Aktuell wird wohl keine Firma so sehr von deutschen Autoherstellern beäugt wie Tesla. Der bis vor nicht allzu langer Zeit noch belächelte Einzelkämpfer rund um CEO Elon Musk dringt nicht nur in brandenburgische Gefilde vor und wird vor den Toren der hiesigen OEMs Personal ködern und Batterien herstellen, er hat jüngst auch den Wert deutscher Auto-Aktien deutlich getoppt.

Und damit alle Buhrufe zumindest für den Moment verstummen lassen. Nicht erstaunlich, dass sich deutsche Medien fast als Sportreporter der aktuellen Tesla-Aktionen betätigen und nahezu stündlich den aktuellen Wasserstand in Sachen Musk-Kommunikation, Aktienwert und Expansion liefern. Doch ist diese Fokussierung wieder ein Fehler – wie jener, dass die hiesige Branche zu spät auf Batterietechnik setzte?

Denn im “Schatten” von Tesla bringen sich andere in Stellung, die mit ähnlichen Konzepten oder aber auch völlig neuen Ansätzen aufwarten – und sich freier jenseits von großer Öffentlichkeit entwickeln können. Ein erster Kandidat, der sich hier platziert, ist Rivian. Noch nie gehört? Nicht weiter ungewöhnlich, das bereits 2009 gegründete Unternehmen war bisher noch nicht so PR-affin wie es Tesla durch seinen entweder als charismatisch oder despotisch empfundenen CEO von Beginn an war.

So hat Elon Musk 31 Millionen Follower:innen bei Twitter – und wenn er einen Tweet absetzt, kann man zuschauen, wie sich Likes und Retweets sekündlich mehren. Der Mensch jedoch, um den es sich gleich drehen wird, hat bisher gerade mal knapp 11.000 Follower:innen. Doch das könnte sich schnell ändern. Zweiter #Funfact: Rivian siedelte sich seinerzeit auf einem stillgelegten Mitsubishi-Werk in Illinois an und verdiente mit den “hinterbliebenen” 14.000 Diesel-Fahrzeugen gutes Geld für die Firmenkasse und damit fossile Basis für elektrische PKW.

Im Nachhinein wirkt es fast so, als habe Firmengründer R. J. Scaringe sich in Ruhe warmgelaufen, um im richtigen Moment auf den Markt zu gehen – und als “Tesla´s worst nightmare” bezeichnet zu werden. Scaringe wollte schon früh seine eigene Marke am Automobilmarkt etablieren und promovierte am renommierten Sloan Automotive Lab des MIT im Bereich Maschinenbau. Also im damals noch sehr klassischen Verbrennermotorbereich. Scaringe hat nach eigener Aussage bereits als Kind am alten Porsche seiner Nachbarn herumgeschraubt und damit die Basis für seine Autoaffinität gelegt. “Es war frustrierend, dass die Dinge, die ich liebte, gleichzeitig die Dinge waren, die die Luft noch schmutziger machten und alle möglichen Probleme verursachten, von geopolitischen Konflikten über den Smog bis hin zum Klimawandel”. Somit war das Ziel klar: Elektromobilität markttauglich entwickeln. Und für die Erreichung dieses Ziels nahm er sich Zeit.

2019 – also nach fast zehn Jahren Entwicklung und immer wieder auch Richtungsänderung in seiner Vorstellung der EV-Technologie stellte sein Unternehmen die ersten beiden batteriebetriebenen Autos vor: Den R1S, ein siebensitziges Sport Utility Vehicle (SUV), und den R1T Pickup-Truck. Wie viele Hersteller von elektrisch betriebenen Fahrzeugen ohne “Verbrenner”-Vergangenheit verwendet Rivian als Grundlage seiner Fahrzeuge ein so genanntes “Skateboard-Design”, bei dem ein Akkupack, Antriebseinheiten, Aufhängung, Brems- und Wärmesystem in das Fahrgestell des Fahrzeugs integriert sind. Montiert sehen diese Komponenten aus wie ein Skateboard und bilden die technische Basis. Beiden Fahrzeugen sind somit die gleichen Komponenten gemein, was Kosteneffizienz in der Herstellung erzeugt.

