www.katja-diehl.de Wir müssen in diesem Land pragmatischer werden. Wir können es schlicht nicht mehr bezahlen, nur aus Prinzip Geld auszugeben ohne echten Mehrwert. Geile Verkehrspolitik - aber behindertenfeindliches Mindset.

Von roten Linien und verhandelbaren Menschenrechten

Wenn 1.200 Euro Inklusion zu teuer sind: Boris Palmers diskriminierende Politik in Tübingen

Jedes Mal, wenn die spektakuläre Radbrücke in Tübingen beklatscht wird, stecke ich meine Hände in die Taschen.
Weil ich ein Muster erkenne, das mich besorgt: Wieder einmal sind es weiße, mittelalte, gut situierte Männer, die Mobilität im heute für morgen gestalten – und dabei die üblichen Gruppen nicht mitdenken. Was als fortschrittlich gilt, bleibt zu oft an den Bedürfnissen einer bestimmten Mehrheit ausgerichtet.

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Und da mich dazu schon wieder wütende Zuschriften aus eben dieser Gruppe erreichten, OHNE dass diese zunächst die Behindertenfeindlichkeit adressierten:

Das hier ist kein „Männerbashing, Sexismus, Altersdiskriminierung“…, sondern die Benennung von Privilegien, kein Angriff auf Individuen, sondern eine Beschreibung struktureller Realitäten.
Wenn in Entscheidungsgremien bestimmte Merkmale systematisch überrepräsentiert sind – und das sind sie –, dann ist das Benennen dieser Merkmale Diagnose.

Diskriminierung bedeutet, Menschen aufgrund von Merkmalen zu benachteiligen. Das Benennen von Gruppen, die strukturell bevorzugt werden, ist Voraussetzung für Veränderung.
Einen Unterschied zwischen „weiß“ und „nicht-weiß“ zu machen ist nur dann rassistisch, wenn man damit eine Wertung verbindet.
Ich hätte auch schreiben können: „homogene Entscheidungsstrukturen ohne Diversität in Lebensrealitäten.“ Das ist unangreifbarer. Und genau das wäre das Problem.

Weiter im Text. Meine Vision einer sozial gerechten Mobilität ist eine andere: frei von Rassismus, Ableismus, Sexismus und Klassismus. Mobilität muss allen dienen, die unterwegs sein wollen und müssen.
Ich habe diesen Text mehrfach begonnen und wieder abgebrochen. So wütend macht mich dieser Vorfall – Palmers Statements, aber auch die Bagatellisierung von Ableismus durch seine Fans. Es fällt mir schwer, das 16-Millionen-Euro-Projekt neutral zu sehen. Nicht, weil ich gegen gute Infrastruktur wäre, sondern weil der Mann dahinter, Boris Palmer, einmal mehr beweist, dass er ein exzellentes Gespür für progressiv-populäre Rhetorik hat – während sein Handeln meilenweit von sozial gerechter Mobilität und Inklusion entfernt ist. Und ja, auch das teure SUV-Parken nach Pariser Vorbild verblasst für mich, wenn Behindertenfeindlichkeit zum Gesamtkonzept gehört.

Die Geschichte, die Tübingen derzeit beschäftigt, ist ein Paradebeispiel für diese Diskrepanz:

Tischtennisspielerin Cary Hailfinger im Rollstuhl soll für eine Sportlerehrung Ende Juni keine Rampe auf der Bühne erhalten. Begründung von Oberbürgermeister Boris Palmer: Die 1.200 Euro für Auf- und Abbau seien ihm zu teuer. Deutschland und seinen Kommunen gehe das Geld aus, Pragmatismus sei gefragt.

Stattdessen schlägt Palmer vor, die Sportlerin vor der Bühne zu ehren oder 600 Euro an einen Verein ihrer Wahl zu spenden. Eine Geste, die mehr über Palmers Verständnis von Gleichwertigkeit aussagt als tausende Worte.

„Bin ich also als Para-Sportler mal wieder weniger wert?“, fragt Cary Hailfinger zu Recht. Eine Frage, die wir uns alle stellen sollten, wenn eine Kommune einer behinderten Sportlerin den Zugang zur Ehrung verweigert.

