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Gedanken zur Autokorrektur #8.

Lassen Sie uns über Hoffnungslosigkeit sprechen. Ich verspreche, dass diese mich aktuell nur für Momente einnimmt, diese sind dann aber so intensiv, dass mir mir an bestimmten Tagen doch Kraft rauben. Ich verstehe den Wunsch von vielen, „back to normal“ zu spüren. Und sowohl politisch als auch gesellschaftlich ist dieser Wunsch unterstützenswert – so scheint es zumindest. Aber ist das neue Normal wirklich, die alten Fehler zu wiederholen? Der Flughafenverband freut sich – mir wird das Herz schwer:

15,8 Mio Passagiere nutzten die deutschen Flughäfen. Im Vergleich zum Mai 2021 hat sich das Aufkommen fast verfünffacht (+386,6%). Im Europa-Verkehr konnte das Aufkommen gegenüber 2021 fast verfünffacht werden.

These: Darunter sind viele Dienstreisen. Und es tut mir leid, dass ich jetzt Julia Jaekel herausgreifen muss – was ich vielleicht nicht getan hätte, wenn ihr Post

  1. der einzige dieser Art gewesen und
  2. die Zustimmung zu diesem nicht so breit gewesen wäre.
Darf ich gerade mal jammern, bitte, und koennt Ihr mich dabei begleiten? Fahren oder Planen mit der Deutschen Bahn geht gegenwärtig nicht mehr. Und Fliegen, wenn es denn sein muss, auch nicht: soeben Durchsage des SWISS Flugkapitäns in Zuerich, die deutsche (!) Flugsicherheit habe strukurell nicht genug Personal, um die Flüge abzufertigen. Daher eine Stunde auf dem Rollfeld warten, kein Slot erhältlich nach HH, obwohl hier alles pünktlich war. Dass Ich sowieso mein gesamtes Gepäck für eine Reisewoche in einen Minitrolley quetsche, so dass sich Bügeln auch erübrigt hat, ist sowieso klar - einen Koffer bekomme ich ja nach dem Aufgeben nicht mehr zurueck am Gepäckband, klaro. So geht das ja jedem von uns, der reisen muss, dauernd.  Was ist denn bloß mit unserem Land los? Das ist nicht allein der Ukraine-Krieg und dass es eine Zeit nach Corona geben würde, wussten wir auch. Sorry fuer den undifferenzierten Post, geht jetzt einfach nicht mehr. Uff! Uff! Uff! Mehr als diese drei Buchstaben schaffe ich dazu jetzt nicht mehr.

„Endlich spricht es mal jemand aus!“

„Sehr sympathischer Post!“ und vieles mehr findet sich in den Kommentaren.

Ich frage mich: Kann mich ein Mensch auch wieder hinter den Vorhang der Erkenntnis zurückführen, damit ich auch diese Probleme habe und nicht die überbordende Angst vor der immer näher rückenden Klimakatastrophe? Ich kam daher nicht umhin, meine Antwort auf diesen Post sehr pointiert zu schreiben:

Durch meine Lesereise bin ich fast täglich in der Bahn.

Natürlich geht ein jahrzehntelang politisch gewolltes Marodieren im #Autodeutschland nicht ohne Folgen an so einem komplexen System vorbei.

Aber anstatt sich vehement für den umfassenden und entschiedenen Beginn klimapositiver Verkehrspolitik einzusetzen, wird sich beklagt, weil es für uns vielleicht erstmalig deutlich raus aus der Komfortzone geht.

In der einige Menschen mit weniger Privilegien noch nie sein durften.

Darf ich mal meckern?

Hören wir bitte alle auf zu meckern und seien wir Teil der Lösung.

Erste Regel der Verkehrswende:

Wege gar nicht erst antreten.

Gerade Wissensarbeiter:innen haben hier ungleich mehr Möglichkeiten als Menschen in der Pflege, dem Handel, der Produktion.

Andreas Knie berichtete, dass ca. 60 Prozent unserer Jobs bereits unabhängig vom Ort verrichtet werden können.

Zweite Regel: Wege verlagern von Flug auf Zug. Von Auto aufs Rad, wo immer möglich. Neigen Sie grad wieder dazu, Dienst- mit privaten Reisen zu verbinden und damit wieder in die Vor-Corona/Ukraine-Spurrillen zu gleiten?

