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„Tote Winkel“ durch neue Allianzen in Hamburg überwinden: Ein Lkw-Unternehmer und der ADFC im Gespräch.

Bereits vier tote Radfahrer in Hamburg 2026. Davon drei Rechtsabbieger-Unfälle mit Lastwagen. Und dann ein Ort der Trauer, an dem plötzlich etwas Unerwartetes passiert ist: Die Logistikbranche nimmt erstmalig an einer Mahnwache für einen toten Radfahrer teil und kommt mit Zugmaschinen, an denen riesige Planen hängen: „Es geht nur zusammen – Fahrrad und Lkw.“ ist dort zu lesen

Aus diesem Moment – aus dieser seltenen Begegnung von Schmerz und Dialog – ist dieses Gespräch und eine neue Allianz entstanden. Denn Radfahrende wollen sicher fahren können – und Lkw-Fahrende niemanden gefährden.

Ich spreche mit Michael Garbe, Inhaber eines der größten Hamburger Transportunternehmen, und Leo Strohm, ehrenamtlicher Vorstand des ADFC Hamburg. Zwei Männer, zwei Welten, aber ein gemeinsames Ziel: Dass niemand mehr sterben muss.

Warum kommt ein Spediteur zu einer Mahnwache für getötete Radfahrende?

Michael Garbe sagt es klar: „Das kann nicht angehen, dass wir einmal im Monat eine Mahnwache haben.“

Für ihn ist das kein politisches Statement, sondern eine Frage der täglichen Arbeit. Er kennt seine Fahrer*innen. Er fährt selbst Lkw. Und er weiß: Crashes mit teilweise tödlichem Ausgang gehen an niemandem spurlos vorbei. Daher setzen sich viele in der Branche dafür ein, dass beide Seiten sicherer werden – durch kraftvolle politische Maßnahmen und gegenseitiges Verständnis.

Garbe und seine Kollegen waren auch zum Gedenken gekommen, weil sie wissen, dass Technik allein nicht reicht. Sein Unternehmen hat freiwillig neben dem vorgeschriebenen Abbiegeassistenten inzwischen alle Lkw mit Kameras nachgerüstet. „Der Assistent, das ist nur ein Piepton.“ Technologie hilft, aber sie ersetzt nicht, zu sehen und gesehen zu werden.

Leo Strohm beschreibt, was dieser Moment der Begegnung mit ihm gemacht hat. Es geht nicht um Vorwürfe, es geht um Erkenntnis. „Ohne Dialog, ohne aufeinander Zugehen wird eine Verbesserung für beide Seiten nicht funktionieren.“

Es ist kein Geheimnis, dass Rechtsabbieger-Situationen, wo Lkw und Rad gemeinsam in die Kreuzung geschickt werden, die größte Gefahr für Radfahrende sind. Das zeigen auch die drei Toten in Hamburg.

Wo bleibt die Politik?

Beide Sprecher kritisieren sehr deutlich, was fehlt: Politische Konsequenz.

Leo Strohm hält der Hamburger Politik vor, dass Vision Zero – also das Ziel von null Verkehrstoten – „eine sehr untergeordnete Rolle spielt“. Was er stattdessen sieht? „Nur Lippenbekenntnisse.“ Maßnahmen werden diskutiert, aber nicht durchgesetzt. Infrastruktur wird versprochen, aber nicht gebaut. Und währenddessen sterben Menschen.

Michael Garbe ergänzt aus der Praxis: Spätestens mit den eBikes haben sich neue Verhältnisse auf der Straße gebildet, die eine stärkere Trennung von Rad- und Pkw-/Lkw-Verkehr notwendig machen. Der Blick in den Spiegel ist nicht derselbe, wenn sich Geschwindigkeiten ändern. Kameras sind gut. Schulungen sind wichtig. Aber am Ende entscheidet die Gestaltung der Begegnungszonen, ob tödliche Konflikte ermöglicht werden.

Perspektivwechsel als Überlebensstrategie

Am Ende dieses Gesprächs steht keine Schuldzuweisung, sondern ein Aufruf zum Perspektivwechsel.

Michael Garbe wünscht sich: „Dass sich jeder Radfahrende mal in einen Lkw setzt.“ Einfach mal ein Gefühl dafür entwickeln, wie die Welt vom „Bock aus“ wahrgenommen wird. Hier einigen sich beide schnell, dass sie dazu einladen werden, auch damit sich die, die immer als Feind*innen gelesen werden, Radfahrende und Lkw-Fahrer*innen, eine starke Allianz gemeinsamer Interessen bilden – anstatt sich von der Politik, aber auch der Gesellschaft gegeneinander ausspielen zu lassen.

Leo Strohm fährt viel Rad, sehr aktiv auch im Kontakt mit seinen Mitmenschen. „Auf der anderen Seite, im Auto, sitzen Menschen. Ich grüße – und ich kriege meistens einen netten Gruß zurück.“

Genau darum geht es. Nicht um Feindbilder. Nicht um „Lkw gegen Rad“. Sondern um die Erkenntnis: Wir teilen die Straße. Wir teilen das Risiko. Und wir teilen die Verantwortung dafür, dass alle sicher nach Hause kommen.

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