In der aktuellen Ausgabe des Falter (41/26) ist ein Interview mit mir erschienen – knackige Überschrift: „Das Auto ist ein Problem für unsere Demokratie“. Es wurde von Katharina Kropshofer geführt, ist auf zwei Seiten gedruckt und behandelt den Pkw als Norm, den fossilen Backlash, das Fahrrad als feministisches Werkzeug, Pflege, Armut und die Frage, wie unsere Mobilität wirklich umgebaut werden kann.
Ich habe darin auch ungeschönt über mich selbst gesprochen: dass ich pflegebedingt autoabhängig bin, dass ich mir in Wien wegen meiner chronischen Erkrankungen nach der Nachtzugfahrt ein Taxi gegönnt habe und manches mehr. Für Menschen, die mich kennen, alles nicht neu, nicht spektakulär.
Am 14. Oktober um 17:07 Uhr erschien bei exxpress* ein daraus generierter Text mit der Überschrift „Gewesslers Ex-Beraterin: Auto ist ‚ein Problem für die Demokratie‘“.
*Wikipedia weiß: Exxpress (Eigenschreibweise eXXpress) ist ein seit März 2021 bestehendes österreichisches Boulevard-Onlinemedium. Exxpress ist zu 77 Prozent im Eigentum von Vius, der Betreiberfirma des Millionärs Frank Gotthardt, die auch das rechtspopulistische Medium Nius hält. Wegen wahrheitswidriger Berichterstattung, Beziehungen zu rechtsextremen Aktivisten und weiteren Skandalen ist Exxpress selbst immer wieder Thema der Berichterstattung anderer Medien.
Das Verrückte: Kein Wort davon ist falsch wiedergegeben. Jedes Zitat steht korrekt im Original. Und trotzdem ist es ein anderes Stück über eine andere Person. Ich habe beide Texte Satz für Satz nebeneinandergelegt und möchte zeigen, welche Mechanismen dabei zum Einsatz kamen. Nicht, weil es um mich geht, sondern weil sich dieses Diffamieren immer und immer wieder wiederholen wird. Es zielt auf Menschen ab, die sichtbar über Mobilität, Klima und Gerechtigkeit sprechen. Wenn du die Mechaniken kennst, wirst du solche Stücke besser einordnen können – hoffe ich.
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1 Das Etikett.
Im Falter wird meine Verbindung zu Gewessler als Teil meiner Karriere dargestellt. Beim Hetzblatt wird daraus die Überschrift und meine gesamte Identität: „Gewesslers Ex-Beraterin“. Ich bin dann nicht mehr die Expertin, sondern die Abgesandte einer Person, die die Zielgruppe politisch ablehnt. Wer das liest, weiß bereits vor dem ersten Zitat, was er von mir halten soll. Guilt by association heißt das.
2 Beweis per Kürzung.
Im Original hat meine S-Bahn-Beobachtung folgende Struktur: Im Auto sitzen nur uns bekannte Menschen, wodurch wir den Kontakt zu Andersdenkenden verlieren. Die Bahn zwingt uns dagegen in Begegnung, ob angenehm oder nicht. Der Hetztext schneidet alles davor und danach weg und lässt zwei Splitter übrig: Auto heißt keine Gespräche, S-Bahn heißt stinkendes Essen. Aus einem Argument über Begegnung werden zwei Reizpunkte. Der Rest entsteht nicht durch Lügen, sondern durch die Lücken.
3 Der Strohmann: Nirgendwo habe ich behauptet, in der S-Bahn finde politische Debatte statt. Genau diese Behauptung erfindet der Text („Die S-Bahn als Debattierclub?“) und widerlegt sie dann ausführlich: Schweigende hören Musik oder telefonieren mit Bekannten. Die Lesenden erleben einen Angriff und seine Vernichtung und merken nicht, dass die angegriffene Position nie meine war. Das ist die klassische Strohmann-Falle, und sie funktioniert, weil sie sich unter echten Zitaten versteckt.
4 Aus Beobachtung wird Anspruch
Ich habe im Interview Zustände beschrieben, beispielsweise, dass man in der S-Bahn aushalten muss, was andere tun, oder dass es Politikern oft um Wiederwahl geht. Der Hetztext macht daraus Forderungen und Machtaussagen: Ich wolle den Menschen vorschreiben, womit sie fahren, und ich stehe angeblich gegen die Wähler. Aus einer Sozialbeobachterin wird eine Erzieherin. Das ist die eigentliche Diffamierung: keine falsche Zahl, sondern ein falsches Ich.
Warum das wichtig ist: Diese Falle nimmt jegliche künftige Offenheit vorweg. Wer ehrlich über eigene Widersprüche spricht, dem werden sie ins Gesicht gedreht. Es ist ein Instrument des Schweigebefehls, das gezielt Frauen trifft, die sich nicht hinter Schlagworten verstecken. Die Botschaft lautet: Sprich nie über deine eigenen Dilemmata, sie werden gegen dich verwendet.
5 Die geschlossene Kommentarschleife
Hier wird es handwerklich interessant. Rechtlich angreifbar wäre eine falsche Tatsachenbehauptung. Der Text enthält keine. Stattdessen reiht er meine echten Zitate zwischen eigene Wertungen: „Wie praktisch“, „Nun, die Wähler dürfen anschließend urteilen“ und am Ende „Vielleicht täte es für den Anfang auch ein besserer Busfahrplan“. Dieser letzte Satz ist besonders elegant. Er klingt wie eine Konzession – bessere Busse – und ist doch Hohn, denn genau das habe ich gefordert. Der Lesereindruck entsteht durch die Achse, auf der die echten Zitate montiert werden. Deshalb sind solche Stücke oft schwer angreifbar und eine Gegendarstellung führt bei mir auch über Kontextverzerrung, nicht über falsche Wortwiedergabe.
6 Alarmvokabular in Isolation: „Autos sind für mich eine potenzielle Waffe.” Die 40 Prozent Fahruntüchtigen. Im Falter stehen beide Sätze im Kontext von Verantwortung: Restalkohol, Müdigkeit, Medikamente, das Handy am Steuer, meine Einladung, sich auf Höhe eines sechsjährigen Kindes auf die Straße zu setzen. Herausgerissen und unter einer spöttischen Zwischenzeile klingen sie jedoch so, als pauschalisiere ich alle Autofahrer. Ein Satz braucht in diesem Format nur die richtige Überschrift, um seine Bedeutung zu wechseln.
7 Die Auslassung als Aussage
Was im Hetztext fehlt, ist mein Pflegealltag als Begründung statt als Beichte sowie die Zahlen über Menschen ohne Lobby (ein Drittel der Deutschen hat keinen Führerschein und nur 45 Prozent der von Armut Betroffenen besitzen ein Auto). Ebenso fehlt die Passage über den Fahrrad-Feminismus, die Suffragetten und Nachkriegsfrauen sowie die Beispiele aus Kopenhagen, Paris und der Slowakei. Vor allem fehlt der Absatz, in dem ich erzähle, dass ich Morddrohungen bekomme und rund 2.500 Euro im Monat an Freelancer zahle, die Hass von mir fernhalten. Wäre er enthalten, würde der Leser eine Person sehen, die es gewohnt ist, angegriffen zu werden. Ohne ihn bin ich nur die Angreiferin. Das Weglassen ist die eigentliche Mitte des Stücks.
8 Die Eröffnung mit dem Doppelfeindbild
„Möglichst wenig Auto fahren, dem Klima zuliebe. Und jetzt auch noch um der Demokratie willen?“ Mit diesen beiden Sätzen steht das Klischee der moralisch im…


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