Hohe Investitionen beim Umstieg auf die Elektromobilität und große Kostenblöcke im Angesicht der neuen europäischen CO2-Richtlinien: Daimler erschreckte jüngst die Öffentlichkeit mit der Ankündigung, vor dem Hintergrund nicht nur dieser Entwicklungen 15.000 Arbeitsplätze einsparen zu müssen. Ungeachtet der Tatsache, dass solche Vorhersagen immer etwas „diffus“ sind, möchte ich hinterfragen, ob wir in einer Welt, die sich aktuell sehr schnell transformiert, von Branchenkenner:innen oder Medien solche Schlagzeilen noch formuliert werden sollten – denn sie zeigen nur persönliche Ängste, aber nicht gesellschaftliche Chancen.

Ja, es stimmt, die Herstellung von Elektromotoren bedarf weit weniger Aufwand in Produktion und Wartung als es bei fossil betriebenen Antrieben der Fall ist. Ein Grund: Es gibt viel weniger bewegliche Teile. Also ja: Aktuell vorhandene Jobs wird es vielleicht bald nicht mehr geben. Doch diese Veränderung kommt nicht über Nacht, wir können sie gestalten. Sie ist damit echte Chance! Ich möchte an dieser Stelle nur kurz die Beispiele von Nokia- und Kodak heranziehen, die zeigten, dass erfolgreiche Unternehmen, die sich gegen eine notwendige Transformation wehren, bald nicht mehr existieren.

All just a little bit of history repeating?
Und trotzdem zeigt die Geschichte an einem etwas anderen Beispiel, dass aus Krisen manchmal etwas Neues, Innovatives entstehen kann: Zu Beginn der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts taten sich in Flint im US-Bundesstaat Michigan Menschen zusammen, um sich mit der Zukunft der Arbeit zu beschäftigen. Diese Gruppe war sehr heterogen – vom Gewerkschafter, Theologen, klassischen Manager bis hin zum Bürgermeister stellten diese sich einem Problem: Die Heimat von General Motors, Chevrolet und Buick sah sich Massenentlassungen in der Autoindustrie gegenüber. Ursache war die Rezession, die viele industrielle Arbeitsplätze kosten sollte. Wir, die wir heute in der vierten industriellen Revolution stehen, fühlen uns erinnert an die damalige dritte, in der zum ersten Mal Roboter Arbeiter überflüssig machten.

Die halbe Stadt war von Arbeitslosigkeit bedroht, gab sich mit diesem Szenario jedoch nicht zufrieden, sondern suchte nach einer Lösung. Hier entstand der Ursprung von New Work. Statt die Stadt in Arbeiter und Arbeitslose aufzuteilen, fasste man den Entschluss, die Arbeit gleichmäßig auf den arbeitenden Teil der Bevölkerung zu verteilen. So konnte jeder sechs Monate im Jahr in den dann hochtechnisierten Fabriken arbeiten. Die weiteren sechs Monate waren nicht „frei“, sondern wurden unter Koordination von Frithjof Bergman für Ausbau von Fähigkeiten und Arbeit in dem, was „wirklich, wirklich Sinn macht“ (so seine Frage) ausgeübt.

Ich frage mich: Warum sollten wir angesichts der Umbrüche in der Automobilindustrie nicht auch heute so denken?

Ist die heutige Mitarbeiterin am Fertigungsgang wirklich – neben der zumeist sehr guten Bezahlung in der Branche – daran interessiert, diese Tätigkeit für immer auszuführen? Hat sie oder er vielleicht sogar Ideen, welche Dinge das Unternehmen stattdessen vorantreiben sollte? Vielleicht möchte er oder sie etwas anderes tun und Weiterbildungen zur Programmiererin anstreben? Und können wir nicht kreativer mit Arbeitszeiten umgehen? So wie in Schweden, wo Toyota bereits 2003 die Sechs-Stunden-Tage bei gleicher Bezahlung einführte. Die Mitarbeitenden sind gesünder, zufriedener und mindestens genauso produktiv.

Nicht nur die Automobilindustrie erlebt Massenentlassungen

Ein weiterer Hinweis zur Einordnung sei erlaubt: Der einstige „Jobmotor“ der regenerativen Energien ist schon sehr viel länger von einem umfangreichen Arbeitsplatzabbau betroffen – und dass, obwohl er zukunftsfähige Stromerzeugung garantiert – für Klima und Menschen UND Elektromobilität. Mehrere Zehntausende Jobs (Schätzung bei Solarenergie allein 80.000) sind nicht mehr existent aufgrund neuer Ausschreibungsregularien und Auflagen wie dem Mindestabstand von Windrädern zu Wohnbebauung (diese Regelung kostete geschätzt 26.000 Arbeitsplätze). Doch weil ihre Lobby nicht so finanzstark und damit „laut“ ist wie die der Fahrzeug-Hersteller, verlief dieser Stellenabbau fast stillschweigend. Schon hier beginnt also in der öffentlichen Wahrnehmung ein Ungleichgewicht in der Einordnung der Relevanz von Arbeitsplatzerhalt.

Aber lassen Sie uns objektiv auf das von Daimler gezeichnete Szenario blicken.

