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Drei Tage Zukunft Nahverkehr in Berlin

Zukunft Nahverkehr : IAA = 1:0

Die Conclusio vorweg:

Wir brauchen endgültig keine  mehr. Was mich von dort erreicht und die Gespräche mit Menschen, die vor Ort in München waren, lassen noch nicht mal Raum für:

Ich kann es nicht mehr wirklich mit Worten ummanteln, wie enttäuscht ich von dieser Branche, in der nachweislich viele kluge Köpfe arbeiten, bin – und wie sprachlos mich eine Bundespolitik macht, die alle hohen Herren auf eine Automobilshow und nicht auf einen Nahverkehrskongress schickt. Deutliches Zeichen, wer hier noch hofiert und wer unterschätzt UND nicht wertgeschätzt wird.

Warum gewinnt die ZUKUNFT NAHVERKEHR gegen die IAA und warum ist es nahezu logisch, dass von allen dieser Vergleich vor Ort in Berlin gezogen wurde?

Die #ZNV23 zeigt, wie sich die Branche verjüngt, in den handelnden Personen, Produkten und Allianzen. Sie zeigt, dass sie willens ist, auch ohne konkreten Auftrag von Bundesebene Dinge anzustoßen, die für eine lebenswerte Zukunft sorgen – und dabei auch sehr erfolgreich sind. Inga Schlichting – so erfuhr ich im gemeinsamen Podcast bei Christian Cohrs – hat bereits knapp 170 Stationen mit Verknüpfung von Rad und Bahn erschaffen, von Norden bis Süden, von ländlich bis Metropole. Und wenn dort auch noch eine gute Radwegeinfrastruktur vorhanden ist, gehen ihre Zahlen von Nutzenden durch die Decke.

Treffen mit Exkollegen – ein Traum 🙂

Was zeigt: Die Leute WOLLEN aussteigen aus dem Pkw und anders unterwegs sein. Komfortabler, billiger, gesünder, schneller.

Alle, die ich aus der Branche kenne, waren begeistert von dem Statement, hier als Gemeinschaft sich zu treffen – und nicht auf Einladung einer Deutsche Bahn bei ihr zu Gast zu sein. Dieser Perspektivwechsel der Tage kam an, inspirierte und motivierte gleichermaßen.

Doch nun zum Wasser im Wein:

Technikglaube.

Es gibt weiterhin all white male panels, auf denen sich die Herren echauffieren, dass das mit den autonomen Fahren in Deutschland eingebremst wird. Es fiel sogar der Satz: „Ich glaube an diese Technologie!“ Glaube gehört in die Kirche, Fakten und realistisches Abmaß von Technik ist immer angemessener als der zu optimistische Glaube, einfach, weil Mann es haben will und es die Dinge einfacher macht.

Diversität.

Es braucht immer noch einen Women in Mobility Tag – und auch dieser zeigte, dass #Diversität noch keinen Zielerreichungsgrad zu vermelden hat. Denn natürlich bin ich nicht zufrieden, wenn 50 Prozent aller Beteiligten in der Branche weiße, gesunde Frauen sind. In den drei Tagen habe ich zwei Menschen im Rollstuhl gesehen. Das ist nix, wo ein Lob ausgesprochen werden müsste. Ich wurde sogar von Menschen, die nicht aus der Branche kommen, am Eröffnungstag angesprochen auf die mangelnde Diversität. Und ich war enttäuscht – ja ich weiß, solche Eröffnungen sind immer politisch und enorm orchestriert, nix darf spontan sein – wie wenig der Eröffnungsabend zeigte, wie spannend diese Branche ist. Wohl niemand, der in den Reihen der Zuhörenden stand, wurde durch die gezeigten Formate angeregt, sich zu bewerben.

Alle mitnehmen.

Dann wurde auf manchen Panels auch noch der Begriff der #feministischenVerkehrswende verdammt, weil dies vermittle, dass Frauen alles besser machen. Hier rate ich dazu, mal nachzuschauen, was  ermöglicht, wenn er nach der reinen Lehre umgesetzt wird. Wir betonen immer wieder, dass wir alle mitnehmen wollen. Was ja – im Gegensatz zur Autobranche – versprechen sollte, dass auch alle mit uns unterwegs sein wollen. Und da braucht es eben intersektionalen Feminismus – auch von und für Männer!

Ich nehme mal die Definition von den UN Women:

Ein intersektionaler Feminismus konzentriert sich auf die Stimmen derjenigen, die überlappende, gleichzeitige Formen der Unterdrückung erleben, um die Tiefen der Ungleichheiten und die Beziehungen zwischen ihnen in jedem Kontext zu begreifen. Eine intersektionale Herangehensweise bedeutet auch, die historischen Kontexte, in die Probleme eingebettet sind, zu erkennen.

Und zu guter Letzt gab es wieder sehr viel Verständnis für die Autonation Deutschland, für die Menschen im ländlichen Raum, die wohl weiterhin nur mit Auto gut mobil sein werden. 

Klimaschutz und der Globale Süden? 

Kein Grund für Klartext. Mir wurde sogar an einer Stelle, als es um die Autos in den Städten ging, der Mund verboten, weil „Mann meine Meinung ja schon kenne.“ Ich bin tatsächlich entsetzt, aber das ist kein Problem dieser Veranstaltung, sondern ein gesamtgesellschaftliches, wie unwillig oder unfähig viele Menschen in Macht noch sind, ihre Privilegien anzuerkennen und zu reflektieren, was der hypermobile Lifestyle in Deutschland und dem Globalen Norden schon jetzt für Elend über den Globalen Süden bringt. Wo ist unsere Empathie und Solidarität? Wo unsere Fähigkeit, zu einem gesunden Maß zurückzufinden? Ich adressiere das, auch auf Panels, dann heißt es aber schnell: Das führt jetzt weit weg vom Thema, zurück zum eigentlichen. Ist dem so? Lassen Sie uns gern diskutieren!

Denn wenn wir das nicht gemeinsam adressieren und ehrlich aussprechen, dass es an uns ist, unsere Welt zum besseren für eine Welt für alle zu verändern, erhalte ich weiter Morddrohungen, weil ich einige der wenigen bin, die deutlich und immer aussprechen, dass die schöne neue Welt der Mobilität nur entstehen kann, wenn alle Autoprivilegien fallen. Denn wir brauchen das Geld, die Ressourcen, das Personal dringend. Nicht zum Autobau, sondern zum Aufbau einer wahlfreien, sozial- und klimagerechten Zukunft.

Dennoch: Mein Fazit ist positiv, der Grundstein ist gelegt. Die nächste Zukunft Nahverkehr wird NOCH besser und vielleicht irgendwann die Besucher:innen der in ihren Hallen begrüßen.

Glückwunsch an Christian Schaalo und Rönke von der Heide sowie eure Teams. Hammer Leistung!!

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