Füße einer Person versinken auf dem Fußweg in knöchelhohem Schnee.

Prioritäten bei Schnee zeigen die Machtverhältnisse auf der Straße.

Früher haben sie in schwedischen Städten den Schnee ähnlich wie bei uns geräumt.
Zuerst haben sie die Hauptverkehrsstraßen, dann die großen Straßen, vor allem in der Nähe von großen Firmen befreit. Zuletzt wurden Gehwege und Radwege geräumt.


Nach einer Analyse der staatlichen Dienstleistungen im Rahmen eines als „geschlechtergerechte Haushaltsplanung“ bekannten Prozesses haben viele schwedische Städte – darunter Stockholm – ihre Prioritäten bei der Schneeräumung jedoch grundlegend geändert. Zuerst werden Gehwege und Radwege geräumt, besonders in der Nähe von Bushaltestellen und Grundschulen. Als Nächstes werden die Straßen vor Ort geräumt und dann kümmern sie sich um die Autobahnen.

Das schwedische Team für Gleichstellungsinitiativen wies nach, dass die einstigen Routine des Schneeräumens in der Regel Männern mehr zugute kam als Frauen. Im Winter wurde zuerst der Schnee von den Hauptstraßen in die Stadt geräumt, was den Pendler*innen zugute kam – die meisten davon waren Männer. Fuß- und Radwege wurden zuletzt geräumt, was für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen, von denen es sehr oft Frauen mit Kindern im Kinderwagen waren, von großem Nachteil war.

Das hat natürlich seinen Grund: 79 % der Fußgänger-Verletzungen passieren im Winter, und davon sind sogar 69 % Frauen. Die Kosten für diese Stürze beliefen sich pro Winter auf etwa 36 Millionen SEK, was ca. 3,4 Millionen EUR entspricht. Das Ergebnis der Veränderung: Weil sie sich vor allem um die Geh- und Radwege gekümmert haben, gab es nur noch die Hälfte der Unfälle und die Regierung sparte sehr viel Geld.

Die Werte, Vorurteile und Denkweisen, die tief in uns verankert sind, beeinflussen, wie wir jeden Tag leben und wie wir die Welt sehen. Zum Beispiel, dass wir bezahlte Arbeit höher schätzen als unbezahlte Pflegearbeit und Büroarbeit in der Innenstadt mehr als Dienstleistungsberufe und Hausangestellte.

Eine Analyse der Schneeräumungspraktiken in Schweden ergab, dass Frauen, die zu Fuß unterwegs waren, benachteiligt wurden. In Gebieten, in denen überwiegend Männer arbeiteten, wurden die Straßen eher zuerst geräumt.

Die Prioritäten bei der Schneeräumung waren nicht nur diskriminierend, sondern hatten auch negative Folgen für die Gesellschaft insgesamt. In Schweden verletzen sich viel mehr Menschen beim Gehen auf vereisten Straßen als beim Autofahren. Und die Kosten für diese Schäden sind oft viel höher als die Kosten für die Schneeräumung.


Deshalb haben sie die Reihenfolge einfach umgekehrt. Die Kommunen mussten dafür nicht extra zahlen, weil sie zuerst die Fußwege geräumt haben. Das hat dazu geführt, dass es weniger Verletzungen gab, was der Volkswirtschaft hohe Kosten erspart!

,

4 Antworten zu „Prioritäten bei Schnee zeigen die Machtverhältnisse auf der Straße.“

  1. Avatar von Jörg Fleischer
    Jörg Fleischer

    Ein nachbarlicher Hausmeister wollte mich aktiv und autoritär vom Schneeschippen des Radweges vor meiner Wohnung abhalten. „Das brauchst du nicht, das muss nicht.“ Ich sagte ihm, dass ich im ADFC bin und, dass das nicht stimmt. Da sei er auch. Er hätte schon die goldene Karte. Musste ihm erklären, dass ich nicht den ADAC meine. Er war nicht in der Lage zuzuhören oder seine petromaskuline Perspektive zu verlassen.
    Zwei Monate später überfuhr er seine Frau. Er hatte sie übersehen als sie in ihrer Einfahrt stand.


    1. Um Himmels Willen! Was für eine furchtbare Story! Hat die Frau überlebt? Der Herr ist einer von Jenen, die nicht fahrtauglich sind, wenn du mich fragst 🙁


      1. Avatar von Jörg Fleischer
        Jörg Fleischer

        Ja, furchtbar. Ganz furchtbar. Die Frau hat überlebt. Sie kann nicht mehr gehen. Gewiss will ich niemanden in so einer Situation Vorwürfe machen, aber grundsätzlich gibt es ein bestimmtes Verhalten der Selbstverständlichkeit und Dominanz und eine gewollte, maskulinisierte Wahrnehmungslosigkeit, welche nach meinem Dafürhalten Fahruntauglichkeit ist. Bei dem Herren würde ich auch sagen, das ist der Fall, obwohl er nach gängigen Kriterien (also petromaskulinen) als vitaler Fahrer posieren kann und die Empörung groß wäre, würde Menschen, wie ihm, diese Selbstdarstellung abgesprochen. Letzteres mache ich übrigens sehr gerne.


        1. Mein Papa ist auch jemand, der freiwillig auf das Autofahren verzichtete, als eine bestimmte Diagnose in sein Leben kam. Ich liebe ihn umso mehr, dass er diesen verantwortungsbewussten Schritt gegangen ist – obwohl er ihm nicht leicht fiel


Schreibe einen Kommentar zu Katja Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Dir gefällt, was ich tue?

Unterstütze mich gern! Du und ich: Wir sind ein Kollektiv!

Detailbeschreibung ausklappen

Ich freue mich sehr, wenn meine Arbeit dir Mehrwert bietet und du mich dabei unterstützen möchtest!

Um meine Projekte langfristig fortsetzen zu können, möchte ich mir ein Grundeinkommen sichern. Seit einiger Zeit habe ich ein unterstützendes Team um mich aufgebaut: Jemand kümmert sich um meine E-Mails, eine andere Person übernimmt meinen Instagram-Account, und ein weiterer Mensch mixt meinen Podcast ab. Auch mein Steuerberater und meine Rechnungsfee gehören dazu. Dieses Outsourcing entlastet mich enorm, bringt aber natürlich auch Kosten mit sich. Deshalb möchte ich im ersten Schritt diese Kosten decken und freue mich über jede Unterstützung.

Exklusive Inhalte und virtuelle Treffen

1 × wöchentlich schaue ich in den Rückspiegel: Wo stehen wir in der Mobilitätswende? Und gebe Abonnent:innen exklusive Inhalte.

Detailbeschreibung ausklappen

Für nur fünf Euro pro Monat erhältst du meinen wöchentlichen Steady-Newsletter. Es gibt auch weitere Pakete, die Gastzugänge oder größere Pakete für Unternehmen beinhalten, die bis zu 20 Zugänge für Mitarbeiter:innen oder Kolleg:innen bieten. Bei den größeren Paketen ist ein virtuelle