Und schon erreichen mich – Story of my life – völlig diametrale Vorwürfe. Die einen sagen, ich falle auf Palmer rein und sorge doch nur für Reichweite, die anderen sagen, mein „Palmer-Bashing“ sei völlig unverhältnismäßig. Dabei werde ich
1. nie schweigen, wenn Ableismus im Raum ist, und habe
2. Palmer schon sehr viel öfter kritisiert. Er ist eine problematische Figur, was Rassismus, Ableismus und nur die eigene Bubble bedienen angeht. Da kann ich nicht klatschen, wenn er mal in der Mobilität für gute Umsetzung sorgt. Und genau dies trug mich durch die Woche, die Frage nach den roten Linien und ob wir diese noch haben.

Felix Banaszak war bei Tilo Jung nicht in der Lage, diese zu benennen. (Verzeiht mir hier den Link auf Bluesky, aber meine Mastodon Posts löschen sich nach 14 Tagen automatisch.) Auch hier diametral die Reaktion,

1. es seien drei Stunden Gespräch gewesen, da könne sich jeder „rauslesen“, wo die roten Linien von FB liegen, und auf der anderen Seite
2. Jene, die lachen, weil ich überhaupt noch rote Linien bei einer Machtpartei erwarte.

Was denn nun? Zurück zum konkreten Fall aus Tübingen:

Was Palmer ausblendet: Es geht hier nicht um 1.200 Euro für eine Minute. Es geht um das Grundrecht auf Teilhabe und Wertschätzung. Es geht darum, dass Menschen mit Behinderung nicht immer wieder um Anerkennung kämpfen müssen, während andere selbstverständlich auf Bühnen stehen dürfen. Die Behauptung, die 15 Meter lange Rampe würde 40 Sitzplätze kosten, ist eine typische Tauschrechnung, die Inklusion gegen Convenience auspielt. Eine Rechnung, die immer zu Lasten derjenigen geht, die bereits benachteiligt sind.

Dass Menschen immer noch glauben, Boris Palmer mache gute Politik – und dabei systematisch ausblenden, wie er mit marginalisierten Gruppen umgeht – zeigt, wie schnell die weiße Mehrheitsgesellschaft zufrieden ist mit einer Politik, die nur ihnen dient. Die Radbrücke als Prestigeprojekt, die Rampe für eine behinderte Sportlerin als „zu teuer“.

Diese Doppelmoral ist keine Ausnahme, sondern das System. Zu viele messen Respekt und Kompetenz immer noch nicht daran, wie Menschen mit marginalisierten Gruppen umgehen, wie sie sie mitdenken. Und wer knapp über 1.000 Euro als unangemessen betrachtet, damit eine Behinderte ihre Ehrung entgegennehmen kann, gehört definitiv nicht dazu.

Cary Hailfinger wünscht sich zu Recht eine langfristige Lösung. Nicht nur für ihre Ehrung, sondern für alle Veranstaltungen in Tübingen. Eine Lösung, die zeigt, dass Inklusion kein Luxus ist, sondern Selbstverständlichkeit.

Tübingen braucht keine weiteren Prestigeprojekte, die von oben herab über Köpfe hinweg entschieden werden. Tübingen braucht eine Kultur der Teilhabe, in der Menschen mit Behinderung nicht um ihre Grundrechte kämpfen müssen, sondern sie als selbstverständlich erwarten dürfen können.

Die Debatte um die Rampe in Tübingen ist mehr als eine lokale Streitigkeit. Sie ist ein Spiegelbild einer Gesellschaft, die zwar Inklusion als Schlagwort liebt, aber in der Praxis vor den Kosten zurückschreckt. Wenn eine Kommune 16 Millionen Euro für eine Brücke ausgibt, aber 1.200 Euro für eine Rampe als „zu teuer“ bezeichnet, dann spricht das Bände über die Prioritäten und gelebten Werte. Über die Frage, wer in unserer Gesellschaft wirklich zählt.

Inklusion kann man nicht mit zweierlei Maß messen. Entweder sie gilt für alle – oder sie ist nur leere Phrase. Tübingen unter Boris Palmer scheint letzteres zu bevorzugen. Und das ist kein Grund zum Feiern, sondern zum Nachdenken.

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