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Wer darf mobil sein – und wem wird Mobilität politisch gewollt wieder entrissen? Raul Krauthausen und das Ende von Muva.

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Ich erinnere mich noch an ein Gespräch mit Raul, das ich vor einigen Jahren aufgezeichnet habe. Er saß vor seiner legendären Fake-Bücherwand, und er sagte etwas, das mich seitdem nicht losgelassen hat: Die Leute denken, wir Behinderten haben kein Privatleben. Die fahren nur zur Physio. Ab 16 Uhr ist sowieso alles nicht mehr möglich – wir gehen ja nie ins Kino oder Cocktails trinken.

Jetzt, ein paar Jahre später, haben wir uns wieder zusammengesetzt – diesmal mit Arne-Steffen Möller von VIA – und ich musste feststellen: Es hat sich etwas verändert. Und dann wurde es wieder schlechter gemacht.

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Raul lebt in Berlin, hat keinen Führerschein, seine Frau auch nicht. Barrierefreiheit im ÖPNV ist für ihn, wie er selbst sagt, das A und O. Er kann sich noch daran erinnern, wie es in den 80ern war: kein Bus mit Rampe. Das änderte sich in den 90ern – aber nicht, weil die Politik es so wollte, sondern weil die alten Busse wegen Umweltschutzauflagen nicht mehr zugelassen wurden. Die neuen hatten dann plötzlich alle Rampen. Raul lernte mit 16 Jahren, alleine Bus zu fahren. Was andere mit 5 lernen.

Den Sonderfahrdienst gibt es in Berlin seit Jahrzehnten. Eine Revolution, als er eingeführt wurde. Aber die Buchung lief lange per Telefon, Fax oder E-Mail. Manchmal 23 Stunden Warteschleife. Drei Wochen Vorlaufzeit. Keine App. Keine Echtzeitverfügbarkeit. Die Welt der Ride-Hailing-Apps hatte sich längst weitergedreht – der Sonderfahrdienst nicht.

Dann las Raul, dass der Sonderfahrdienst neu ausgeschrieben wird. Und er hatte eine Idee: Warum nicht VIA, die schon mit dem Berlkönig gezeigt hatten, was digitale On-Demand-Mobilität kann, in die Ausschreibung bringen? Der Berlkönig hatte von Anfang an zwei barrierefreie Fahrzeuge – weil die damalige Projektleiterin Raul einfach gefragt hatte, was es braucht.

VIA bekam den Zuschlag. Der Sonderfahrdienst wurde digital. 50 Prozent der Fahrten werden mittlerweile per App gebucht. Raul kann jetzt spätabends auf einer Party schauen, wann der nächste WIRmobil für ihn verfügbar ist – und eine halbe Stunde später zuhause sein. Was ihn sonst eine Stunde gekostet hätte, weil Aufzüge nicht funktionierten.

Und dann kam der MUVA, ein Angebot der BVG, entwickelt mit VIA. Barrierefrei, digital buchbar. Seitlicher Einstieg mit Rampe, wie beim klassischen Bus – schnell, würdevoll, ohne den umständlichen Hublift-Prozess. Das Fahrzeug kam in BVG-Design. Es fühlte sich wie ein Verkehrsmittel an – nicht wie Sondertransport. Zu Hochzeiten: bis zu 1.000 Fahrgäste am Tag. Menschen im Rollstuhl, ja – aber auch Eltern mit Kinderwagen, ältere Menschen, Menschen mit Angststörungen, die nicht U-Bahn fahren können. Der MUVA schloss Lücken, die entstehen, wenn ein Aufzug kaputt ist und der nächste einfach… auch kaputt ist.

Arne-Steffen Möller ist Partner Success Manager bei VIA, einem der führenden Anbieter von On-Demand-Software und in Deutschland maßgeblich daran beteiligt, barrierefreie Mobilität nicht nur zu denken, sondern auch umzusetzen. VIA war als Technologiepartner der BVG hinter dem Berlkönig, dem WirMobil und zuletzt dem MUVA. Im Gespräch erklärt er, welche Überzeugungsarbeit es brauchte, Digitalisierung überhaupt erst in eine klassische Betriebsausschreibung hineinzubekommen, wie eine App individuelle Assistenzbedarfe abbilden kann – von der Treppenhilfe bis zur Begleitung am Start – und warum gute Software allein nichts ausrichten kann, wenn der politische Wille fehlt, Angebote langfristig zu finanzieren. Sein Appell: verbindliche Standards für barrierefreie Fahrzeuge in Ausschreibungen und Planungssicherheit für die Menschen, die darauf angewiesen sind.

Denn: Der Muva wurde eingestellt.

Was bleibt, ist ein Nachfolgeservice des VBB, der das Gegenteil von Fortschritt ist: keine App, nur Telefon, klassische Taxizentrale, keine Garantie auf ein barrierefreies Fahrzeug. Wer an einem defekten Aufzug steht und anruft, hört manchmal: kein barrierefreies Taxi verfügbar. Oder: kommt in einer Stunde.

Raul bringt es auf den Punkt: Das Kostenargument ist das Totschlagargument unserer Zeit. Es wird gegen Klimaschutz benutzt, gegen Gleichberechtigung, gegen Inklusion. Aber niemand rechnet, was es kostet, Dinge ständig neu zu erfinden. Den Berlkönig aufgebaut, abgebaut. Den MUVA aufgebaut, abgebaut. Fahrer*innen eingestellt, entlassen, eingestellt, entlassen. Konzepte über Konzepte – und am Ende: Rückschritt. Dabei wäre die Vision so klar: Sonderfahrdienst, ÖPNV und Taxiverkehr aus einer Hand gedacht, aus einem Topf finanziert, mit verbindlichen Standards für Barrierefreiheit in jeder Ausschreibung. Kein Sonderprodukt, sondern: Mobilität für alle.

In Hamburg gibt es MOIA – das On-Demand-Angebot von Volkswagen. Lange nicht barrierefrei. Jetzt kommen autonome MOIA-Fahrzeuge. Auch nicht barrierefrei. Ich finde: Wenn ein neues Produkt in die Welt kommt, muss Barrierefreiheit von Anfang an mitgedacht sein. Nicht als Zusatz. Nicht als spätere Version. Das ist keine Forderung nach Luxus. Das ist eine Forderung nach Teilhabe. Und Teilhabe ist keine Kostenfrage – sie ist eine Frage des politischen Willens. Raul ergänzt: Beim autonomen Fahren ist bis heute nicht geklärt, wie Menschen im Rollstuhle diese Services benutzen sollen. Wer schnallt die Rollstühle an, wer gewährleistet einen barrierefreien Zustieg? Unglaublich, aber nicht neu, denn auch die Ladesäulen für Elektroautos – eine Infrastruktur, die NEU aufgebaut wird, sind nur zu geringen Prozentsätzen barrierearm. Auch hier waren es die Betroffenen selbst, die überhaupt erst eine Rahmenrichtlinie entwickelten.

Ich hoffe, dass andere Städte jetzt mit VIA und ähnlichen Anbieter*innen das machen, was Berlin gerade aufgibt. Und ich hoffe, dass Berlin dann irgendwann under Druck gerät.

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