Ich möchte, dass „mit Rechten reden“ als Talkshow- und Medienformat endlich verschwindet.
Vier Gründe, warum ich glaube, dass wir dieses Format beerdigen sollten.
Zuerst die Grundannahme, auf der das ganze Format beruht, und die schlicht falsch ist: dass es sich um ein Gespräch handelt. Rechte reden in diesen Formaten nicht mit uns, sie reden durch uns hindurch, an ein Publikum, mit einem strategischen Ziel. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt in ihrem Dossier zu rechtsextremen Diskursstrategien, wie die Neue Rechte gezielt „Metapolitik“ betreibt: die „Eroberung der gesellschaftlichen Deutungshoheit und kulturellen Hegemonie mittels Diskurskaperung und -verschiebung“. Es geht nicht um Verständigung, sondern um Raumnahme. Der Politikwissenschaftler und Antisemitismusforscher Samuel Salzborn hat diese Frage im „Jahrbuch für Antisemitismusforschung“ direkt gestellt – „mit Rechten reden?“ – und sie mit einem klaren Nein beantwortet. Wer glaubt, im Studio treffe man auf ein Gegenüber, das offen für Argumente ist, verkennt, dass das Gespräch selbst nicht das Ziel des Gegenübers ist, sondern nur das Vehikel.
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Damit hängt der zweite Punkt zusammen: Diese Gespräche sind Inszenierung, kein echtes Gespräch. Ein normales Gespräch entwickelt sich – man interessiert sich füreinander, hört zu, lässt sich im besten Fall von einem guten Argument bewegen. Nichts davon findet in diesen Formaten statt. Die bpb beschreibt ein wiederkehrendes Muster: Tabubruch, gefolgt von leichtem Zurückrudern, sei es durch eine „halbgare Entschuldigung“ oder den Verweis auf angebliche Unkenntnis – und die Normalisierung der ursprünglichen Aussage tritt unabhängig davon ein, ob und wie zurückgerudert wird. Der Essay „Raus aus der Manege“ auf 54books.de bringt es auf den Punkt: Diese Formate sind „provokative Unterhaltung im Deckmantel einer politisch anspruchsvollen Debatte“, inszeniert für Quote und Empörung, nicht für Erkenntnisgewinn. Wer hier auftritt, hat ein Drehbuch geschrieben. Wer zuhört, sitzt in einem Theater, wohnt einer vorbereiteten Aufführung bei. Ist NICHT Teil davon.
Der dritte Punkt ist der, der mich am meisten umtreibt: Wir bereiten in vermeintlich „nicht-rechten“ Räumen die Bühne für jene, die uns vernichten wollen. Das ist keine Übertreibung, sondern inzwischen sauber belegt. Diane Bolet (University of Essex) und Florian Foos (London School of Economics) haben 2025 im British Journal of Political Science eine Studie veröffentlicht: In zwei groß angelegten Audio-Experimenten mit realen Interviews mit Rechten Politikern zeigte sich, dass allein die Plattformierung unwidersprochener extrem rechter Inhalte Menschen überzeugt und deren Ansichten gesellschaftlich normalisiert. Besonders bitter: Der Effekt trat sowohl im klassischen Fernsehen als auch online auf, und selbst kritisches Nachfragen durch Journalist:innen konnte ihn bestenfalls abschwächen, aber nicht verhindern. Sendezeit ist für rechte Akteure kein Risiko, da sie sich nicht um das Format scheren, sondern die ihnen geschenkte Zeit gnadenlos für ihre Agenda nutzen, diese Zeit ist ihr Kapital. Jede Einladung ist ein Vertrauensvorschuss, den man Menschen nicht geben sollte, deren erklärtes Ziel die Abschaffung der Grundlagen ist, auf denen dieses Gespräch überhaupt stattfindet.
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Und damit zum vierten Punkt: Es ist Bagatellisierung und Normalisierung von völkischem und menschenfeindlichem Gedankengut, jedes Mal aufs Neue. Die Politikwissenschaftlerin Teresa Völker (WZB) zeigte gemeinsam mit Daniel Saldivia Gonzatti in einer Langzeitstudie mit automatisierter Textanalyse von über 500.000 Zeitungsartikeln seit den 1990er Jahren, wie sich die mediale Aufmerksamkeit für rechtsextreme Akteure bei den Themen Migration und Sicherheit entwickelt hat: von rund 0,7 Prozent in den 1990ern auf 6,6 Prozent zwischen 2015 und 2019!!!! Das ist „diskursives Mainstreaming“, wie Völker es nennt – die schrittweise Gewöhnung einer Gesellschaft an Positionen, die vor wenigen Jahrzehnten noch als unsagbar galten. Auch die Otto-Brenner-Stiftung kam in ihrer vielbeachteten Studie „AfD und Medien“ bereits 2019 zu einem kritischen Befund über das Verhältnis von Talkshow-Logik und rechtspopulären Akteuren. Jeder Auftritt, jede Einladung, jedes „wir müssen doch miteinander reden“ verschiebt die Grenze dessen, was sagbar ist, ein Stück weiter. Nicht durch das, was gesagt wird, sondern allein dadurch, dass es gesagt werden darf, in gutem Licht, im besten Sendeplatz, neben demokratischen Stimmen auf Augenhöhe.
Mir ist bewusst, dass das eine unbequeme Position ist. 2017 erschien mit „Mit Rechten reden“ von Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn ein vielbeachtetes Buch, das genau das Gegenteil forderte: die rhetorische Auseinandersetzung als Bürgerpflicht. Ich verstehe den Impuls dahinter. Aber die Forschung von heute, acht Jahre und unzählige Talkshow-Auftritte später, zeichnet ein klares Bild: Die Partei, die von diesem Format am meisten profitiert hat, ist seither zur zweitstärksten Kraft im Land geworden. Das ist Weckruf.
Journalismus kann und muss weiter über Rechtsextremismus berichten, einordnen, aufklären, investigativ recherchieren. Das ist etwas anderes als das Format „mit Rechten reden“: die Inszenierung als Meinung gegen Meinung, als wären beide gleich legitim. Diese Bühne müssen wir abbauen.
Quellen:
- Innuendo Studios hat das in The Alt-Right Playbook sehr gut aufbereitet.
- Bundeszentrale für politische Bildung: Rechtsextreme Diskursstrategien
- Diane Bolet & Florian Foos: Media Platforming and the Normalisation of Extreme Right Views, British Journal of Political Science, 2025
- University of Essex: Platforming right wing views helps normalise them
- WZB Berlin Social Science Center: Die Normalisierung der extremen Rechten (Teresa Völker, Daniel Saldivia Gonzatti)
- 54books.de: Raus aus der Manege – Warum öffentliches Reden mit Rechten ein Problem ist
- Otto Brenner Stiftung: AfD und Medien, 2019
- Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn: „Mit Rechten reden. Ein Leitfaden“, Klett-Cotta, 2017 (Rezension: taz)


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