„Dann gehen Sie damit doch mal ans Werkstor!!“
Jedes Mal, wenn ich von meiner Vision von sozial gerechter Mobilität spreche, taucht er auf. Der Mann, der es besser weiß. Und er sagt immer wieder dasselbe, für ihn Argument, für mich Paternalisierung.
„Die Krankenpflegerin braucht ihr Auto. Männer ohne Auto kommen nicht zur Schicht. Oder: Ich solle mit meinen „kruden Ideen” doch mal ans Werkstor der Autoindustrie gehen – da würden mir die Arbeiter*innen schon zeigen, was Sache ist.“
Es wird viel zu oft über Menschen gesprochen. Nie mit ihnen. Nicht mein Weg.
Das Muster ist immer dasselbe: Zunächst wird die Abhängigkeit vom Auto als Argument angeführt, um dann genau diese Abhängigkeit zu nutzen, um ein kaputtes System zu erhalten. Die Menschen, um die es angeblich geht, werden vorgeschoben. Gefragt werden sie nicht.
Dabei ist die entscheidende Frage so einfach: Möchtest du Auto fahren – oder musst du? Die meisten Menschen, mit denen ich spreche, antworten mit „Ich muss”. Das ist das Gegenteil von Freiheit. Wer keine Alternative hat, trifft keine Wahl.
Genau diese Menschen kommen in meiner Arbeit seit Jahren zu Wort. Schon in meinen ersten Büchern haben mir Krankenpfleger*innen und Schichtarbeiter*innen, Alleinerziehende und Behinderte, Kinder und Alte, BIPoC und Trans Personen erzählt, wie es wirklich ist:
„Ja, aktuell muss ich das alles mit dem Auto machen. Aber viel lieber wäre mir nach meinem anstrengenden Tag ein Bus, der mich abholt. Eine Gesellschaft ohne Rassismus und Queerfeindlichkeit.“
Gemeinsam mit VW-Arbeiter Thorsten Donnermeier habe ich ein ganzes Buch über die Transformation seiner Industrie zu Mobilitätsdienstleistung und Vergesellschaftung geschrieben.
In einer der nächsten Folgen von „She Drives Mobility” treffen die Macher:innen der FAZ-Podcastreihe über VW (Corinna Budras und Christian Müßgens) auf Thorsten Donnermeier, der seit vier Jahrzehnten bei Volkswagen in Kassel-Baunatal am Band steht, mein Co-Autor, der seine Gesundheit in den Hallen der Gießerei gelassen hat. Menschen wie ihm sollte viel öfter zugehört werden – in diesem Gespräch ist genau das passiert. Es war ein Gespräch mit vielen klaren Worten, ohne Umweg über diejenigen, die sonst für ihn sprechen.
Schafft endlich jenen Raum, über den ihr ständig redet.
Genau das ist meine Arbeit: zuhören, einordnen und Räume schaffen für Stimmen, die sonst nur als Argumente missbraucht werden, aber nie selbst gehört werden. Diese Arbeit kostet Zeit, Recherche und einen langen Atem im Kampf gegen ein sehr lautes Gegenüber.
Wenn du möchtest, dass diese Stimmen weiterhin Gehör finden, unterstütze meine Arbeit finanziell. Jeder Beitrag hilft dabei, aus „man spricht über sie” endlich „man hört ihnen zu” zu machen.


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