„Sind Frauen in der Mobilität überhaupt marginalisiert? Ja oder nein?“ Diese Frage bildete den Auftakt unseres letzten Programmpunkts auf meiner Delegationsreise nach Graubünden. Vera Grossmann leitete die Diskussion zusammen mit Patricia Roth.
Drei Tage lang hatten wir uns mit E-Mobilität, Sharing, Fußwegen, Radinfrastruktur, ÖPNV in den Tälern und auf den Bergen, Tourismus und Alltagsmobilität befasst. Es gab begeisternde Lösungen und Kooperationen. Und am Ende ging es wie immer um Menschen.
Damit beschlossen wir auch die Delegation – mit den Menschen, die immer wieder vergessen werden. Dabei griffen wir auf die Erfahrungen der Teilnehmenden zurück.
Marginalisierung heißt: Bestimmte Gruppen werden aus dem wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Leben herausgedrängt. Im Verkehr lässt sie sich ziemlich genau messen – als Abstand zu dem Menschen, für den unsere Infrastruktur gebaut wurde. Weiß, gesund, cis, männlich, schnell, mit Auto. Wer diesem Bild nahekommt, erlebt das System als selbstverständlich. Alle anderen erleben es als Hindernisparcours.
Dieser Text verdichtet unser Gespräch. Danke an alle, die ihre Geschichten geteilt haben.
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Schwanger – und plötzlich passt nichts mehr.
Katja, eine Teilnehmerin unserer Delegation, erzählte, wann ihr klar wurde, dass Mobilität ein Körper- und Geschlechterthema ist. Nicht in einem dramatischen Moment, sondern im Alltag. Sie lebte in Berlin, fuhr Rad, nutzte Bus und Bahn, bewegte sich frei. Dann wurde sie schwanger. Mit Bauch und weniger Luft hätte sie gern Aufzug oder Rampe genommen, obwohl sie noch laufen konnte. Zwischen parkenden Autos passte sie nicht mehr durch, wenn sie die Straße queren wollte. Anschlüsse ließen sich nicht mehr im Sprint erreichen. Und die vielen Arzttermine, zu denen man pünktlich sein muss, gingen oft nicht mehr mit dem Rad.
Nach der Geburt wurde es nicht leichter. Andere Mütterin unserer Gruppen ergänzten ihre Erfahrungen: enge Gehwege, kaputte Aufzüge, fehlende Rampen. Spalten zwischen Bahnsteig und Zug, breiter als die Räder eines Kinderwagens. Wie oft am Tag den Kinderwagen Stufen hochtragen? Am Bahnhof, im Supermarkt, beim Arzt, vor der Kita. Schon einmal täglich wäre einmal zu viel – und ein klarer Beleg, dass hier niemand diesen Alltag mitgedacht hat.
Klares Statement einer anderen Mutter: Ihr Mann würde vermutlich sagen, für ihn sei das nie ein Thema gewesen. Mag sein. Er war aber auch nicht derjenige, der den Kinderwagen täglich über Stufen wuchtete oder mit schreiendem Baby im vollen Bus stand.
Eltern sind die Gruppe, die permanent am Anschlag läuft. Als das Elterngeld gekürzt wurde, blieb der große Protest aus. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil niemand Zeit hatte, auf die Straße zu gehen. Wer betreut das Kind während der Demo? Wenn niemand schreit, heißt das nicht, dass es kein Problem gibt. Es heißt oft nur, dass die Betroffenen keine Kraft mehr zum Schreien haben.
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Platz anbieten – und Platz einfordern
Wer mit geschwollenen Beinen oder Kind auf dem Arm im fahrenden Bus steht, fragt sich irgendwann, warum niemand aufsteht. Das betrifft auch ältere Menschen, kleine Kinder und alle mit Schmerzen oder chronischen Erkrankungen. Das ist keine reine Infrastrukturfrage, sondern auch eine der Kultur. Wir sind alle Gäste im öffentlichen Verkehr. Wer seinen Platz anbietet, setzt ein Zeichen, das andere sehen und nachmachen. Gleichzeitig darf man einfordern, was man braucht. Das kostet Kraft – und es ist ein Privileg, diese Kraft zu haben. Viele Menschen sind genau deshalb marginalisiert, weil sie nicht laut sein können oder dürfen.