Fakt ist: Die Elektromobilität kommt, diese Entwicklung ist unumkehrbar.

Städte wie Basel verkünden, dass die umweltfreundliche Mobilität auf 100 Prozent gesteigert werden MUSS. Und damit sind weder fossile Antriebe noch Hybride erlaubt – sondern ausschließlich jene, die lokal emissionsfrei sind. In weiteren europäischen Metropolen haben Verbrennerautos Einfahrverbote. Der Radius, innerhalb dessen die alte Technologie noch fahren darf, wird sich immer weiter verkleinern.

Wollen wir gestalten – oder uns gestalten lassen?

Wir dürfen uns nicht die Chance nehmen lassen, unsere Industrie in die Zukunft zu führen. Und das gilt für alle Bereiche, nicht nur für den Automobilbau. Wir sollten begreifen, dass wir so sozialisiert sind, dass wir bei Mobilität nur an das eigene Auto denken. Das uns zwar Hunderte von Euros monatlich kostet, aber immer für uns zur Verfügung steht. Das macht es uns schwer, uns Alternativen auch nur vorzustellen, die dieses ersetzen können. Dabei entstehen durch genau diese Alternativen Chancen: Indem man Geschäftsmodelle so transformiert, dass sie unsere klimatische und wirtschaftliche Zukunft sichern. Schließlich werden heute die Weichen für das Überleben von morgen gestellt.

Fakt ist: Wenn wir all unser Handeln in der Autoindustrie daran ausrichten, dass wir die heutigen Arbeitsplätze erhalten, dann wird es in der Zukunft gar keine mehr geben.

Weil andere schon heute die Fahrzeuge herstellen, die wir demnächst für nachhaltige Mobilität benötigen. Und gleichzeitig beweisen deutsche Hersteller schon heute, dass sie Zukunft können. Fahrzeugkonzepte wie der Crafter der Volkswagentochter MOIA zeigen, dass es sehr viel Kompetenz in den Reihen von DesignerInnen der Branche gibt, sich in die Bedarfe bestimmter Kundengruppen einzufühlen.

Eine weitere Tatsache ist: Deutsche Verbrennungsmotoren-BesitzerInnen mögen mit E-Mobilen noch fremdeln, doch sie entscheiden schon längst nicht mehr über die globale Nachfrage (von der die Arbeitsplätze auch bei Daimler abhängen). Denn diese Nachfrage wird maßgeblich von Asien und dort vor allem China bestimmt. Und was macht dieses Land? Es überspringt bei der eigenen Autobranche die fossile Phase, weil es anerkennt, hier nicht aufholen zu können. Durch Protektionismus und einer bereits seit Jahren andauernden Förderung für Hersteller und Käufer von Elektroautos wurde dieses Segment großzügig gefördert, Zuschüsse von bis zu 8.000 Euro waren ebenso üblich wie Begünstigungen im Straßenverkehr. Wozu das? Um eine Nachfrage im eigenen Land zu generieren und die eigenen Marken aufzubauen. Ergebnis: Bereits 2018 wurden 1,3 Millionen E-Autos in der Volksrepublik abgesetzt, das ist mehr als die Hälfte der weltweiten Produktion.

Jetzt werden die Förderungen ausgesetzt, weil das Etappenziel erreicht wurde: Die Etablierung der Elektromobilität sowie der ebenso notwendige Aufbau von Industrieketten und Infrastruktur. Ein deutliches Bekenntnis des Staates zu dieser Technologie brachte eine gesamte Branche auf „state of the art“-Niveau – und wird damit zur Konkurrenz der deutschen Hersteller.

Wir müssen ganz neu denken und die neuen Realitäten akzeptieren

Es bedarf eines größeren Denkens als nur der Besitzstandswahrung. Es gibt hier kein „aus alt mach´ neu“ – es muss wirklich neu gedacht werden. Andere, jüngere Automobilhersteller lösen sich völlig vom Auto, indem sie Ökosysteme anbieten, von der Ladeinfrastruktur zum „over the air“-Update. Das Auto ist für diese Hersteller nur noch ein „device“, ein Mittel zum Zweck. Genau dieses Denken hilft bei der Fokussierung auf Innovation.

Letztlich kommt unsere Schlüsselindustrie vielleicht auch einfach in der Realität vieler Branchen an, die jahrzehntelang als „too big too fail“ galten. Doch über Erfolg oder Scheitern entscheiden nun nicht mehr deutsche Verbraucher:innen und Politiker:innen, der Druck zur Veränderung kommt längst von außen, vom Weltmarkt. Das obere Management der Autokonzerne schien bis vor kurzem von den langen Jahren des Erfolgs satt und uninteressiert daran zu sein, auf derartigen Druck zu reagieren. Die drohenden Massenentlassungen aber sind ein Wecksignal, das niemand mehr in der Branche überhören kann. Wir sollten diese Warnung beherzigen und mit den notwendigen Veränderungen beginnen. Sonst gewinnen anderen. Und die Folgen dessen wären erst recht fatal.

Wie sehen Sie das?
Freue mich auf Diskussion!

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.