Eine Frau in einem karierten Anzug sitzt auf einer Bank in einer urbanen Umgebung. Vor ihr ein Fahrrad.

Radfahren als Crashkurs in struktureller Benachteiligung?

Gedanken zum Wochenende, wo ein Wetterereignis grad die Welt in weiten Teilen Deutschlands zum Stillstand bringt


Ich habe eine These: Radfahren in Deutschland ist für heterosexuelle weiße Männer aus der Mittelschicht das, was dem Verständnis des Frau-Seins am nächsten kommt.

Plötzlich bist du unsichtbar. Autofahrer übersehen dich – nicht weil sie böse sind, sondern weil das System nicht für dich gemacht wurde.
Deine Bedürfnisse? Nachrangig.
Deine Sicherheit? „Gibt’s halt noch nicht überall.“

Plötzlich musst du jede*n als Bedrohung einkalkulieren.
Du fährst nicht entspannt zur Arbeit.
Du scannst permanent:
Wer öffnet die Autotür?
Wer biegt rechts ab ohne zu blinken?
Wer überholt zu eng?

Du lebst in ständiger Vorsicht, nicht weil du paranoid bist, sondern weil Erfahrung dich gelehrt hat: Es kann jederzeit passieren.

Und wenn es passiert? Bist du selbst schuld. „Warum hast du keinen Helm getragen?“ „Warum bist du da langgefahren?“ „Hättest du nicht defensiver fahren können?“ Das System, das dich gefährdet, macht dich verantwortlich für deine eigene Gefährdung.

Die Botschaft: Du hättest gar nicht erst da sein sollen.

Der Punkt ist: Radfahrende fordern keine Privilegien. Sie fordern Grundrechte: Sicher von A nach B zu kommen; Nicht permanenter Gefahr ausgesetzt zu sein; Mitgedacht zu werden bei Infrastrukturentscheidungen

Klingt banal? Ist es für Autofahrende auch.
Für alle anderen ist es Kampf.

Vielleicht erklärt das, warum so viele Männer, die aufs Rad steigen, plötzlich die Verkehrswende verstehen. Nicht weil sie theoretisch überzeugt wurden – sondern weil sie seit langem wieder strukturelle Benachteiligung am eigenen Körper spüren.

Willkommen in einer Welt, in der ihr mitgemeint seid – nur leider nicht mitgedacht.

Kannst du diesen Gedanken nachvollziehen, ohne gleich in „ABER DIE RADFAHRER!!!111“ zu verfallen?

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4 Antworten zu „Radfahren als Crashkurs in struktureller Benachteiligung?“

  1. Avatar von Anke Bendt-Soetedjo
    Anke Bendt-Soetedjo

    Das ist richtig, erst ab dem Moment, wenn ich versuche alle Wege mit dem Fahrrad zu bewältigen, sehe ich auf einmal die Unzulänglichkeiten der Infrastruktur an vielen Stellen.


  2. Avatar von Helmut Dirks
    Helmut Dirks

    Ja, ich kann das absolut nachvollziehen.
    Ich bin ausschließlich als Fußgänger, Fahrradfahrer oder ÖPV-Nutzer unterwegs und fühle mich permanent diskriminiert.
    Geh- und Fahrradwege holprig im schlechten Zustand, daneben die Fahrbahn in einem hervorragenden Zustand, schmutzige und heruntergekommene Bahnhöfe ohne Aufenthaltsqualität.
    Ich WILL einen funktionierenden ÖPV und eine gute Gehweg- und Fahrrad-Infrastruktur!


  3. Avatar von Jörg Fleischer
    Jörg Fleischer

    Kenne viele Männer,  welche sich über die Diskriminierung beim Radfahren aufregen, die aber nicht in der Lage sind einen Transfer zu anderen Diskriminierungsformen zu leisten. Besonders empört sind Männer, welche aus sportlichen Gründen fahren. So privilegierte Mittelschicht mit 10.000 € Rennrad oder Gravelbike. Die sind das reale Leben vieler Menschen nicht gewohnt. Wenn das mit sportlicher Selbstinzenierung kollidiert, dann erst ist bei einigen partielle Empörung.


    1. Das hat mich bei meinem ersten Besuch auf der Eurobike auch hochgradig entsetzt: Dort war Radfahren kein Alltagsding, sondern vor allem ein Männersport. Ich fühlte mich null abgeholt. Mit der neuen Ausrichtung hat sich da einiges geändert, prompt ist die Messe nicht mehr so nachgefragt 🙁


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