Stellen Sie sich einen Samstag vor, an dem ausländische Terrorist*innen das komplette Straßenbahnnetz von Leipzig lahmlegen. Gleichzeitig werden zig Autobahnabschnitte und Bundesstraßen quer durch Deutschland gesperrt – macnhe davon tagelang.
Was würde passieren? Eine Sondersitzung des Bundestages. Eilgesetze. Milliarden für neue Sicherheitspakete. Talkshows rund um die Uhr. Und wahrscheinlich mindestens drei neue Gesetze zur Grenzkontrolle oder Abschiebung. Wir würden den Notstand ausrufen.
Stattdessen geschah am 27. Juni 2026 Folgendes: Es war 41 Grad heiß. Der Belag rund um die Schienen in Leipzig verformte sich so stark, dass der Verkehr eingestellt werden musste. Der Asphalt auf einigen Autobahnen wurde flüssig oder blähte sich auf und brach. Und niemand rief den Notstand aus. Stattdessen gab es eine Warnung im Wetterbericht und den Rat, früh morgens spazieren zu gehen.
Dieser Vergleich ist kein Gedankenexperiment, sondern spiegelt die Realität wider: Der „Täter“, der unsere Infrastruktur lahmlegt, heißt Klimakrise. Und er tötet uns schon seit Jahren – nur nennen wir es nicht Terrorismus, weil es keine Einzelperson ist, die hinter Gittern landen könnte. Fossile Konzerne und Regierungen mal ausgenommen.
Die Opferbilanz: Ein falsches Maß an Angst
Um die Dimensionen zu verstehen, müssen wir die Zahlen ansehen. Die Angst vor islamistischem Terror ist real, aber sie ist statistisch gesehen minimal im Vergleich zur Gefahr durch extreme Hitze.
Seit 2001 sind in Deutschland durch islamistischen Terror etwa 30 bis 50 Menschen getötet worden [1]. Das entspricht einem Durchschnitt von zwei bis drei Todesopfern pro Jahr. Im Gegensatz dazu starben allein im Hitzesommer 2003 in Deutschland schätzungsweise 7.600 Menschen [2]. In den Jahren 2022 bis 2024 wurden in Europa insgesamt 181.000 hitzebedingte Todesfälle gezählt [3]. Auch in Deutschland bleiben die Zahlen hoch: Jährlich sterben hierzulande zwischen 3.000 und 4.500 Menschen an den Folgen extremer Hitze [4].
Die Klimakatastrophe ist kein zukünftiges Szenario, sondern ein gegenwärtiger Mörder mit einer Bilanz, die jene des organisierten Terrors um Größenordnungen übertrifft.
Die Haushaltsrealität: 270.000 zu 1
Noch deutlicher wird das Missverhältnis, wenn man die staatlichen Ausgaben betrachtet. Hier offenbart sich, wofür wir als Gesellschaft bereit sind, unseren Geldbeutel zu öffnen.
Der Haushalt des Bundesministeriums des Innern (BMI) beläuft sich für 2025 auf 13,75 Milliarden Euro, wobei allein 7,2 Milliarden Euro für Sicherheitsbehörden vorgesehen sind [5]. Hinzu kommen spezifische Anti-Terror-Programme und Budgets für das BKA. Es fließen Milliarden im zweistelligen Bereich in die Prävention und Bekämpfung von Terroranschlägen.
Im Vergleich dazu ist die Förderung für Klimaanpassung und Hitzeschutz verschwindend gering. Das Umweltressort hat für Klimaanpassungsmaßnahmen insgesamt 38,57 Millionen Euro veranschlagt [6]. Zwar gibt es einmalige Mittel für die Städtebauförderung, doch ein eigenständiges, massiv finanziertes Programm zum Schutz der Bevölkerung vor Hitze fehlt. Der Hitzeschutzplan des Bundesgesundheitsministeriums existiert primär als PDF-Dokument ohne entsprechende finanzielle Rückendeckung [7].
Rechnet man die Ausgaben pro verhinderten oder betrauernden Todesfall, ergibt sich ein schockierendes Verhältnis: Für jeden Euro, der effektiv in den Schutz vor Hitzetoten investiert wird, mobilisiert der Staat etwa 270.000 Euro für die Terrorbekämpfung [8]. Selbst bei konservativen Schätzungen liegt das Verhältnis bei Hunderttausenden zu Eins.
Warum wir verdrängen, was wirklich notwendig wäre.
Warum behandeln wir diese beiden Bedrohungen so unterschiedlich? Die Antwort liegt in der Wahrnehmung. Terroranschläge sind punktuell, medial sichtbar und haben klare Täter. Sie lösen eine akute Panikreaktion aus. Die Klimakrise hingegen ist diffus, langsam wirkend und ihre Opfer sind oft ältere Menschen, die vielleicht sogar einsam in ihren Wohnungen sterben. Sie sind nicht spektakulär genug, um die politische Agenda zu dominieren.
Es ist, als würde unsere Gesellschaft versuchen, die Klimakatastrophe wie Klimaflüchtlinge zu behandeln: Wir hoffen, dass wir sie an den Außengrenzen abweisen können, statt uns auf die Realität vor der eigenen Haustür einzustellen. Aber die Hitze kennt keine Grenzen. Sie kommt herein, egal welche Mauern wir bauen.
Wir brauchen keine neuen Abschiebungsgesetze für die Wärme. Wir brauchen massive Investitionen in grüne Städte, hitzeresistente Infrastruktur und soziale Sicherungssysteme, die den Schwächsten schützen. Solange wir jedoch Milliarden für die Sicherheit vor einem statistischen Randphänomen ausgeben, während wir Tausende hitzebedingter Todesfälle als „natürlich“ hinnehmen, haben wir die Prioritäten verwechselt.
Die Frage ist nicht, ob wir uns vor Terror schützen sollen. Die Frage ist, warum wir uns nicht gleichermaßen vor dem schützen, was tatsächlich massenhaft tötet.
Quellen:
[1] Wikipedia: Liste der Terroranschläge in Deutschland seit 1945; diverse Berichte des Verfassungsschutzes.
[2] Robert Koch-Institut (RKI): Wochenberichte zur Hitzemortalität; historische Analysen zum Sommer 2003.
[3] Europäische Agentur für Umweltfragen (EEA) & RKI: Daten zur hitzebedingten Sterblichkeit in Europa 2022–2024.
[4] Apotheken Umschau / RKI: Aktuelle Daten zur hitzebedingten Mortalität in Deutschland (2023–2025).
[5] Bundesministerium des Innern (BMI): Pressemitteilung zum Haushalt 2025.
[6] Deutscher Bundestag: Drucksachen zum Haushalt für Klimaanpassung im Umweltressort.
[7] Bundesministerium für Gesundheit (BMG): Hitzeschutzplan 2023.
[8] Berechnung basierend auf den oben genannten Haushaltsdaten und Mortalitätsstatistiken.


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