Viele haben sich über einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung aufgeregt, in dem gefragt wurde: Wo ist eigentlich die Klimabewegung? Ich glaube, bei den meisten wurde – wie so oft – vor allem die Headline gelesen, und das hat naturgemäß zu Empörung geführt. Aber ich finde, die Analyse, die daraufhin in den Reaktionen stattfand, geht wieder nicht weit genug. Und ich schließe mich da selbst mit ein, ich reflektiere das immer wieder aufs Neue.
Der reflexhafte Move
Allein der Reflex, den Artikel mit „die Politik ist scheiße“ zu kontern, zeigt schon, wie wenig zu Ende gedacht wird. Denn die eigentliche Frage ist doch: Worin haben wir als Bewegung eigentlich versagt? Wir haben unsere Forderungen nach oben adressiert, an die Politik – weil wir dort die Macht verorten, die real vorhanden ist. Was wir aber nicht geschafft haben: dafür zu sorgen, dass die Breite derer wächst, die protestieren und neben uns mit auf die Straße gehen.
Wer fehlt auf der Straße
Menschen, die in Kliniken arbeiten. Menschen in der Pflege. Psychotherapeut:innen. Erziehende, gerade Alleinerziehende. Menschen in Armut. Also alle, die von den Krisen, über die wir sprechen, unmittelbar betroffen sind – und die in der klassischen Klimabewegung kaum sichtbar sind.
Der Fokus auf „Klima“ allein ist von Beginn an viel zu klein gewesen – auch wenn dies die bedrohlichste Katastrophe unserer Zeiten ist. Es gab weltweite Klimakonferenzen, wo zunächst vornehmlich die stimmgewaltigen Staaten (und Hauptverantwortlichen der Katastrophe) des Globalen Nordens miteinander rangen. Erst nach und nach kamen überhaupt die Stimmen Jener zu Wort, deren Inseln bereits absaufen, Regenwälder abgeholzt sind und Naturmedizin ausstirbt. Weil Flora und Fauna in ihrer Vielfalt dezimiert werden. Durch neokolonial geprägten Kapitalismus und neue Facetten der Aberkennung von Menschenrechten. Es ging nie um Kohlenstoffdioxid. Dies war und ist sicher ein wichtiger Messwert. Es geht aber für das Ziel um sehr viel mehr – es geht um soziale Gerechtigkeit, global gedacht. Und eben nicht darum, dass sich per Emissionshandel doch wieder die Täter*innen freikaufen können, während die Opfer unserer fossilen Gier ihre Heimaten verlieren. Entweder buchstäblich, weil es diese nicht mehr gibt, oder implizit, weil die Veränderung durch die Katastrophe so groß ist, dass Heimat sich grundlegend verändert. Das zum globalen Blick.
Und wie eng dieser Fokus auf „Klima“ in der Praxis ausgelegt wird, zeigte sich daran, dass wer Solidarität mit den Menschen in Gaza äußerte, aus der Bewegung ausgestoßen wurde. Was bedeutet das für unsere lokalen Kämpfe? Was bedeutet es auch im Umgang in der Frage: Warum haben wir grad keinen Erfolg „mit dem Klima“? Und macht es überhaupt noch Sinn, sich nur als diese Klimabewegung zu begreifen? Oder müssen wir endlich anerkennen, dass wir zu eng agiert haben?
Der Aufruf: Demut statt Abwehr
Und vielleicht sogar genau in diese Unsicherheit, in die Selbstreflektion, dass die Bilder von Klimademos wirklich nicht mehr beeindrucken können, kommt dann auch noch diese Headline der SZ. Menschlich ist es mir sehr nah, in die Abwehr zu gehen, in die Erklärung, weil das Gefühl besteht, doch so viel versucht zu haben. Aber genau da würde ich uns allen ein bisschen mehr Demut wünschen – die Bereitschaft, zu reflektieren, ob das wirklich stimmt und ob es uns bis heute nicht gelungen ist, breite Allianzen zu schmieden, die alle Kämpfe vereinen, gerade WEIL sie alle für eine Vision einer Welt kämpfen, in der alle Menschen gleich sind und auch gleich behandelt werden. Was können wir tun, damit „Black Lives Matter meets Klima meets Queer meets Armut meets Behinderung…“ real und unüberhörbar wird. Denn es sind keine getrennten Kämpfe, sondern Bewegungen, die sich treffen müssen, um überhaupt erst die breite Basis zu schaffen, bevor wir glaubwürdig nach oben adressieren können.
Wenn wir uns weiter nur auf die Politik als Adressatin fokussieren, nehmen wir uns selbst ein Stück weit aus der Verantwortung. Und das finde ich schade – weil genau da unser Hebel läge.


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