Der Titel klingt nach unserer Nationalhymne – und damit ein wenig auch nach der Basis, auf der sich unser Zusammenleben begründet. Wenn andere auf uns schauen, leben wir in einem freien Land, in dem die Rechte des Einzelnen hoch angesehen werden und auch seine oder ihre Freiheiten nicht zuletzt im Grundgesetz verankert sind.

Dennoch nehme ich bei Diskussionen rund um den Mobilitätswandel zunehmend wahr, dass die Freiheit Einzelner mehr gewichtet wird als die vieler. Dass nicht reflektiert wird, dass diese Freiheit auf der Unfreiheit und Einschränkung anderer Menschen beruht. Dass wir uns alle daran gewöhnt haben, dass wir in einem Mobilitätssystem leben, das nicht auf Gleichbehandlung fußt, sondern auf dem unausgesprochenen „Gesetz“, das ein bestimmtes Verkehrsmittel auch dann Vorrang hat, wenn es nicht benutzt wird. Kein Bus wird in den öffentlichen Raum gestellt, kein Fahrrad auf den Raum neben dem Gehweg. Das Auto hingegen bekommt all das geschenkt. Auch wenn es als ruhender Verkehr ohne Fahrer:in in seiner so genannten Parkbucht steht. Ich möchte gern dazu einladen, den Status Quo aus den Augen von nicht Autofahrenden zu betrachten. In die Welt einzutauchen, die außerhalb der eigenen Fahrgastzelle enorm beschränkt wurde.

In der EU wuchs der Personenverkehr zwischen 1990 und 2010 um 1/3 – auf 6,5 Billionen Kilometer pro Jahr. Bis 2030 wird mit ähnlichen Wachstumsraten gerechnet. Rund 3/4 davon gehen, und das wird sich nicht ändern, auf das Auto zurück.

Ich mache es mal anders als in unserer Nationalhymne. Ich fange mit der Freiheit an, gehe dann über zum Recht und befasse mich der mit der Einigkeit. Diese sollte für mich nämlich am Ende stehen. Denn ohne Einigkeit erreichen wir keine Änderung. Wie jedoch kommen wir zumindest zu einem Minimum an Konsenz, der nachweislich dazu führt, dass das Klima und vielleicht sogar auch wir Menschen entlastet werden? Dass es mehr Raum für alle(s) gibt, physisch in der Stadt, aber auch im Kalender des Tages. Nun denn: Freiheit.

Die Freiheit nehme ich mir (von anderen)
Ein Artikel von mir über die Notwendigkeit einer bundesweiten Geschwindigkeitsbegrenzung hat in Summe in den Portalen, in denen ich den Text veröffentlichte, über 1.000 Kommentare erhalten. SO emotional ist das Thema besetzt. Eine kostenlose Maßnahme, die ad hoc ohne Probleme umzusetzen wäre, und Menschenleben und Klima gleichermaßen retten würde, ist immer noch – im Zeitalter der Klimakrise und der tickenden Uhr in Sachen Pariser Abkommen – nicht nur diskussionswürdig, sondern auch mit wuterfüllter Brust ablehnbar. Wie kann das sein? Ich gebe zu: Ab einer gewissen Eskalationsebene (ich habe viele Kommentare erfolgreich gemeldet, weil sie sexistisch, beleidigend und herabwürdigend waren – und das in so genannten Businessnetzwerken, wo es Klarnamenpflicht gibt) habe ich nicht mehr gelesen – ich weiß auch nicht, ob ich das nachhole.

Aber eines weiß ich: Es ging den Menschen viel um ihre persönliche Freiheit. Sie alle fühlten sich als sichere Fahrer:innen, problematisch seien nur Jene, die ihr Auto nicht im Griff hätten. Und genau da beginnt eigentlich die Chance zur Selbstreflektion. Denn was bedeutet die Freiheit, ein Auto schnell und ohne Limit fahren zu wollen für andere? Was bedeutet die Freiheit, ein Auto durchschnittlich nur 45 Minuten am Tag zu benutzen, es aber kostenlos im öffentlichen Raum abstellen zu dürfen, für jene, die neben dem Auto wohnen? Was bedeutet die Freiheit, riesige Fahrzeuge kaufen zu können, für Jene, die bewusst auf Autos verzichten oder aber sich diese gar nicht mehr leisten können?

Müssen wir wirklich alles tun, was uns möglich ist? Wenn wir uns nicht ändern, wer ändert dann die Welt zum Besseren?

Diese persönliche Freiheit über die Freiheit anderer zu stellen – ist das noch zeitgemäß? Das Risiko, dass ich für andere darstelle, wenn ich mit 250 km/h die linke Spur fahre – ist das noch hinnehmbar? Darf ich mit einem PKW, den ich eigentlich nicht brauche, aber gerne haben möchte, wirklich noch ohne Folgekosten kostbaren, weil knappen Stadtraum zustellen? Ich finde klar: Nein. Immer, wenn ich mit Menschen spreche, die sich als leidenschaftliche Autofahrer:innen bezeichne, merke ich, wie wenig viele von ihnen reflektieren, dass ihre Freiheit nur so grenzenlos ist, weil andere auf ihre verzichten müssen. Fußgänger:innen und Radfahrende, mobilitätseingeschränkte Menschen und jene mit Kinderwagen, sie alle ordnen sich im Straßenverkehr in der Ausübung ihrer mobilen Freiheit jenen der Autos unter. Funfact: Ihre Mobilität ist menschlich, da sie unmittelbar durch Muskelkraft entsteht, während jene, die die Hoheit über den Stadtraum besitzen, sich mit fossiler Energie fortbewegen.

