Schön, dass du dabei bist – und dass du Themen wie diese für wichtig hältst. Genau dafür mache ich diesen Podcast. Wenn du meine Arbeit unterstützen möchtest, gibt es dafür viele Wege: Meinen wöchentlichen Newsletter bekommst du bei Steady – er ist die finanzielle Basis meines Tuns. Meine Bücher findest du hier. Mit ihnen komme ich auch gern zu euch! Hat dir diese Folge etwas gegeben? Dann freue ich mich über eine Bewertung und Weiterempfehlung – das hilft enorm, damit mehr Menschen den Podcast finden. Und wenn du mich direkt unterstützen möchtest, findest du hier alle Kanäle. Für Anfragen aller Art:
Stefan Carsten ist Zukunftsforscher, Mobilitätsexperte und zum dritten Mal zu Gast bei She Drives Mobility. Seit 30 Jahren begleitet er die Transformation von Städten und Verkehrssystemen – in Beiräten, auf Bühnen, in Büchern. Er ist jemand, der die Fortschritte klar benennt und die Wut trotzdem nicht verbeißt. Und der zum ersten Mal in drei Jahrzehnten fragt, ob das System noch jemanden wie ihn braucht.
Wir starten das Gespräch bewusst mit schlechter Laune – weil die Lage der Nation es so verlangt. Und weil ehrliche Analyse vor falscher Zuversicht kommt. Gleichzeitig sind wir beide, trotz allem, unerbittlich in der Überzeugung: Es kann sich etwas tun. Es muss sich etwas tun.
Werbung: Du willst Mobilität, Klimaschutz oder Nachhaltigkeit nicht nur denken, sondern auch beruflich leben? Dann ist greenjobs genau das Richtige. Seit 25 Jahren bringt die Jobbörse grüne Arbeitgeber und passende Fachkräfte zusammen – von der Radverkehrsplanung in der Kommune bis zur Mobilitätswende-Expertise bei einer Klimaschutzagentur. Kleinstarbeitgeber, Öko-Startups und Naturschutzvereine können ihre Stellen sogar kostenlos inserieren. Schau rein: www.greenjobs.de!
Was Deutschland falsch liest – und was Paris richtig macht
Stefan ist grundsätzlich positiv: Die Mobilitätswende in den Städten ist, so seine These, irreversibel in Gang gesetzt. Berlin ist dafür ein paradoxes Beispiel – eine Stadtpolitik, die massiv auf das Auto setzt, während die Menschen im Alltag längst das Fahrrad, den ÖPNV und Sharing-Angebote nutzen. Mobilität wird von der Gesellschaft gemacht, nicht von der Politik. Paris beweist das eindrücklich: Eine Stadt, die konsequent auf Menschen statt Autos setzt – und dafür zur erfolgreichsten Wirtschaftsmetropole Europas geworden ist. Eine Korrelation, die in Deutschland systematisch ignoriert wird.
Nicht Komfortzone, sondern Angst
Was bremst? Stefan spricht nicht von Komfortzone, sondern von purer Angst. Angst, dass das Neue es schlimmer machen könnte. Angst, dass es keine echte Alternative zur Automobilität gibt. Angst, dass 70 Jahre Wohlstand und Komfort vorbei sein könnten. Und eine Politik, die diese Angst bedient statt einzuordnen – ohne Korrelationsdenken, ohne Strategie.
Die Gemeinderäte, die Fachleute in den Wahnsinn treiben
Auf dem Land ist es nicht die Bürgermeisterin, die die Mobilitätswende ausbremst – es sind die Gemeinderäte. Der Bäckereimeister, der Juwelier, der Einzelhändler: Menschen, die den Parkplatz verteidigen, obwohl er kontraproduktiv ist. Stefan kennt hoch frustrierte Verkehrsplaner, die genau an diesen Traditionalisten scheitern. Und er ist skeptisch, dass die Impulse aus der Fläche kommen – sie müssen von den großen Städten diffundieren, in die Vororte, in die Mittelzentren.
Ein positives Gegenbeispiel: NRW und die Verkehrspolitik als Wirtschaftspolitik
Nordrhein-Westfalen macht es vor: Ein Verkehrsminister, der Schulen von Autos befreit, kommunale Strukturen stärkt und Politik für alle Menschen macht – und das als Wirtschaftspolitik versteht. Teilhabe ist Wirtschaftspolitik. Lebensqualität ist Standortfaktor. Das zeigt Paris. Das zeigt VAUDE, der Outdoor-Hersteller, der eine eigene Buslinie zum Bahnhof eingerichtet hat, Diensträder anschaffte und Bahn first eingeführt hat – und seitdem keine Stellenanzeigen mehr schalten muss, weil die Bewerbungen von alleine kommen.