Innehalten.

Wir müssen von allem, was unsere Erde erhitzt, weniger tun. Allen voran das Verbrennen fossiler Brennstoffe.

Liebe Frau Jaekel. Sie wurden mir mit ihrem Post, der zigfach zustimmend konnotiert wurde, in die Timeline gespült.

Das zeigt, dass Sie für viele eine Vorbildfunktion haben.

Die Klimakatastrophe rollt auf uns zu. Das reichste ein Prozent der Welt erzeugt 25 Prozent CO2. Dazu gehören auch Vielflieger:innen.

Ich wünsche mir, dass wir unsere Verantwortung gegenüber dem Globalen Süden gemeinsam tragen. Die Menschen dort sind zum Teil schon auf der Flucht, weil ihre Lebensgebiete zerstört wurden.

Lassen wir uns dieser Schuld angemessen solidarisch verhalten. 🙏

Ich weiß, dass ich hier bei LinkedIn als „anstrengend“ empfunden werde, wenn ich Menschen, die sich über ausfallende Flüge innerhalb Europas beklagen, Nachtzugverbindungen raussuche für Messen, die drei Tage dauern.

Ich weiß, dass ich das Partyfeeling „nach der Pandemie“ crashe, wenn ich Messen und Events mit „Mobility“ im Titel fernbleibe, weil ich weder Themen der Inklusion, der Kinder- und Senior:innenmobilität in den Programmen entdecke, sondern stattdessen viele allmale Panels, Autokram und dystopische Mobilitätsfantasien.

Wollen wir wirklich etwas verändern oder nutzen wir als Privilegierte (von denen bei LinkedIn mehr zu finden sind als im realen Leben) einfach noch die Zeit, um ein gutes Leben zu haben?

Auch ich habe nicht geringen Bedarf, meinen Mental Load zu senken. Auch ich möchte manchmal die drei Affen sein: Nix sehen, nix hören, nix sagen. Aber ist das 2022 wirklich noch angemessen?

Wir haben nicht nur die Privilegien, sondern auch die PFLICHT, etwas für alle zu verändern. Global bis lokal Das schaffen wir nicht, indem wir kritiklos auf „Festivals“ gehen, die sich einen grünen Anstrich geben, indem wir uns tolle Kleidung kaufen, um auf einem Selfieteppich zu posieren. Verzeihen Sie mir die deutliche Wortwahl, aber ich bin wütend. Wütend, dass wir Tag um Tag vergehen lassen in unserer Sattheit. Wir haben uns in den Überfall auf die Ukraine gewöhnt, wir packen nicht an, die Klimakatastrophe zu minimieren, sondern wir holen aus dem, was wir noch konsumieren können, zu oft das Maximum noch raus. Weil wir leere Hüllen sind, die im Außen ihren Wert finden, nicht im Inneren.

Machen wirklich immer noch Kleider Leute – oder sollte es nicht so sein, dass wir uns davon befreien, diese Oberflächlichkeit unser Leben bestimmen zu lassen?
Shiny clothes, die z. T. 20.000 Kilometer zu uns unterwegs sind.

Wieviele Urlaube in anderen, stundenlange Flugreisen entfernte Länder würden wir noch unternehmen, wenn wir davon nichts auf den sozialen Medien teilen dürften und die Begegnung mit der Kultur des besuchten Landes Pflicht wäre?

Warum werden „Greentechfestivals“ einstmaliger Formel1-Piloten Events völlig unkritisch besucht und auf LinkedIn wie in einem Instagram-Feed reportiert? Ohne Inhalte, nur mit der Meldung „ich war da“? Interessiert das „Dasein“ mehr als die fehlenden Inhalten, die fehlenden Bevölkerungsgruppen und die Exklusivität dieses Events? Ist ein „toller Anzug“ oder ein „tolles Kleid“ wirklich einen LinkedIn-Post wert? Ist das der Resonanzraum, den wir benötigen, dass andere uns Komplimente machen, die wir uns selbst nicht glauben? Ist es dort vielleicht so „kuschlig“, weil die Augen noch nicht mal verschlossen werden müssen, weil einfach keine störenden Zwischenrufe platziert werden und das Gefühl von endlich mal unter uns präsent ist? Warum nehmen die Menschen, die dort präsent sind, nicht die Krankenpflegerin, den Einzelhändler, die Handwerkerin mit? Scheuen wir die Kontroverse?

