet?

Die Autoindustrie hat jahrzehntelang verstanden, ihre hoch individuelle Mobilität als unverzichtbares Grundrecht zu verkaufen – und den Staat dazu gebracht, die gesamte Infrastruktur darauf auszurichten. Straßen, Parkplätze, Subventionen, Dienstwagenprivileg. Niemand fragt, ob sich das „rechnet“. Es ist einfach da, weil wir als Gesellschaft entschieden haben, dass individuelle Automobilität (und damit eigentlich eine hoch problematische Abhängigkeit!) wichtig ist.

Beim ÖPNV hingegen wird jeder Euro dreimal umgedreht. Jede neue Buslinie muss sich rechtfertigen. Jedes On-Demand-Angebot wird an Rentabilitätskriterien gemessen. Und wenn ein Staatskonzern in Schieflage gerät, ist es ausgerechnet die Mobilität der Marginalisierten, die als erstes geopfert wird.

ioki war mit über 200 Verkehren im Einsatz und hat 10 Millionen Fahrgäste erreicht. Das Unternehmen gilt als eine der erfolgreichsten Ausgründungen der Deutschen Bahn. Es hatte Erfahrung, Know-how, funktionierende Software. Es hätte der Nukleus sein können für ein flächendeckendes System flexibler Mobilität in ländlichen Räumen. Ein System, das nicht nach Profitlogik funktioniert, sondern nach dem Prinzip der gleichwertigen Lebensverhältnisse.

Stattdessen wandert es jetzt zu einem Autozulieferer, der vorrangig autonome Shuttles verkaufen will. Natürlich wird Benteler beteuern, dass die fahrergestützte On-Demand-Lösung „strategische Säule“ bleibt. Natürlich wird man von „nachhaltiger, vernetzter Mobilität“ sprechen. Aber am Ende des Tages zählt die Bilanz. Und in der Bilanz rechnen sich 80-jährige Ernas im Westerwald nicht.

Das Problem ist nicht Benteler. Das Problem ist ein System, das Grundversorgung zur Handelsware macht. Das Problem ist eine Politik, die zwar von gleichwertigen Lebensverhältnissen spricht, aber nicht bereit ist, dafür die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Das Problem ist eine Gesellschaft, die Mobilität als Privileg derjenigen versteht, die es sich leisten können – statt als Grundrecht für alle.

Evelyn Palla hatte recht: In Deutschland leben Millionen Menschen auf dem Land, wo es deutlich zu wenig ÖPNV gibt. Diese Menschen brauchen Angebote. Nicht irgendwann, wenn sich ein privater Investor findet, der darin ein Geschäftsmodell sieht. Sondern jetzt. Als Teil der öffentlichen Infrastruktur. Als Daseinsvorsorge.

Der Verkauf von ioki ist kein geschickter Schachzug in Krisenzeiten. Es ist ein Armutszeugnis. Für einen Konzern, der unter Spardruck seine soziale Verantwortung abgibt. Für eine Politik, die seit Jahrzehnten den ÖPNV kaputtgespart hat. Und für eine Gesellschaft, die immer noch nicht verstanden hat, dass Mobilität keine Frage des Geldbeutels sein darf.

Wir werden sehen, wo Benteler seine autonomen Shuttles einsetzen wird. In gut betuchten Vororten? In aufstrebenden Stadtvierteln? Dort, wo zahlungskräftige Kundschaft wartet? Vermutlich schon. Die 80-jährige Erna im Westerwald wird jedenfalls nicht dabei sein. Die wartet weiter auf den Bus, der nicht kommt. Oder aufs Taxi, das sie sich nicht leisten kann. Oder auf die Kinder, die sie fahren – wenn die gerade Zeit haben.

So sieht sie aus, die Verkehrswende 2025. Voller großer Versprechen und am Ende doch wieder nur für die, die sich Alternativen leisten können.

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2 Antworten zu „Wenn Daseinsvorsorge zur Handelsware wird: Warum der ioki-Verkauf ein Armutszeugnis ist.“

  1. Avatar von Wolfgang Sprick
    Wolfgang Sprick

    Ja, Deine Bewertung hat was für sich. Ich möchte trotzdem einen anderen Aspekt einbringen.

    ioki als DB-Tochter hat es in Zusammenarbeit mit den Verkehrsverbünden nicht vermocht, eine wirklich integrierte Ergänzung des ÖPNV hinzubekommen. Für mich dient als Beispiel immer der Hopper im Landkreis Offenbach, der seit Sommer 2019 erfolgreich arbeitet, aber weitestgehend unabhängig neben dem linienbasierten ÖPNV operiert.

    Benteler setzt ganz klar auf RoboTaxis und die machen wegen grob 50% Kostenreduktion gegenüber On Demand mit Fahrer*in nur wirklich Sinn auf der berühmten ersten und letzten Meile in einer intermodalen Reisekette. Daher glaube ich, dass Benteler Druck auf die Verbünde machen wird, dass das endlich passiert.

    ioki hatte ja nie wirklich Bezug zu den Kerngeschäftsprozessen in der DB, war also m.E. immer ein Nebenschauplatz. Ich sehe durchaus eine Chance, dass die Kompetenz von ioki jetzt Wirkung entfaltet.


    1. Danke Wolfgang für deine Aspekte!

      Spannend, dass du gerade den Hopper herausgreifst – den habe ich kommunikativ nämlich seinerzeit betreut, als die Software noch von door2door kam. Einem großartigen Startup, das es nicht mehr gibt. Weil Deutschland einfach nicht versteht, dass Mobilität systemisch UND europäisch gedacht werden muss.
      Dass die DB, so wie von dir analysiert, das Kerngeschäft nicht um On-Demand-Dienste erweitern konnte, ist politisch gewollt. Das ist kein Zufall, das ist Strategie.

      Ich habe gerade im Fediverse gefragt, ob jemand On-Demand-Dienste kennt, die eingestellt wurden. Es sind entsetzlich viele. Manche mit 100.000+ Fahrgästen. Warum werden sie eingestellt? Weil Förderung ausläuft. TROTZ Erfolg am Markt!

      Das ist das Absurde: Das Auto kostet Kommunen massiv Geld, während Rad- und Fußverkehr sowie Nahverkehr Geld einbringen. Darüber habe ich gerade mit Carsten Sommer im Podcast gesprochen, weil fast alle das verdrängen. Die FDP müsste doch bei erfolgreichen On-Demand-Diensten reinbuttern, wenn ihr Marktglaube ernst gemeint wäre. Tut sie aber nicht.

      Mein Fazit bleibt daher trotz deiner wertvollen Anmerkungen gleich:
      Wäre On-Demand als Alternative zum eigenen Auto im ländlichen Raum politisch gewünscht, wäre es längst möglich. Als Daseinsvorsorge, nicht als kapitalistisches Produkt, das wieder viele ausschließt.

      Ich lasse mich gern von der Zukunft überzeugen, dass Benteler hier gemeinwohlorientiert agiert. Aber ich hoffe nicht darauf. Und deswegen blogge ich und mache aufmerksam – auf wieder einmal gewünschte Sollbruchstellen entgegen einer klima- und sozial gerechten Mobilität.


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