Darf eine Stadt noch nach den Gesetzen des Autoverkehrs gestaltet werden? Oder sollten wir den Raum zwischen den Häusern so gestalten, dass menschliche Begegnung wieder möglich wird, Wohngebiete wieder Lebensräume werden? Wo hört die Freiheit der Autofahrenden eigentlich gerade überhaupt auf? Bei meinen Fuß- und Radwegen kann ich das sehr genau sagen. Beim Auto fällt es mir schwer, freiheitliche Einschränkungen wahrzunehmen.

Gibt es ein Recht auf verbotsfreies Autofahrer:innenleben?
Die aktuelle Corona-Lage zeigt, was „Degrowth“ bewirken kann. Der Himmel über China ist nahezu frei von Emissionen, Menschen arbeiten nicht mehr im Büro, sondern mobil – ein Virus steckt im wahrsten Sinne an, unser Leben nachhaltiger zu gestalten. Es ist natürlich keine schöne Ursache, dass eine bis dato nicht zu bekämpfender Krankheit uns auf diese Wege leitet, dennoch zeigt sich, was geschieht, wenn Restriktionen – also Verbote – mutig durchgesetzt werden, um viele vor dem Einzelnen, der vielleicht infiziert ist, zu schützen. Im Mobilitätswandel stehen jedoch alle Ampeln auf rot, wenn von Verboten die Rede ist. Es wird sich darauf berufen, dass JedeR das Recht habe, die Mobilität nach eigenem Gusto zu gestalten. Darf das noch so sein? Gibt es dieses Recht überhaupt, wenn viele von diesem ausgeschlossen sind? Denn aufgrund von Einkommen, Mobilitätseinschränkung oder anderen Ursachen sind bereits jetzt viele Menschen nicht wahlfrei. Sie können sich z. B. kein Auto leisten oder verzichten freiwillig. Verzichten diese Menschen dann auch automatisch auf das Recht auf Stadtraum, sauberer Luft, leiser Umgebung?

Und damit kommen wir zur Einigkeit.
Die vielleicht nirgends so abwesend ist wie im Mobilitätswandel. Einig sind sich hier Politik, Industrie und Autofahrende: Im Zentrum steht weiterhin das Auto. Natürlich gibt es andere Äußerungen, doch wenn wir auf aktuelle Aktivitäten schauen, so sprechen die Fakten gegen Lippenbekenntnisse. Es wird für eine halbe Milliarde Euro ein Forschungszentrum in München gegründet, was sich mit „alternativen Antriebsstoffen“ auseinander setzen soll. Und mit Plätzen an Bahnhöfen, wo Flugtaxis landen können. Welche Verkehrswende soll das darstellen? Wer soviel Zeit und Geld in Forschung investiert, die entweder weiterhin das Auto im Fokus hat (denn für dieses wären ja die Treibstoffe) oder aber Nischenprodukte der Zukunft, der verpasst die echte Gegenwart, in der die Basis für eine gute mobile Zukunft für alle gebaut werden sollte. Bundesmittel, die ursprünglich für Radverkehr eingeplant waren, werden in Straßenprojekte umgeleitet. Unser Verkehrsminister trifft sich dutzendfach mit der Autolobby – aber keinmal mit Verbänden, die für Verkehrswende und Umweltschutz tätig sind. Da ist Einigkeit schon gar nicht möglich – weil keine persönliche Begegnung und Austausch stattfindet.

Auf der anderen Seite dieser Einigkeit: Die uneinigen Wandler:innen.

Sie zerspalten sich bis heute in kleinste Splittergruppen. Anstatt gemeinsam mehr Raum zu fordern, der vom Auto kommen muss. Denn diesem gehört der größte Anteil der Fläche in der Stadt – ob geparkt oder fahrend. Und diese „Allianz der Willigen“ würde endlich aufzeigen, was überfällig ist: Die Fokussierung auf echte Alternativen für alle. Elektrische Antriebe lösen keine Raumprobleme, sie sind wichtig für öffentliche, geteilte und digital verfügbare Mobilität. Nur diese kann die Ungerechtigkeiten aufheben, die heute u. a. Menschen ohne Auto, Mobilitätseingeschränkte und auch Kinder heute aktiv erfahren. Letztere wachsen in einer Welt auf, in der sie auf Blech schauen, sich extrem vorsichtig als schwächstes Glied der Gemeinschaft bewegen müssen. Anstatt diese kleinen Menschen autark und frei ihre eigene Mobilität entwickeln lassen zu können, haben Eltern das Gefühl, das eigene Auto sei der sicherste Ort für die Mobilität. Dies geht zulasten der kognitiven Entwicklung und der bereichernden Interaktion mit der Umwelt.

Ich wünsche mir Einigkeit – aber auch Recht und Freiheit für alle, die mobil sein wollen. Wie sehen Sie das?

1 Antwort
  1. Inge
    Inge sagte:

    Ich sehe das ganz genauso – und ich frage mich immer wieder woher diese ungebremste Wut kommt, wenn jemand wie wir diese „Freiheit“ der Autobesitzer:innen in Frage stellt. Ist es der leise Zweifel doch nicht ganz so im Recht zu sein? Oder eine existentielle Angst, einen identitätsstiftenden Teil des Lebens abgeben zu müssen? Jedenfalls fühlt es sich immer so an, als ob die Betreffenden „how dare you!“ meinen – und diese beiden Anklagen stehen einander dann gegenüber. Oder kollidieren. Das gibt Verletzungen, auf beiden Seiten. Ich glaube, das bringt so nix. Gesetze, Einhaltung derselben, infrastrukturelle Gewalt und Bildung – das hilft!

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