(Image credit: Bill Bramhall | Copyright 2021 Tribune Content Agency)

Warum 10 Minuten Weltraumflug einer Querschnittsgelähmten mit Jeff Bezos für mich ein Problem ist.

Ich möchte klarstellen, dass sich dieser Text nicht gegen Michaela Benthaus richtet. Die ESA-Ingenieurin verfolgt ihre Leidenschaft für die Raumfahrt und testet wichtige Anpassungen für querschnittsgelähmte Menschen im Weltraum. Ihre Arbeit für Barrierefreiheit in der Raumfahrt ist absolut wertvoll, und ihr Anliegen, ein Zeichen für Inklusion zu setzen, ist völlig berechtigt.

Meine Kritik gilt dem System, das diesen Flug ermöglicht hat, und den damit verbundenen Verschleierungen.

Als jemand, der täglich für Behindertenrechte kämpft und Inklusion fordert, sollte ich jubeln. Es war eine Premiere: Eine querschnittsgelähmte Person war erstmals im All. Es ist ein historischer Moment für die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen.

Stattdessen empfinde ich tiefes Unbehagen. Meine Arbeit für die Rechte von Menschen mit Behinderung ist der Grund.

Hier hat eindeutig Tokenismus statt Teilhabe gegriffen.

Dieser zehnminütige Weltraumflug ist definitiv kein Durchbruch für Inklusion. Dieser Milliardär hat einen PR-Coup gelandet. Er hat sein Vermögen unter anderem dadurch gemacht, dass er Menschen mit Behinderungen systematisch benachteiligt und ausbeutet.

Jeff Bezos‘ Amazon ist für seine unmenschlichen Arbeitsbedingungen in Lagerhallen, Überwachung und Leistungsdruck bekannt, die Menschen krank machen. Außerdem setzt sich das Unternehmen aktiv gegen gewerkschaftliche Organisierung ein und schließt Menschen mit Behinderung faktisch aus.

Und jetzt kommt die zynische Pointe: Amazon beendete noch vor der Amtsübernahme von Trump seine Diversity-Programme. Vorauseilender Gehorsam gegenüber einem Machthaber mit faschistischem Denken. Das Unternehmen strich die Initiativen zur Förderung von Schwarzen Mitarbeitenden in Führungspositionen, löst spezifische Diversity-Equity-Inclusion (DEI)-Rollen auf und entfernt Bekenntnisse zu Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen und LGBTQ+-Rechten von seiner Website. Ohne dass es gefordert worden wäre. Milliardäre haben nunmal keinen wirklichen Kompass, außer ihrem Kontostand und die unmenschliche Macht, die dieser über Jene verleiht, die für sie die Arbeit machen.

Die interne Begründung: Es ist an der Zeit, „veraltete Programme“ zu beenden und sich auf „bewährte Ergebnisse“ zu konzentrieren. Amazon knickt unter dem politischen Druck der Trump-Administration und Anti-DEI-Aktivisten ein – gemeinsam mit Meta, Walmart, McDonald’s und anderen Großkonzernen.

Es ist doch so: Während Bezos eine querschnittsgelähmte Frau für elf Minuten ins All schickt, baut sein Unternehmen systematisch Programme ab, die Menschen mit Behinderungen tatsächlich helfen würden – bei der Einstellung, im Arbeitsalltag und bei Karrierechancen. Und somit hätte Michaela Benthaus – und das ist mein bitteres Fazit – als „normale“ Bewerberin in genau diesem Unternehmen wohl kaum noch Chancen.

Plus: Elitentourismus ist eine schädliche Form des Tourismus, die dem Klima schadet.

Die Blue-Origin-Flüge werden massiv kritisiert – und das zu Recht. Der wissenschaftliche Nutzen ist gering, wenn man sich nur zehn Minuten in der Luft und davon einen gewissen Anteil in der Schwerelosigkeit befindet. Die Umwelt- und Klimawirkung ist erheblich, denn die Raketen werden zur reinen Unterhaltung gestartet. Der elitäre Charakter des Unternehmens ist nicht zu leugnen, denn nur Überreiche können sich die Tickets leisten, die genauen Preise werden nicht einmal veröffentlicht.

Es handelt sich um unnötigen Weltraumtourismus für eine winzige privilegierte Gruppe. Etwa 80 zahlungskräftige Kunden waren bisher an Bord – Musikerinnen wie Katy Perry, Schauspieler wie William Shatner.

