Screenshot des Covers - ich habe dem Herrn allerdings Hasenohren gemalt.

Überschrift bitte selbst gestalten, mir fehlen die Worte – und die, die mir einfallen, sind justiziabel.

Der SPIEGEL setzt diese Woche einen Mann aufs Cover, der in wenigen Tagen Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes werden könnte – als erster gesichert rechtsextremer Politiker in der Geschichte der Bundesrepublik. „Der gefährlichste Mann Deutschlands“ prangt clickbaittauglich über einem fast wie ein Fahndungsfoto anmutenden Porträt. Die Geschichte selbst: “ Sauber recherchiert, sie zeigt die HDJ-Vergangenheit seiner engsten Vertrauten, seine Nähe zu Höcke, seine Verschwörungserzählungen. Und trotzdem ist genau dieses Titelbild, eine Woche vor einer der folgenreichsten Landtagswahlen der bundesdeutschen Geschichte, eine Entscheidung, die ich für falsch halte. Und zwar aus mehreren Gründen.

Wer verdient in dieser Woche die Titelseite?

Sachsen-Anhalt ist ein Bundesland, das viele Menschen im Westen längst abgeschrieben haben. Wenig Aufmerksamkeit, wenig Investition, wenig Solidarität – und genau in diesem Klima kämpfen mir liebe Menschen dort seit Jahren und täglich mit aller Kraft gegen den rechtsextremen Aufstieg an.

  • Lehrer wie Max Heckel aus Stendal, der die AfD wegen Verstößen gegen das schulische Neutralitätsgebot vor Gericht bringt und dafür einen Präzedenzfall schaffen will.
  • Zivilgesellschaftliche Organisationen, die seit Januar 2026 laufend Angriffe auf Demokratie und Vielfalt dokumentieren, wie die Amadeu-Antonio-Stiftung in ihrer Chronik.
  • CSD-Organisator*innen, die trotz rechtsextremer Gegendemonstrationen, 2025 waren es rund 350 Teilnehmende allein in Magdeburg, weiter öffentlich für queere Sichtbarkeit einstehen, obwohl das AfD-Regierungsprogramm ihnen offen mit dem Ende der Förderung droht.

Genau diese Menschen wären eine Titelgeschichte wert gewesen. Menschen, die zeigen, dass Demokratie sich verteidigen lässt, wenn man bereit ist, dafür Kraft zu investieren, in einem Bundesland, das diese Aufmerksamkeit dringend nötig hätte. Stattdessen bekommt der Mann, der genau diese Menschen bedroht, die Bühne.

Simson und ein Missbrauch, der längst öffentlich verurteilt wurde

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Der SPIEGEL bebildert seine Geschichte mit zwei Fotos von Siegmund auf einer Simson-Schwalbe.

Zitat:

Ein Biker mit ärmelloser Lederjacke tritt an Siegmund heran. Seine Frau will ein Bild von den beiden knipsen. »Mach doch mal was, mein Schöner«, sagt Siegmund zu dem Biker. Der verschränkt schüchtern die Arme hinter dem Rücken. Siegmund grinst. Die Frau macht ein Foto. Wenig später läuft Siegmund zu seinem Moped. Die Luft ist schwer von Hitze und Auspuffqualm, die Festwiese gelb ausgetrocknet. In fünf langen Reihen haben sich die Fahrer formiert, die meisten auf Schwalben, eleganten Mopeds mit geschwungenem Blech, zwischen 1964 und 1986 im thüringischen Suhl gebaut, Marke Simson. Mehr als 400 Fahrzeuge stehen bereit. Die Simson ist mehr als ein Fahrzeug, für viele Menschen steht die Marke für den Stolz des Ostens. »Alle aufsteigen.« Lederstiefel krachen auf silberne Anlasser, Hunderte Zweitaktmotoren röhren auf. Der Himmel ist blau, die Schwalbe von Ulrich Siegmund ist es auch. Er führt den Tross an, kilometerweit durch die kurvigen Landstraßen Sachsen-Anhalts. Siegmund schließt die Augen. Und lächelt.

Was in der Geschichte fehlt, ist der entscheidende Kontext: Simson wurde 1854 von den jüdischen Brüdern Löb und Moses Simson gegründet. Die Familie wurde in der NS-Zeit in einem Schauprozess enteignet, Geschäftsführer Alfred Simson floh nach Gestapo-Haft über die Schweiz in die USA, wurde ausgebürgert, sein gesamtes Vermögen zog der Staat ein. Erst zu DDR-Zeiten entstand aus dem enteigneten Werk der Volkseigene Betrieb, der die Schwalbe baute.

Die Nachfahren der Familie haben sich öffentlich und wiederholt gegen genau diese Aneignung ihres Namens durch die AfD gewandt. Dennis Baum, Sprecher der Unternehmerfamilie:

„Wir empfinden jede Verbindung mit der AfD als abstoßend und als Beleidigung unseres Familiennamens. Meine Familie und ich lehnen extremistische Ideologien entschieden ab und wollen die Vereinnahmung unseres Namens durch die AfD nicht dulden.“

Politiker wie Björn Höcke nutzen die Simson gezielt als Symbol ostdeutscher Identität, eine Kampagne, gegen die es sogar eine öffentliche Petition gibt. Der SPIEGEL kannte diesen Konflikt, hat darüber berichtet.

Wenn Journalismus zum Verstärker wird

Zivilgesellschaft in diesem Land schafft es, innerhalb weniger Stunden Proteste zu organisieren, Petitionen aufzusetzen, Gerichtsverfahren anzustrengen. Sie tut das mit begrenzten Mitteln, die die aktuelle Regierung grad eh zusammenstreicht, oft ehrenamtlich und gegen erheblichen Gegenwind. Der SPIEGEL dagegen hat eine Redaktion, ein Archiv, Ressourcen, Reichweite. Und nutzt sie in dieser Woche dafür, einer Partei, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk „stark zusammenstutzen“ will, die freie Presse als Feindbild markiert, ein Gesicht zu geben, das der Partei sicher gefällt. Diese Nähe zur Inszenierung, die Siegmunds eigene Kommunikationsstrategie prägt, in der Aufmachung eines so genannten Leitmediums zu wiederholen, ist keine objektive journalistische Entscheidung. Eine ganze Woche lang liegt dieses Bild an jedem Kiosk, in jedem Wartezimmer, auf jedem Titelseiten-Aggregator, wenige Tage vor einer Wahl, die laut Umfragen auf eine AfD-Mehrheit von über 40 Prozent zusteuert.

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Journalismus über Rechtsextremismus ist notwendig, das erkenne ich ausdrücklich an. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Aufklärung und Ästhetisierung. Die Recherche selbst benennt die HDJ-Vergangenheit seiner engsten Mitarbeiter, seine Verschwörungserzählungen, seine Nähe zu einer vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften Struktur. Das Titelbild aber erzählt eine andere Geschichte. Einen Monat vor der Wahl hätten die Menschen, die für Demokratie kämpfen, dieses Titelbild verdient gehabt. Nicht der Mann, der sie bedroht.

Quellen:

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