Protesters holding a sign: Shame on you Uber.

Uber, Bolt & Co.: Warum das Komfortgefühl auf dem Rücken anderer bezahlt wird.

Ein Bekannter ist hochgradig beleidigt, weil ich ihn als „Ausbeuter” bezeichne, weil er Uber statt herkömmlicher Taxis nutzt. Die Diskussion zeigt, wie stark unsere Verdrängung ist. Wer Plattformen nutzt, akzeptiert Ausbeutung, die Negierung von Menschenrechten, Mindestlöhnen und der Zahlung im Krankheitsfall. Vor allem akzeptiert er den massiven Druck auf die Menschen, die in diesen Systemen arbeiten und manchmal sogar sterben, weil sie sich nicht trauen, eine Pause zu machen oder sich krankzumelden.

Die Berliner Realität: Ein Abbild der Krise

Die Diskussion entzündete sich unter einem Instagram-Beitrag: „Knapp 6.800 Taxis fahren durch Berlin – doch die Branche steckt tief in der Krise. Konkurrenz durch Mietwagenanbieter, hohe Kosten und politisch gedeckelte Preise setzen viele Betriebe unter Druck. Jetzt wird sogar die traditionsreiche Berliner Taxivereinigung aufgelöst.“ [1]

In den Kommentaren unter dem rbb-Bericht ergießen sich Menschen, die sich über die Unfreundlichkeit der echten Taxifahrer beschweren, nur noch Uber fahren, „weil die billiger sind und Kund*in immer vorher weiß, was der Preis ist.“

Was diese Kommentare verschweigen/verdrängen: Die wahren Kosten dieser „Billigkeit“.

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Die bittere Wahrheit:

Die aktuelle Fairwork-Studie 2025 zur Plattformarbeit in Deutschland stellt den Mobilitätsdiensten Uber und Bolt ein schlechtes Zeugnis aus. Beide Unternehmen erhalten in der wissenschaftlichen Bewertung 0 von 10 möglichen Punkten [1][6]. Der Bericht wurde von einem internationalen Forschungsteam der Universitäten Oxford, Berlin und Potsdam erstellt.

Bewertet wurden fünf Kriterien:

  • Faire Bezahlung
  • Faire Arbeitsbedingungen
  • Faire Verträge
  • Faires Management
  • Faire Mitbestimmung
Die erschreckende Entwicklung

Im Vergleich zu früheren Ausgaben zeigt sich ein negativer Trend. Uber konnte in den Berichten der Jahre 2020 und 2021 noch jeweils einen Punkt erzielen. 2025 schneidet das Unternehmen erstmals vollständig ohne Punkte ab [1][4].

Auch im Gesamtdurchschnitt der Mobilitätsplattformen ist ein Rückgang zu verzeichnen:

  • 2020: 5 Punkte (Durchschnitt)
  • 2021: 1 Punkt (Durchschnitt)
  • 2025: 0 Punkte (Durchschnitt)

Die Studie sagt es deutlich: In der Plattformökonomie in Deutschland sind keine Fortschritte bei fairen Arbeitsbedingungen erkennbar. Vielmehr wird auf eine Verschlechterung hingewiesen [1].

Die wirtschaftliche Realität für Fahrer

Ein Beispiel aus München verdeutlicht die wirtschaftlichen Herausforderungen für Fahrer*innen: Um kostendeckend zu arbeiten, wäre ein Stundenumsatz von 40 Euro erforderlich. Nach eigenen Angaben liegen Uber und ähnliche Plattformen deutlich darunter und verzeichnen pro Stunde etwa 12 Euro Verlust [4].

Diese Situation begünstigt laut Kritikern systematische Probleme wie:

  • Lohn- und Sozialversicherungsbetrug
  • Prekäre Arbeitsverhältnisse
  • Fehlende soziale Absicherung
Der globale Kontext: Ein Muster der Ausbeutung

Die Probleme sind nicht auf Deutschland beschränkt. Überall auf der Welt kämpfen Plattformarbeiter für bessere Bedingungen:

Kenia: Transportbehörden ordneten Uber und Bolt an, die Fahrpreise um 50 % zu erhöhen, nachdem Fahrer*innen gegen hohe Kommissionen und unlautere Praktiken protestiert hatten [3][10].

Nigeria: Am 1. Mai 2025 Uber- und Bolt-Fahrer*innen gehen in 24-Stunden-Streik, um gegen niedrige Löhne, plötzliche Kontosperrungen und Sicherheitsprobleme zu protestieren [5].

International: Uber erzielte 2024 einen Nettogewinn von 9,8 Milliarden Dollar und beschreibt das vierte Quartal 2024 als „stärkstes Quartal aller Zeiten“ [7]. Gleichzeitig verlieren die Fahrer*innen massiv an Einkommen.

Meine Reflexion: Wo trage ich selbst zur Ausbeutung bei?

Ich muss ehrlich sein: Auch ich nutze Plattformen – auch in der Mobilität. Ich war von Anfang an dabei, als „Free Now“ aus Deutschland Taxis spontan buchbar machte – und ich stieg aus, als die Plattform von Lyft übernommen wurde. Dennoch ist sie noch auf meinem Handy, weil in manchen Städten nichts anderes funktioniert. Meine eigentliche Taxi-App ist jedoch die vom Bundesverband Taxi und Mietwagen geworden. Mit großer Überzeugung von mir für europäisches Handeln und Arbeitsbedingungen.

Wer ermöglicht den Komfort, von dem bei Uber & Co. alle schwärmen?