Diversität auf Bühnen: Es geht, wenn man es will
Wir sprechen darüber, dass auf Mobilitätskongresses noch immer fast ausschließlich weiße Männer das Wort haben – und was das mit der Qualität der Debatte macht. Stefan hat für die Bus2Bus-Konferenz mehr als 50 Prozent Frauenanteil auf Panels und Podium erreicht. Wie? Indem er nach Kompetenz gesucht hat – und festgestellt hat, dass Kompetenz oft weiblich ist, wenn man wirklich hinschaut.
9-Euro-Ticket, ÖPNV-Rückzug und AfD-Erstarken
Was das 9-Euro-Ticket gezeigt hat, war nicht nur Klimapolitik – es war soziale Gesundheit. Menschen konnten sich wieder treffen. Ältere konnten teilhaben. Eine Greenpeace-Studie zeigt: Die Regionen, aus denen sich der ÖPNV zurückzieht, sind dieselben, in denen die AfD reüssiert. Auch diese Korrelation wird politisch nicht aufgenommen.
🔒 Ab hier: exklusiv für Abonnent:innen
Im zweiten Teil des Gesprächs sprechen wir ausführlich über den Mobility Report – Stefans großes, neues Werk, das er nach zweijähriger Pause herausgegeben hat. Weil er sagt: Wenn ich es nicht mache, macht es keiner. Und weil sich zu viele Themen angestaut haben, die raus mussten.
10 Trends, 2 Deep Dives, 1 Manifest
Der Report beschreibt 10 Zukunftstrends der Mobilität, zwei vertiefende Deep Dives – und ein Manifest der bewegten Räume: 10 Aspekte, wie Raum- und Mobilitätswende vor Ort konkret realisiert werden kann. Nach 30 Jahren zum ersten Mal so aufgeschlüsselt.
„Gen Scooter“ – warum die junge Generation doch Führerschein macht
Ein Trend, der Stefan selbst überrascht hat: Die junge Generation will den Führerschein. Nicht weil sie das Auto besitzen will – sondern weil Mobilität, Identität und Status sich entkoppeln. Das Auto wird zum gelegentlichen Werkzeug, nicht zum Statussymbol. Was das bedeutet: Die Menschen wollen kein eigenes Auto, aber das gesamte Mobilitätsportfolio jederzeit verfügbar. Und wenn Städte das liefern, verändert sich Mobilität massiv – zum Guten.
The Backup Car – das Auto als Reserve
Warum stellen Mietwagenunternehmen nicht massiv Wochenendangebote bereit? Das Auto in der Stadt wird zur Backup-Option. Wer jederzeit Zugriff auf eines hat, braucht keines mehr zu besitzen. Sharing, Bahn, Rad – und das Auto für den Ausnahmefall. Kein Widerspruch, sondern das vollständige Mobilitätsportfolio.
Die Schweizer 30-Tage-Challenge
Eine Initiative aus der Schweiz lässt Menschen 30 Tage lang den Autoschlüssel abgeben und gibt ihnen dafür uneingeschränkte ÖPNV-Mobilität. Das Ergebnis: Viele merken, dass sie das Auto in der Stadt nicht brauchen. Der Initiator wollte das Modell nach Deutschland skalieren – und läuft gegen geschlossene Türen. Dabei wäre genau das der Beweis, den wir brauchen: Menschen in die Situation versetzen, es erst mal zu erleben.
Architektur als Mobilitätspolitik
Berliner Unternehmen, die Fahrradstellplätze ins Foyer holen statt in die Tiefgarage. Weil es ein Standortfaktor geworden ist. Weil Mitarbeiter:innen es fordern. Weil es immobilienökonomisch lukrativer ist, über Mobilität nachzudenken, als über Autoparkplätze.
Demokratie als Alltagspraxis
Am Ende des Gesprächs: Leserbriefe schreiben, Politiker:innen ansprechen, auch die, die man nicht wählt – und fragen, warum sie nicht sehen, was gerade passiert. Stefan ist skeptisch, was klassische Medien angeht, aber optimistisch, was zivilgesellschaftliche Bewegungen betrifft. Ungarn, Baden-Württemberg, München, Paris – überall dort, wo Menschen abgestimmt haben, haben sie für Veränderung gestimmt.
Ein Gespräch, das ehrlich ist über Erschöpfung, finanziellen Druck und das Gewicht, das es hat, das Richtige zu sagen – und das trotzdem nicht aufgibt.


Schreibe einen Kommentar