Mit einer Reichweite von etwa 600 Kilometern liegt Rivian vor vielen anderen Herstellern – jedoch nicht vor Tesla. Beide Rivian-Fahrzeuge sollen in 3 Sekunden von Null auf 180 km/h kommen – ein Wert, der meiner Meinung nach etwas aus der fossilen Zeit gefallen, vielen Käufern aber noch wichtig ist. Während der Cybertruck verspricht, dass geländegängiges Fahren möglich ist, setzt Rivian dies konsequent um, das gesamte Branding der Marke dreht sich um das “Abenteuer” – also nicht um die Fahrt zum Supermarkt: Die Fahrzeuge sind gleichermaßen robust und antriebsschnell. Die Preise für den Pickup sollen bei 68.000 Dollar starten, die für den SUV bei 72.500 Dollar und damit deutlich günstiger als das aktuelle “Premiummodell” Model X von Tesla. Die bisher eingegangenen Vorbestellungen nennt Rivian nicht. 2021 ist aber geplant, 20.000 Fahrzeuge und 2022 40.000 Fahrzeuge auszuliefern. Dies entspräche einem Umsatz 1,4 Milliarden bzw. 2,8 Milliarden Dollar.

Ähnlich wie Tesla setzt auch Rivian auf den direkten Kund:innenkontakt und wird kaum Verkaufsstellen vorhalten. Dennoch geht Rivian schon jetzt einen Schritt weiter und bietet sein “Skateboard” auch anderen Produzenten an. Und geht zudem wirkungsmächtige Lieferbündnisse ein. So bestellte Online-Gigant Amazon bereits im Herbst 2019 bei Rivian 100.000 (!!) Elektrolieferwagen. Letztlich steigt Jeff Bezos, der reichste Mann der Welt, damit sowohl als Kunde, als auch als aktiver Part in die Autobranche ein, denn diese größte Bestellung von Elektrofahrzeugen findet in einer Kategorie statt, die extra für ihn erstellt wird. 2021 soll die Lieferung beginnen. Auch die ersten traditionellen Autohersteller zeigen mit der Partnerschaft zu Rivian bereits an, das “Standard-Skateboard” nur noch in den eigenen Look und damit schnell Elektromobilität auf die Straße zu bringen. Ford wird seine Marke Lincoln auf der Basis des Rivian-Skateboards bauen – auch hier soll es sich um ein SUV handeln. Damit sind 2019 neben Amazon (700 Millionen Dollar), Ford (500 Millionen Dollar) und Cox Automotive (350 Millionen Dollar) zwei Autofirmen in dem 1,2 MIlliarden schweren Funding von Ende 2019 eingestiegen – deutliches Zeichen dafür, dass die ersten Bestrebungen kippen, alles selbst zu bauen. Ob sich das auf deutsche Autobauer überträgt? Wohl kaum. Aber es wird spannend, welche Mechanismen dieser neue, bald große Anbieter in den Markt bringen wird.

Kritik zum Schluss: Auch Rivian baut wie Tesla und die deutschen Hersteller vor allem große Fahrzeuge, die nicht dem Alltagsbedarf entsprechen. Sie sind damit nicht Teil einer aktiven Verkehrswende, wenn diese Fahrzeuge nur gegen alte PKW ausgetauscht werden. Und auch das Feature “Tank Turn”, bei dem sich beide Rivian-Modelle um die eigene Achse drehen, finde ich sogar eine lächerliche Spielerei, die hoffentlich nie in meiner Nähe Anwendung finden wird.

1 Antwort
  1. Auto Freund
    Auto Freund sagte:

    Ich denke auch, dass man da aufpassen muss. Tesla war Vorreiter und hat daher viele Sympathiepunkte und ist eigentlich vergleichbar mit den Produkten von Apple. Zum Glück ziehen andere Marken mit Trendfahrzeugen nach, wenn man sich zum Beispiel mal den Ford Mustang Mach E anschaut. Das könnte auch dem Markt ganz guttun, wenn es mal wieder ein wenig mehr Wettbewerb gibt.

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