Wenn der öffentliche Raum zur Bedrohung wird
Catcalling ist sexuelle Belästigung. Pfeifen, Anstarren, Gesten, Sprüche – all das macht öffentliche Räume für viele Frauen unsicher. Fast jede Frau kennt das Heimwegtelefonat, echt oder nur vorgetäuscht, um sich sicherer zu fühlen, den Hausschlüssel in der Hand, als mögliche Abwehrwaffe, das Scannen der Umgebung. Hier helfen auch keine Statistiken, die ein Mann aus der Runde anführte. Ja, es stimmt: Der unsicherste Platz für Frauen ist zuhause, hier geschehen – hinter verschlossenen Türen und damit anders unsichtbar – die meisten Taten gegen Frauen. Aber das GEFÜHL von Unsicherheit muss ernst genommen werden, wenn eine Mobilität für alle Ziel ist – auch ohne Auto.
Wie stark das ist, hängt vom Ort ab. Die Folgen sind überall dieselben: Mädchen hören auf, Bus zu fahren. Frauen ändern ihre Wege. Sie bleiben abends zu Hause. Ein Raum, der allen gehören sollte, schrumpft für die Hälfte der Bevölkerung. Hinweise auf Bildschirmen in Bus und Bahn, die zum Hinschauen und Beistehen auffordern, sind richtig. Sensibilisierung wirkt. Aber sie ersetzt keine Strukturen.
Die Helm-Logik
„Sei halt vorsichtiger.“ „Zieh das nicht an.“ Das ist dieselbe Logik wie beim Radhelm: Wenn dich ein SUV umfährt, hättest du eben einen Helm tragen sollen. Der Helm setzt aber erst an, wenn der Unfall schon passiert ist. Wirksam ist, was davor ansetzt: sichere Wege, gute Beleuchtung, eine Infrastruktur, die Gewalt gar nicht erst Raum gibt. Verantwortung zur Verbesserung gehört nicht zu denen, die ohnehin schon benachteiligt sind.
Abends an der Haltestelle
Spannend auch die Frage eines jungen, großen Mannes aus unserer Gruppe. „Was mache ich, wenn mit mir an der Haltestelle eine Frau allein auf den Bus wartet? Wie verschaffe ich ihr subjektive Sicherheit?“ Die Teilnehmerinnen tauschten ihre Strategien aus: sich ins Licht stellen, um zu sehen und gesehen zu werden. Präsent bleiben, ohne zu provozieren.
Und was können Männer tun? Wenn du nachts hinter einer Frau gehst: Wechsle die Straßenseite. Eine Teilnehmerin erlebte das in Albanien – ob bewusst oder nicht, wusste sie nicht. Sie fühlte sich sofort sicherer. Die Hände aus den Jackentaschen nehmen, Kapuze oder Mütze absetzen und Gesicht zeigen, bei Fußwegen Vorsprung aufbauen lassen, langsamer gehen, ggf. Straßenseite wechseln. Solche Gesten kosten nichts und sagen: Ich sehe dich, ich respektiere deinen Raum.
Auch Eye-Tracking-Studien zeigen Unterschiede: Männer schauen eher geradeaus, Frauen scannen ihre Umgebung – hinter sich, zur Seite. Das ist gelernte Vorsicht.

Neue Technik, alte Machtverhältnisse
Robotaxis gelten als Zukunft: bequem, sicher, fortschrittlich. Aus den USA kursieren aber Videos, in denen Männer sich vor ein fahrerloses Auto stellen, in dem eine Frau allein sitzt. Das Auto bleibt stehen, weil es stehen bleiben muss. Hilfe kommt, wenn überhaupt, aus einem Callcenter irgendwo auf der Welt. Die Frau sitzt fest.
Technik löst soziale Probleme nicht automatisch. Wer nicht aktiv gestaltet, schützt und mitdenkt, bekommt die alten Machtverhältnisse – nur skalierbar. Dazu kommt: Viele dieser Fahrzeuge sind weder für Rollstühle noch für Kinderwagen gebaut. Innovation ohne Inklusion ist kein Fortschritt. Sie ist nur neue Hardware für alte Ausschlüsse.