Yesterday we took a trip to the „Green“ tech festival we were very excited about: We wanted to network, get new ideas and gather inspiration for future projects. Unfortunately, what we found is probably one of the largest green and impact-washing conferences in Germany. It was a lineup of companies that have significantly contributed to the climate crisis we find ourselves in today and which is getting worse by the hour. Just to name one example: Europe’s largest oil company, which lost a court case just a few weeks ago and was ordered to drastically reduce CO2 emissions, basked under the festival’s green slogan.

Hier gehts zum Artikel.

Ich sitze hier grad – für viele von Ihnen vielleicht unvorstellbar – im „sit and chill out“ der Jugendherberge Würzburg. Hier habe ich gerade auf dem FemFest eine Lesung , vielleicht auch eher eine StandUp-Comedy „die Verkehrswende hat noch nicht begonnen“ abgehalten. Hier geht es um Solidarität miteinander und die Thematisierung der Räume, die nur manchen Menschen geöffnet sind. Hier geht es um die Tatsache, dass sich zu wenige Menschen sicher in öffentlichen deutschen Räumen bewegen können. Und dass diese deswegen Auto fahren, gegen ihren Willen.

Ist das Thema auf den glossy Veranstaltungen? Ich wäre gern weniger bitter und ich höre gleich auch auf. Aber ich bin grad einfach enttäuscht, dass wir wirklich nichts aus der Pandemie gelernt haben.

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Lassen Sie uns gemeinsam die ersten sein, die den ersten Schritt wagen, die Welt zu verändern. Lassen Sie es uns wagen. Auch wenn dabei „Fehler“ drohen. Der größte Fehler, wäre das weiter so.

Und schreiben Sie mehr Leser:innenbriefe, die für die Verkehrswende sprechen. Diesen hier – und das finde ich sehr problematisch – hat der Vorstand der Nichtalternative für Deutschland als Reaktion auf meine Lesung in Göppingen geschrieben. Finde nur ich es problematisch, dass eine Tageszeitung diesen in der Breite druckt und Dieter als Leser so ausgiebig stattfinden lässt?

Leserbrief aus der Göppinger Zeitung. Auszug: Wieder eine Autohasserin, die nichts anderes kann, als Autofahrer zu diffamieren. So wie wir das Auto nutzen, ist es böse. Da muss man sich schwer zurückhalten, um nicht ausfällig zu werden, bei soviel Hetze gegen den Autoverkehr. Immerhin 50 Besucher aus Göppingen, so nehme ich an, wollten hören, was die Bestseller-Autorin so von sich gibt.

Ich war auf der re.publica in einer denkbar schlechten Verfassung. Volker Wissing hatte kurzfristig und ohne Angabe eines Ersatzes abgesagt, mit mir eine Diskussion auf der Klimabuchmesse zu führen und die BILD führte mich auf Seite 1 als Verlierer des Tages. Sie lesen richtig: Nicht Verliererin. Gewinner des Tages war ein Vanilleeis, das nach Johnson benannt wurde. Nunja. Ich ließ mich aufbauen von Menschen, die mir wohlgesonnen sind. War aber auch entsetzt, wie wenig die digitale Community auf Vulnerable Rücksicht nimmt und Masken trägt. Kudos an das Awarenessteam der re:publica. Dementsprechend hatte ich meinen ersten StandUp-Vortrag von einer halben Stunde genau dort. Und dieser hat es auf Platz sieben der Playlist der republica geschafft.

Danke.

Meine neueste Podcast-Episode habe ich mit Christoph Krachten aufgenommen. Seine These:

Ohne Tesla gäbe es keine Automobile Elektromobilität. Wir sprechen über das geschlossene System, das Tesla schuf, über die Nichtidentifizierung als Autohersteller, sondern Mobilitätsgestalter – aber auch darüber, ob das mit dem autonomen Fahren und den Robotaxis jemals so kommen wird, wie Tesla-Posterboy Elon Musk es verspricht.

Christoph fährt seit 20 Jahren elektrisch, auch das für mich ein spannender Blick darauf, was schon mal möglich war – und wieder eingestampft wurde, zugunsten einer fossilen Abhängigkeit.

