Katja steht in einem ICE zwischen zwei Waggons, Haare hochgesteckt, dunkle Brille, hellgrüne Cordjacke, weiße Bluse.

Behindertenfeindlichkeit ist kein Antifaschismus. Wo meine roten Linien sind.

TW: Ableismus im Text.

Es ist einer der Sätze, die in meinen Kommentarspalten am häufigsten auftauchen, sobald es um Rechtsextremismus geht: „Das sind doch alles Idiöten.“, meistens als Kampfansage und/oder Abwertung verstanden. Ich habe diesen Satz und andere ableistische Takes jahrelang erklärt, eingeordnet, kommentiert. Ab heute mache ich das nicht mehr. Warum, erkläre ich hier – ein einziges Mal, ausführlich, damit ich in Zukunft darauf verweisen kann.

Ableismus ist keine Kleinigkeit

„Idiot“ ist kein neutrales Schimpfwort. Der Begriff bezeichnete historisch eine bestimmte Form der Intelligenzminderung. Wenn wir ihn heute als Beleidigung benutzen, greifen wir auf ein Vokabular zurück, das Behinderung mit etwas Negativem, Beschämendem, Lächerlichem gleichsetzt. Das ist Ableismus: Diskriminierung, die eine Behinderung oder eine kognitive Beeinträchtigung als Makel, als Schimpfwort, als Vergleich für „das Schlechteste, was man sein kann“ benutzt. Wer „behindert“, „spast“ oder eben „Idiot“ als Beleidigung verwendet, sagt damit implizit: Eine Behinderung zu haben ist etwas, mit dem man Menschen abwerten kann. Das trifft real existierende Menschen, jeden Tag, nicht nur sprachtheoretisch.

Warum „Idiot“ für Nazis auch historisch falsch ist

Das eigentliche Problem an „Nazis sind Idioten“ ist aber nicht nur die Ableismus-Frage – es ist auch bagatellisierend. Die Vorstellung, Täterschaft im Nationalsozialismus sei aus Dummheit entstanden, macht es uns bequem: Wenn „die anderen“ einfach zu dumm waren, muss ich mir keine Gedanken machen, ob ich selbst anfällig wäre.

Die Realität ist unbequemer. Von den Teilnehmenden der Wannsee-Konferenz, auf der im Januar 1942 die organisatorische Umsetzung der Shoah besprochen wurde, trugen mindestens acht einen Doktortitel – Juristen, Verwaltungsbeamte, hochgebildete Karrieremenschen. Der Historiker Michael Wildt hat in seinem Standardwerk „Die Generation des Unbedingten“ gezeigt, dass die Führungsriege des Reichssicherheitshauptamtes überwiegend jung, akademisch ausgebildet und ideologisch überzeugt war – keine ungebildeten Mitläufer, sondern kalkulierende Intellektuelle. Auch Christopher Browning, einer der wichtigsten Holocaust-Forscher zur Täterfrage, widerspricht der Vorstellung, es habe sich um primitive oder pathologische Täter gehandelt. Selbst Hannah Arendts berühmte „Banalität des Bösen“ wird hier oft missverstanden: Arendt meinte damit nicht Dummheit, sondern bürokratische Gedankenlosigkeit bei Menschen mit vollständig funktionierender Intelligenz.

Die schlimmsten Verbrechen des NS-Regimes wurden nicht trotz, sondern teilweise gerade wegen der Bildung, Disziplin und intellektuellen Leistungsfähigkeit ihrer Urheber möglich. Das zu benennen ist unbequemer als „die waren halt dumm“ – aber es ist die Wahrheit, und nur mit dieser Wahrheit lässt sich verstehen, wie so etwas entsteht und wie man es verhindert.

Und dann ist da noch die zweite Ebene

Wer „Idiot“ als Schimpfwort für Nazis benutzt, unterstellt gleichzeitig: Menschen mit einer Intelligenzminderung – etwa im Rahmen bestimmter Behinderungen wie Trisomie 21 – seien in irgendeiner Weise mit dem Wesen von Nazis vergleichbar. Auch das kippt bei genauerem Hinsehen. Die Forschung zum sogenannten „Down Syndrome Advantage“ zeigt bei Menschen mit Trisomie 21 wiederholt relative Stärken im sozial-emotionalen Bereich – hohe emotionale Kompetenz, ausgeprägte Empathiefähigkeit, starke soziale Bindungsfähigkeit. Kognitive Beeinträchtigung (IQ) und emotionale Intelligenz (EQ) sind unterschiedliche Dinge. Der Vergleich „Nazis = Idioten“ trifft also nicht nur die Falschen aus historischer Sicht, sondern stellt sie ausgerechnet neben Menschen, die in genau der Dimension – Empathie, Mitgefühl, soziales Verständnis – oft stärker sind als der gesellschaftliche Durchschnitt.

Was ich stattdessen sage

Nazis sind keine Idioten. Sie sind Menschen, die sich vor allem in den Führungsriegen – oft mit vollem Bewusstsein, mit Bildung, mit Kalkül – für Menschenverachtung entschieden haben.

Ich habe das jetzt einmal ausführlich aufgeschrieben. Ab heute werde ich behindertenfeindliche Sprache auf meinen Kanälen nicht mehr aufklären, sondern im August nur noch mit diesem Blogpost anmahnen, im September dann kommentarlos blocken.
Ich verliere so viel Kraft bei dieser widerlichen Art der Abwertung des Gegenübers, die ich als Affekt nachvollziehen kann, aber als „Strategie“ einfach nur erbärmlich finde.


Quellen:

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2 Kommentare zu „Behindertenfeindlichkeit ist kein Antifaschismus. Wo meine roten Linien sind.“

  1. Avatar von Sebastian

    Danke, Katja, für deinen Blick auf dieses Thema. Er hilft mir, an meinem eigenen Ableismus zu arbeiten. Ein „Down Syndrome Advantage“ scheint allerdings wissenschaftlich umstritten zu sein und besteht allenfalls in Bezug auf Menschen mit kognitiven Einschränkungen, nicht auf den gesellschaftlichen Durchschnitt.


    1. Das mag sein, aber ich finde den Hinweis dennoch wichtig, dass die emotionale Intelligenz mehr aussagt über Menschen. Danke für dein Feedback!


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