Warum Female Rides funktionieren
Patricia Roth betreibt mit einer Partnerin seit 18 Jahren die Bike Agentur, vor allem im Mountainbike-Tourismus. Vor fast 20 Jahren gab es für Frauen im Bikesport schlicht nichts: keine Kleidung, keine Angebote, keine Community. Aus einem Online-Forum wurde ein Camp, aus dem Camp fast zwei Jahrzehnte Female Rides, Fahrtechnik- und Reparaturkurse.
Der Grund ist einfach: Die Stimmung ist eine andere. Viele Frauen erleben in gemischten Gruppen Druck – schneller fahren, steiler fahren, können müssen. Besonders, wenn der eigene Partner dabei ist. Unter Frauen: Egal welches Rad, egal welches Level: Man fährt zusammen. Schafft eine eine schwierige Passage, traut sich die nächste. Gelingt es, wird gefeiert. Eine Bekannte von Patricia, fast Profisportlerin, kam verbissen zum ersten Female Ride. Nur Kampf, kein Humor. Dort hat sie gelernt, dass sie entspannt sein darf.
Und die Männer, die fragen, warum sie nicht mitdürfen? Sie dürfen nicht. Es gibt genug andere Gelegenheiten, gemeinsam zu fahren. Schutzräume sind keine Ausgrenzung, sondern für viele Marginalisierte oft der erste Zugang überhaupt.
Las ciclistas: eine Bewegung, kein Nischenangebot
Wie groß das Bedürfnis ist, zeigen die Zahlen aus der Schweiz. Nach Schätzungen der Schweizer Fachstelle Velo geht inzwischen jedes vierte verkaufte Rennvelo an eine Frau. Swiss Cycling startete schon 2019 mit #fastandfemaleSUI ein Programm nur für Breitensportlerinnen. Reine Frauen-Events wie die Queens Days in Scuol oder das Rennradfestival La Reine in Gstaad haben sich längst etabliert.
Die Bike Agentur organisiert neben den Queens Days auch „Las ciclistas“ – rätoromanisch für „die Velofahrerinnen“. Gemeinsam mit Engadin Tourismus und Graubünden Bike gibt es den ganzen Sommer über wöchentliche Feierabend-Rides in ganz Graubünden. Patricia nennt es eine Frauenbewegung, die mehr Frauen im Kanton aufs Rad bringen will. Ganz bewusst heißt es „Velo“ und nicht „Bike“: Gemeint ist nicht nur das Mountainbike, sondern jedes Rad.
Höhepunkt ist der Las-ciclistas-Tag in Celerina. Rund 360 Frauen zwischen 10 und 70 Jahren hatten sich angemeldet: geführte Touren mit Fahrtechnik, eine gemeinsame Veloparade von Bever nach Celerina, ein Workshop zur Routenplanung, eine Second-Hand-Börse, eine Party. Dazu Vorträge von Frauen, die allein oder mit Kind per Rad bis nach Marokko und in den Oman gefahren sind.
Und die Region? Die rechnet. Solche Events füllen Betten in der Zwischensaison und machen das Engadin bei radbegeisterten Frauen bekannt. Wer Frauen als Zielgruppe ernst nimmt, gewinnt – sozial wie wirtschaftlich.
Barrierefreiheit ist kein Ein-Prozent-Thema
Vera berichtete: Auf einer Alm in Graubünden stand am Eingang eine Box mit einem Rollstuhl. Wer mit Handbike oder Monoski ankam, konnte dort umsteigen und ganz normal einkehren. Eine kleine Lösung – und ein Gefühl dafür, was möglich wäre, wenn man jede Hütte, jeden Trail, jeden Bahnhof so denkt.
Das kostet Geld, Planung und Willen. Aber Betroffene verlangen keine Perfektion. Sie verlangen, dass sich jemand bemüht. Jede Rampe, jeder erreichbare Ort zählt. In Hamburg-St. Pauli sammelt ein Verein Geld für mobile Rampen – jede finanzierte Rampe macht einen weiteren Laden zugänglich. Für Rollstühle, Rollatoren und Kinderwagen.
Raul Krauthausen, Mitgründer der Sozialhelden und der Wheelmap, beschreibt, wie viel Planung jeder Termin für ihn bedeutet: Wege prüfen, Umwege einplanen, sich auf Angaben anderer verlassen, weil offizielle Daten fehlen. Barrierefreiheit ist außerdem gutes Marketing. „Der inklusivste Bikepark Europas“ zieht auch Menschen an, die das einfach gut finden.