Elon Musk ist für Christoph nicht der Kopf des Produktes, aber der Skalierung, so ist Tesla schon der umsatzstärkste und wertvollste Autohersteller, ab dem nächsten Jahr wird er endgültig in die Massenproduktion gehen.

Christoph und ich sehen elektrisch betriebene Autos jedoch deutlich nicht als Lösung, der elektrische Antrieb löst nur einen gewissen Teil der lokalen Emissionen, es bleiben Platzverbrauch, Mikroplastik, Ressourcenverschwendung und zudem die dringend notwendige Energiewende, denn ein Tesla mit Kohlestrom ist kein Gewinn.

Viel Wirbel verursachte die Überschrift eines Interviews, das ich mit watson geführt habe:

E-Autos in der Stadt: „Wichtig, dass keine Lade-Infrastruktur entsteht.“

Dabei war auch dort ein größerern Kontext, aber das ist ja nicht immer so leicht 🙂

Welche Schwierigkeiten siehst du bei der E-Mobilität?

Ich habe jetzt schon mehrmals gefragt, ob es einen Ladesäulen-Infrastruktur-Masterplan der Bundesregierung gibt, der nicht auf dem heutigen Fuhrpark beruht. Ich will nicht, dass für 49 Millionen Autos Ladeinfrastruktur gebaut wird. Erstens sollen die Leute möglichst zu Hause oder auf der Arbeit laden. Und zweitens werden wir hoffentlich weniger Autos haben. Doch bisher gibt es keinen Plan.

Wie wird die E-Mobilität den öffentlichen Raum verändern?

Hoffentlich in dem Sinne, dass wir endlich wieder den Raum zwischen den Häusern für die Menschen zurückerhalten. Mir ist wichtig, dass im öffentlichen Raum keine Lade-Infrastruktur entsteht. Viele sind aber aktuell von der Idee begeistert, Straßenlaternen als Ladesäulen mitzunutzen. Doch dann bleiben dort die Autoplätze bestehen. Wie wollen wir dann argumentieren, dass wir den Platz für uns brauchen? Wir haben so viel versiegelte Fläche, vor allem in der Stadt – Supermärkte, Fitnessstudios, Bürohäuser. Dort kann gern geladen werden. Die Ladesäulen-Infrastruktur verlagert im Moment wieder Probleme in den Gehwegbereich, wohin sowieso alles kommt, was nicht anderswo gelagert werden kann. Seien es Mülltonnen oder Baustellen, alles ist immer auf dem Fußweg, damit die Autos freie Fahrt haben. So ähnlich ist das auch bei den Ladesäulen und das will ich nicht.

Und zum Abschluss ein wirklich schönes Stück meines Lieblingssenders arte.

Die nächsten Termine meiner Lesereise:

27. Juni Evangelisches Bildungswerk Schweinfurt zusammen mit dem VCD

28. Juni Augsburg

30. Juni Lüneburg, 19:00-21:00 Uhr, Wasserturm

01. Juli zu Gast auf dem Roten Sofa beim NDR

2. Juli virtueller Vortrag in Bonn

3. Juli Wiesbaden, Superblock-Sonntag

5. Juli NAJU Workshop mit den Klima-Coaches

6. Juli Keynote auf dem Festakt ÖPNV-Strategie 2030 Baden-Württemberg in Stuttgart

12. Juli Botanischer Obstgarten Heilbronn

13. Juli zu Gast bei SWR 1 Leute

13. Juli Keynote auf der Eurobike

13. Juli Merlin Kulturzentrum, Stuttgart

Alle Termine finden sich auch immer hier.

Wie immer freue ich mich über Feedback, gerade auch dieses Mal, weil ich ja etwas „deutlicher“ geworden bin 🙂

Aber ich möchte einfach Teil der Lösung sein, nicht des Problems, da kann ich nicht schweigen, wenn ich Dinge sehe, die uns eine gute Zukunft verunmöglichen. Denn aktuell leben wir in einem Deutschland, das ein Auto mit der gleichen Summe unterstützt wie Hartz4-Empfänger:innen. Wollen wir das?

Herzlicher Gruß zum Sonntag – Ihre Katja Diehl

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