Die Logik des Spektakels ist klar.

Echte Inklusion bedeutet: bezahlbare Rampen statt Raumflüge, barrierefreie Wohnungen statt klimaschädlichen Weltraumtourismus, zugängliche Gesundheitsversorgung statt PR-Stunts, Arbeitsplätze mit fairen Bedingungen für Menschen mit Behinderungen statt deren Ausschluss bei gleichzeitigem Prestige-Event, und Investitionen in nachhaltige, inklusive Infrastruktur statt in Ego-Projekte von Milliardären. Auch im eigenen Unternehmen und gerade dort!

Dieser Flug sendet eine klare Botschaft:

Menschen mit Behinderungen können „außergewöhnliche“ Dinge tun – WENN ein Milliardär sponsert und die Klimabilanz egal ist.

Er verstärkt die veraltete und verzerrte Sichtweise, dass Menschenrechte eine Frage von Mitleid, Wohltätigkeit und Sensationsgier sind. Hier geht es nicht um Gerechtigkeit, Rechte oder strukturelle Veränderungen.

Jeff Bezos‘ Image hat definitiv profitiert.
Blue Origin hat definitiv davon profitiert.
Eine Erzählung, in der die Behindertenrechte individualisiert statt strukturell gedacht werden, hat eindeutig profitiert.

Während eine Person für zehn Minuten die Schwerelosigkeit erlebt, kämpfen Millionen Menschen mit Behinderungen täglich gegen die Schwerkraft gesellschaftlicher Barrieren. Viele davon werden durch genau die Wirtschaftsstrukturen aufrechterhalten, die Bezos repräsentiert.

Raketenstarts pusten klimaschädliche Emissionen in die Atmosphäre. Menschen mit Behinderungen leiden besonders unter den Folgen der Klimakrise. Sie sind den Hitzewellen, dem Extremwetter, der Flucht und Vertreibung noch schutzloser ausgeliefert.

Sein Vermögen könnte barrierefreie Infrastruktur in ganzen Städten finanzieren. Seine Unternehmen sollten Vorreiter für inklusive Arbeitsbedingungen sein. Stattdessen investiert er in klimaschädlichen Weltraumtourismus für Superreiche und stoppt gleichzeitig DEI-Anstrengungen.

Ich arbeite für Behindertenrechte, weil ich an echte Teilhabe glaube, setze mich für eine Gesellschaft ein, in der niemand zurückgelassen wird.

Dieser Weltraumflug ist das Gegenteil:
Er macht aus Inklusion ein Event.
Er lenkt ab von den realen Kämpfen.
Er suggeriert Fortschritt, während er Ausbeutungsstrukturen unangetastet lässt und sogar weiter ausbaut.

Mein Fazit:

Sichtbarkeit ist wichtig. Aber nicht jede Sichtbarkeit ist förderlich. Ein Spektakel kann mehr verdecken als preisgeben.

Dieser Weltraumflug ist kein Fortschritt für die Inklusion. Er zeigt, wie Inklusion zur Marketingstrategie wird – während die Strukturen, die Menschen mit Behinderungen ausgrenzen, (profitabel?) bleiben. Es ist schlichtweg inakzeptabel, dass das Unternehmen des Sponsors aktiv Programme abbaut, die echte Inklusion gefördert haben. Ich sage euch, wie die Sache wirklich ist: Der klimaschädliche Luxustourismus wird als Inklusionserfolg verkauft.

Michaela Benthaus verdient Respekt für ihre Arbeit, ihren Mut und ihr Anliegen.

Das System, das ihren Flug als Inklusionserfolg feiert, während es gleichzeitig Inklusionsprogramme demontiert und den Planeten belastet, verdient scharfe Kritik.

Ich kämpfe weiter für die Rechte von Menschen mit Behinderung. Auf der Erde. Sie gehören da hin, und zwar genau da! Es ist schlichtweg inakzeptabel, dass sie durch zehnminütige PR-Aktionen ersetzt werden, die mehr kosten als sie nutzen – finanziell, ökologisch und moralisch.

2 Antworten zu „Warum 10 Minuten Weltraumflug einer Querschnittsgelähmten mit Jeff Bezos für mich ein Problem ist.“

  1. Avatar von Helmut Dirks
    Helmut Dirks

    Danke für dieses klare Statement!



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