Zu hohe Bordsteine, zu eng platzierte Ladebuchten, zu hoch angebrachte Stecker, Poller ohne Durchfahrbreite, Ladesäulen auf ohnehin schon zu schmalen Gehwegen.
Im Ausland werden Ladeparks für E-Autos oft dort gebaut, wo Menschen ohnehin hinfahren: an Supermärkten, am Arbeitsplatz, an Sportstätten. Eigens dafür entwickelte Infrastruktur, oft mit eigener Solarenergie, in Norwegen sogar per Gesetz für Arbeitgeber*innen vorgeschrieben.
Und in Deutschland? Werden Ladesäulen in aller Regel dort hingestellt, wo ohnehin schon geparkt wird. Auf dem Gehweg. Neben dem Bordstein. Mit Pollern drumherum, damit niemand die Säule anfährt.
Was dabei fast nie mitgedacht wird: Barrierefreiheit. Die weit überwiegende Mehrheit der Ladesäulen in Deutschland ist für Menschen im Rollstuhl gar nicht nutzbar. Zu hohe Bordsteine, zu eng platzierte Ladebuchten, Stecker, die aus dem Sitzen heraus nicht erreichbar sind. Ein bundesweiter Leitfaden für barrierefreie Ladeinfrastruktur gibt es erst seit 2023. Dank der Betroffenen. Dank Sozialheld*innen. Ein verbindlicher Standard fehlt bis heute.
B!
Katja läuft mit einem weißen Shirt, auf dem in pink „protect the dolls“ steht, durch ein urbanes Wohnviertel. Eingeblendet werden Ladesäulen aus Hamburg, die abgepollert sind oder auf dem Bürgersteig stehen, so dass die Stufe verhindert, dass Rollstuhlfahrer*innen diese erreichen. Ebenfalls eingeblendet sind die Zeichnungen von barrierefreien Ladesäulen.
INSERT_STEADY_NEWSLETTER_SIGNUP_HERE
Es gibt derzeit eine Diskussion, ob Ladesäulen künftig rechtlich als Selbstbedienungsterminals gelten, so wie Geldautomaten, Ticket- oder Bezahlautomaten. Das würde bedeuten: Sie fallen unter das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG), die deutsche Umsetzung des European Accessibility Act, das seit dem 28. Juni 2025 gilt. Klingt zunächst nach einer guten Nachricht. Der Blick auf Geldautomaten und Zapfsäulen zeigt aber, wie eine solche gesetzliche Pflicht in der Praxis wirkt: Nur neu in Betrieb genommene Geräte müssen sofort barrierefrei sein. Für bestehende Geräte gilt eine Übergangsfrist von bis zu 15 Jahren, spätestens bis 2040 dürfen sie weiterlaufen wie bisher. Banken bauen ihre Geldautomaten deshalb erst jetzt um, nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil das Gesetz sie dazu zwingt.
Übertragen auf Ladesäulen würde das bedeuten: Selbst wenn der Gesetzgeber sie eindeutig als Automaten einstuft, könnte es bis weit in die 2030er oder 2040er Jahre dauern, bis die heute verbauten, nicht barrierefreien Säulen tatsächlich ersetzt werden. Eine gesetzliche Pflicht ist wichtig und überfällig. Aber sie garantiert kein schnelles Ende der Barrieren, sie verschiebt das Problem nur in eine sehr lange Übergangszeit, wie wir es an jedem Geldautomaten sehen, der heute noch ohne Sprachausgabe dasteht.
Für immer Autos im WOHNgebiet?