Das 0,1-Prozent-Argument
„Für wen machen wir das? Für 0,1 Prozent?“ Der Satz fällt immer wieder. Er ist falsch. Von Barrierefreiheit profitieren:
- Menschen mit Reisebehinderung – und das sind sehr viele
- ältere Menschen
- Menschen mit gebrochenem Fuß oder Schmerzen
- Eltern mit Kinderwagen oder kleinen Kindern an der Hand
- Schwangere
- alle mit Koffer, Rad oder Einkauf
Niemand hat sich je beschwert, dass ein Zug zu stufenlos war. Wer barrierefrei baut, schließt niemanden mehr aus.
Kinder dürfen da sein
In vielen Schweizer Zügen gibt es auf längeren Strecken ein Familienabteil. In Deutschland gibt es das Klapptischchen am Fenster. Daran klebt das Kind fest, darf nicht spielen, nicht laut sein, ohne dass sich Köpfe drehen. Der Wert eines Familienabteils ist simpel: Kinder dürfen Kinder sein, und Eltern müssen sich nicht entschuldigen. Kinder sind unberechenbar, laut, bewegungshungrig. In vielen Gesellschaften ist das normal. Bei uns gelten sie schnell als Störung, die ihre Eltern bitte unter Kontrolle halten sollen.
In der Schweiz haben wir das Gegenteil erlebt: Menschen helfen einer Mutter mit zwei Kindern beim Einsteigen, heben das Kind hinein, lachen mit. Werner, unser „local guide“, meinte: Fahr mal eine Woche mit Kindern Zug, dann weißt du, wie eine Gesellschaft mit ihnen umgeht. Dasselbe gilt für Menschen mit Behinderung und für alte Menschen.
Die größte soziale Errungenschaft des ÖPNV ist, dass alle im selben Wagen sitzen. Kinderwagen, Rollstuhl, Koffer, Männer, Frauen, Kinder. Wo Frauen in getrennten Abteilen fahren müssen, wirkt das kurzfristig wie Schutz. Es ist aber ein Eingeständnis, dass der gemeinsame Raum für sie nicht sicher ist. Das Ziel muss sein, ihn sicher zu machen.
Die Verkehrswende scheitert an Vorstellungskraft
Schwangere, Eltern, alte Menschen, Menschen mit Behinderung, queere und trans Personen, arme Menschen, Kinder, Armutsbetroffene – sie alle laufen gegen dieselbe Wand: eine Infrastruktur für einen erfundenen Durchschnittsmenschen. Schnell, gesund, wohlhabend, weiß, cis, männlich. Alle anderen sind in der Mobilität marginalisiert. Nicht, weil sie schwächer sind. Sondern weil das System nicht für sie gebaut wurde.
Die Verkehrswende scheitert nicht an der Technik. Sie scheitert an Vorstellungskraft. An dem Reflex, ein Problem erst beweisen zu müssen, bevor man es löst. Erst Rollstühle zählen, dann Rampe bauen. Erst Angst messen, dann Licht installieren.
Dabei ist es einfacher, als wir tun. Die Gesetze geben es her. Das Geld ist da. Die Beispiele auch – in Graubünden, Wien, Kopenhagen, Amsterdam. Was fehlt, ist der Wille, zuzuhören. Nicht nur Expert*innen, sondern den Betroffenen: Müttern, Rollstuhlfahrer*innen, alten Menschen, Mädchen, die nicht mehr in den Bus steigen wollen. Trans Personen, die das Auto als Schutzraum nutzen, weil sie es sich leisten können. Und den Armen, die gar nicht erst fragen, ob es besser ginge.
Mobilität entscheidet, ob wir teilhaben: arbeiten, lernen, lieben, alt werden. Freiheit beginnt da, wo niemand zurückbleibt. Lasst uns sie so bauen.
Danke an alle Teilnehmenden unserer Delegation nach Graubünden. Die nächste Learn & Travel Delegation führt vom 2. bis 4. Mai 2027 nach Luxemburg. Schreib mir einfach, wenn du den bisherigen Planungsstand wissen möchtest. Unser „local guide“ wird der luxemburgische Ex-Verkehrsminister François Bausch sein!


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