  • Menschen, die oft mehr als 12 Stunden täglich im Auto sitzen
  • Fahrer*innen, die Angst haben, ihre Bewertung zu verlieren, wenn sie eine Pause machen
  • Menschen, die bei Krankheit weiterarbeiten müssen, weil sie keine bezahlten Urlaubstage haben
  • Arbeiter*innen, die ihren Unterhalt oft nicht einmal decken können

Meine (unsere!) Verantwortung beginnt hier:

  1. Bewusste Entscheidung: Ich muss mich bewusst entscheiden, welche Plattformen ich nutze und warum
  2. Preisbereitschaft: Ich bin bereit, mehr zu zahlen, wenn ich weiß, dass das Geld fair verteilt wird
  3. Solidarität: Ich unterstütze die Forderungen der Fahrer*innen nach fairen Bedingungen
  4. Aufklärung: Ich spreche mit meinen Freund*innen über die wahren Kosten von „Billig“-Diensten

Was wir alle tun sollten

Es ist >okay<, diese Plattformen zu nutzen. Es ist nicht okay, zu verdrängen, welchen Preis andere Menschen, die diese Dienstleistungen anbieten, zahlen müssen.

Veränderung zum Besseren beginnt mit Verantwortung:

Für Nutzer*innen:

  • Informiere dich über die Arbeitsbedingungen der Plattformen, die du nutzt
  • Frage dich: Warum ist dieser Dienst so günstig? Wer zahlt den Preis?
  • Unterstütze fairere Alternativen, wo sie existieren
  • Sei bereit, mehr zu zahlen für faire Arbeitsbedingungen

Für Politik:

  • Setzt verbindliche Mindestpreise für Fahrdienstleistungen um (wie in Heidelberg bereits geschehen [2])
  • Reguliert Plattformarbeit, um faire Verträge und soziale Absicherung zu gewährleisten
  • Verhindert Sozialdumping durch klare rechtliche Rahmenbedingungen

Für Unternehmen:

  • Akzeptiert, dass fair bezahlte Arbeit kein Wettbewerbsnachteil ist
  • Stellt transparente und nachvollziehbare Vergütungssysteme her
  • Gewährt den Arbeitnehmern die Grundrechte auf Mitbestimmung und faire Verträge

Die Zukunft kann anders aussehen

Fairwork zeigt: Es gibt auch positive Entwicklungen. Viele Unternehmen haben bereit pro-worker Policy Changes umgesetzt [8]. Das zeigt, dass Veränderung möglich ist.

Aber wir müssen Druck aufbauen. Jede*r von uns kann durch bewusste Konsumentscheidungen einen Unterschied machen. Jede*r kann aufklären und Bewusstsein schaffen.

Die Frage ist nicht, ob wir uns leisten können, fair zu bezahlen. Die Frage ist, ob wir uns leisten können, weiter zuzusehen, wie Menschen ausgebeutet werden.

Lasst uns aufhören, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen. Lasst uns Verantwortung übernehmen – für unseren Konsum und die Möglichkeiten, Ausbeutung in diesem zu minimieren. Denn das können wir!

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Quellen und Links:

[1] Fairwork Germany 2025 Ratings: https://fair.work/en/fw/blog/fairwork-germany-2025-ratings-reveal-ongoing-unfair-working-conditions-for-platform-workers/

[2] ARD-Finanzredaktion: Wie Uber, Bolt & Co. ihr Geschäft aufziehen: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/wirtschaftsmonitoring/uber-bolt-geschaeftsmodell-100.html

[3] Kenyan authorities order Uber and Bolt to raise fares by 50%: https://technext24.com/2025/11/21/uber-bolt-ordered-to-raise-fares-kenya/

[4] Working Conditions at Uber & Co: Fairwork Study Sounds Alarm: https://www.taxi-heute.de/en/news/working-conditions-uber-co-fairwork-study-sounds-alarm-30257.html

[5] Uber, Bolt plan to go on strike on May 1, 2025: https://techpoint.africa/insight/techpoint-digest-1078/

[6] Fairwork Germany 2025 Ratings Reveal Ongoing Unfair Working Conditions: https://fair.work/en/fw/publications/fairwork-germany-ratings-2025/

[7] The Gig Trap: Algorithmic, Wage and Labor Exploitation in Platform Work in the US: https://www.hrw.org/report/2025/05/12/gig-trap/algorithmic-wage-and-labor-exploitation-platform-work-us

[8] Fair Work for Platform Workers: Lessons from the EU Directive and Beyond: https://academic.oup.com/ilj/article/54/3/425/8176731

[9] New Research Exposes Deepening Exploitation of Uber Drivers: https://www.workerinfoexchange.org/post/new-research-exposes-deepening-exploitation-of-uber-drivers-by-algorithmic-pay

[10] UTAW: Apr 2025: Digital taxi drivers strike in Nairobi: https://utaw.tech/news/digital-taxi-driver-strike

[11] Uber and other ‚platform‘ corporations hide their exploitation of workers behind an app: https://www.peoplesworld.org/article/uber-and-other-platform-corporations-hide-their-exploitation-of-workers-behind-an-app/

[12] The Platform Economy Runs on Inequality – and Sidesteps Labor Rights: https://www.hrw.org/news/2025/05/28/platform-economy-runs-inequality-and-sidesteps-labor-rights

[13] Globalization, platform work, and wellbeing—a comparative study of Uber drivers: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10908096/

[14] Fairwork South Africa Ratings 2021: https://fair.work/en/fw/publications/fairwork-south-africa-ratings-2021-labour-standards-in-the-gig-economy/

[15] Berliner Taxi-Branche rutscht tiefer in die Krise: https://www.rbb-online.de/abendschau/videos/20260403_1930/berliner-taxi-branche-rutscht-tiefer-in-die-krise.html

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