Andere Länder zeigen, dass Ladeinfrastruktur auch anders gedacht werden kann. In Großbritannien baut GRIDSERVE mit den „Electric Forecourts“ eigens konzipierte Ladeparks, komplett aus Solar- und Windenergie gespeist, mit Supermarkt, Café und Kinderspielbereich. In den Niederlanden, Belgien und Deutschland setzt Fastned auf Solardach-Ladeparks, teils an Raststätten, teils in Kooperation mit Supermärkten wie Rewe. In Frankreich integrieren Ketten wie Carrefour Schnelllader direkt an ihren Parkflächen – ein echter Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Norwegen verpflichtet Arbeitgeber*innen per Gesetz, Ladepunkte für mindestens sechs Prozent ihrer Parkfläche bereitzustellen. IKEA baut europaweit über 1.000 neue Ladepunkte an seinen Standorten, zu hundert Prozent mit erneuerbarer Energie gespiesen. In all diesen Beispielen wird Laden dort mitgedacht, wo Menschen ohnehin hinfahren und Zeit verbringen: beim Einkaufen, bei der Arbeit, im Sportverein.
Dir gefällt was ich tue?
1 × wöchentlich schaue ich in den Rückspiegel: Wo stehen wir in der Mobilitätswende? Und gebe Abonnent:innen exklusive Inhalte mit meinen Steady-Paketen:
INSERT_STEADY_CHECKOUT_HERE
In Deutschland läuft der Ausbau anders. Mal wieder ohne das, was ich in der Transformation fast täglich schmerzlich vermisse: Systemisches Denken. Die Bequemlichkeit von gesunden Automenschen hat es zum ungeschriebenen Gesetz gemacht, dass vor der Haustür das Blech bevorratet werden kann, Ladesäulen werden in aller Regel dort aufgestellt, wo bislang geparkt wurde: Häufig auf dem Gehweg oder direkt am Bordstein, umzäunt von Pollern, die verhindern sollen, dass Autos die Säule beschädigen.
Was dabei fast durchgehend fehlt: der Blick auf Barrierefreiheit. Die weit überwiegende Mehrheit der öffentlichen Ladesäulen in Deutschland ist für Menschen im Rollstuhl faktisch nicht nutzbar. Die Bordsteinkante ist zu hoch, um überhaupt an die Säule heranzukommen. Die Ladebuchten sind zu eng, um mit dem Rollstuhl daneben zu manövrieren. Der Stecker sitzt so hoch, dass er aus dem Sitzen heraus nicht bedienbar ist. Und wo Ladesäulen auf ohnehin schon zu schmalen Gehwegen stehen, entstehen zusätzliche Stolperfallen, für blinde Menschen ebenso wie für Menschen mit Rollator oder Kinderwagen. Deswegen wehre ich mich auch gegen die Idee von Rheinmetall, Autos aus dem Bürgersteig heraus zu laden, und gegen jene von Shell, Laternen dafür zu nutzen. Obwohl es in der Autodenke natürlich Naturgesetz ist, das Laternenparken auch in die Zukunft zu führen. Auf Kosten aller ohne Auto.
Ein bundesweiter Leitfaden für barrierefreie Ladeinfrastruktur, „Einfach laden ohne Hindernisse“, wurde erst 2023 von der Nationalen Leitstelle Ladeinfrastruktur gemeinsam mit dem Verein Sozialhelden e.V. veröffentlicht, im Auftrag des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr. Er beschreibt erstmals, was barrierefreies Laden konkret braucht, von der Bordsteinhöhe bis zur Erreichbarkeit für blinde Menschen. Ein verbindlicher DIN-Standard befindet sich seither im Normierungsprozess, ist aber bis heute nicht abgeschlossen. Ein Leitfaden allein macht die Infrastruktur noch nicht barrierefrei. Es braucht Kommunen, Hersteller und Betreiber, die die Anforderungen tatsächlich umsetzen.
Der Unterschied zwischen den internationalen Beispielen und der deutschen Praxis liegt nicht an fehlendem technischem Know-how. Er liegt daran, wer bei der Planung neuer Infrastruktur mitgedacht wird und wer nicht. Eine komplett neue Infrastruktur wird gerade aufgebaut, europaweit werden dafür Milliarden investiert, und trotzdem entstehen erneut Barrieren, die es so nicht geben müsste, weil die Perspektive von Menschen mit Behinderung an den Entscheidungstischen fehlt. Wir bauen neu, und schließen doch wieder Gruppen aus.


Schreibe einen Kommentar