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Nahrungsmittel sofort aus dem Verkehr ziehen! Raus aus dem Agro-Sprit!

Silvia Brecht, Kathrin Frank und Matthias Lambrecht erklären, was es mit dem angeblich grünen „Bio“-Sprit auf sich hat. 

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Vergesst ALLES, was ich bislang gesagt habe. Wir machen einfach weiter wie bisher und waschen den Verbrenner GRÜN! E-Fuels sind ja für mich gestorben, aber was ist mit „Bio“-Kraftstoff? Den verkaufen uns Volker Wissing und die entsprechenden Industrieverbände als Allheilmittel.

Dass an diesem Kraftstoff nichts “bio” oder nachhaltig ist, darüber spreche ich mit Silvia Brecht, Referentin für Verkehrspolitik beim Naturschutzbund Deutschland, Kathrin Frank, Naturschutzreferentin bei der Deutschen Umwelthilfe und Matthias Lambrecht, Campaigner für Landwirtschaft bei Greenpeace. Die drei arbeiten teils schon seit Jahren zu den Auswirkungen sogenannter “Bio”-Kraftstoffe auf Klima, Natur und Ernährungssicherheit. Der Knackpunkt: Ressourcenverschwendung. Es geht um Flächenfraß, Hunger und ein Meer aus Frittenfett. Essen und Bioabfälle in den Tank zu kippen, bleibt nicht ohne Folgen.

“Bio”-Sprit – noch nie gehört?

Aber von Anfang an: Immer, wenn wir Diesel oder Benzin tanken, landen auch pflanzliche oder tierische Kraftstoffe mit im Tank. Sie werden von den Ölkonzernen den fossilen Kraftstoffen beigemischt, man kennt das als E10 oder B7 an der Tanksäule.

Immer mehr Unternehmen versuchen sich einen grünen Anstrich zu geben, indem sie wie DHL, Deutsche Bahn oder BMW verkünden, fossile durch “Bio”-Kraftstoffe zu ersetzen. Aber ist das eine gute Idee – oder doch nur Greenwashing mit gravierenden Nebenwirkungen?  

Das Teller-Tank-Problem

Zu fast drei Vierteln besteht dieser “Bio”-Sprit in Deutschland aus Agrarerzeugnissen. Das sind Nahrungsmittel wie Raps, Soja, Mais oder Weizen. “Bio”-Kraftstoff ist tatsächlich ein grob irreführender Name, denn um Bio-Anbau geht es hier nicht. Die treffendere Bezeichnung ist Agrokraftstoff, mein neues Lieblingswort. Die Pflanzen für den deutschen Agrokraftstoff werden zum Großteil importiert – häufig aus fernen Ländern wie Brasilien oder Australien. 

Allein auf der Fläche, die für den in Deutschland getankten Agrosprit belegt ist, könnten genug Nahrungsmittel angebaut werden, um den Kalorienbedarf von bis zu 35 Millionen Menschen zu decken. Angesichts von über 700 Millionen Menschen, die weltweit von Hunger bedroht sind, ist die Verbrennung von Essen in Autos zynisch und verantwortungslos.

Unter immer teureren Lebensmitteln leiden besonders die Ärmsten. Und die Nachfrage nach Nahrungs- und Futtermitteln für Agrosprit treibt die Preise in die Höhe. Versorgungskrisen durch ausfallende Ernten infolge von Dürren oder Überschwemmungen, die Folgen des Kriegs in der Ukraine und das von Russland aufgekündigte Getreideabkommen verschärfen die Lage für die Hungernden noch. Indes haben die Agrosprithersteller im vergangenen Jahr Rekordgewinne eingefahren.

Das Grundproblem: die Flächenverschwendung

Auch für den Klimaschutz ist der Einsatz von Agrosprit komplett kontraproduktiv. Bei der Verbrennung wird zwar nur das CO2 frei, das die Pflanzen vorher beim Wachsen gebunden haben – aber die Anbauflächen besetzen riesige Landstriche, was eine gewaltige Belastung für Klima und Natur bedeutet.

Und der Flächenfraß weitet sich immer weiter aus: So wird mit Brandrodung und Abholzung des brasilianischen Amazonas-RegenwaldsPlatz für den Sojaanbau geschaffen, unter anderem, um das Pflanzenöl fossilem Diesel beizumischen. Dadurch gehen riesige Kohlenstoffspeicher und wertvolle Lebensräume für gefährdete Arten verloren. Durch den Flächenverbrauch ist Agrosprit sogar noch klimaschädlicher als fossiler Kraftstoff. Und das will was heißen!

Ohne Agrosprit-Anbauflächen gäbe es insgesamt viel mehr Platz für natürliche Vegetation wie Wälder. Und für die Erzeugung erneuerbarer Energie gibt es viel effizientere Technologien: Um die gleiche Strecke mit Solarstrom in einem E-Auto zu fahren, werden zur Stromerzeugung mit Photovoltaik-Paneelen nur drei Prozent(!) der Fläche benötigt, wie für den Pflanzenanbau zur Agrospritproduktion für Verbrennungsmotoren

Goldgrube Abfall: ein ungenutzter Rohstoff?

Agrosprit ist also komplett für die Tonne… aber apropos Tonne: Kraftstoff wird auch aus vermeintlichem Abfall gemacht – vermeintlich, denn die Reste, wie etwa altes Frittenfett, Schlachtabfälle oder Holzreste,  bleiben nicht ungenutzt, sondern es sind wertvolle und knappe Rohstoffe.

Wenn massenweise Abfallsprit eingesetzt wird, fehlen die Rohstoffe anderswo: in den Herkunftsländern und anderen Industrien. Die steigen dann im Zweifel auf Palmöl oder fossile Rohstoffe um. Aber auch die Natur braucht ihre “Reste” selbst, Totholz im Wald ist unverzichtbar für Biodiversität und Klima. Durch die Nutzungskonkurrenzen ist der Einsatz dieser Rohstoffe häufig nicht nachhaltig, hat oft auch negative Auswirkungen aufs Klima

Reste können allenfalls einen kleinen Anteil der Energie für Schiffe und Flugzeuge bereitstellen. Trotzdem fördert der Staat die Verarbeitung zu Kraftstoffen für Verbrennungsmotoren in Autos massiv. Deshalb ist der Reststoffmarkt lukrativ und das Betrugsrisiko steigt: Teils wird frisches Palmöl als altes Frittenfett umgelabelt. Dazu gibt es viele Verdachtsfälle, zu denen deutsche Staatsanwaltschaften bereits aktiv sind.

Die falsche Bilanz 

“Bio”-Kraftstoffe einzusetzen geht also mit gravierenden Auswirkungen auf Klima, Biodiversität und Ernährungssicherheit einher. Doch die offizielle Klimabilanz der Kraftstoffe berücksichtigt das nicht

So lässt sich mit der Beimischung von Sprit aus Pflanzen und vermeintlich unbrauchbaren Resten die Klimabilanz des Verkehrssektors auf dem Papier etwas aufhellen. Deshalb will auch Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) unbedingt daran  festhalten. Dabei hat Wissing den Rückhalt der fossilen Industrie – denn die kann mit jedem Liter Agrosprit, der fossilen Kraftstoffen beigemischt wird, weiter die vielfache Menge an Benzin und Diesel verkaufen.

Dagegen kann sich Umweltministerin Steffi Lemke (B90/Die Grünen) mit ihrem Vorschlag, die Förderung von Sprit aus Nahrungs- und Futtermitteln bis 2030 auslaufen zu lassen, bisher nicht durchsetzen. Dabei bewertet das Umweltbundesamt die Förderung von “Bio”-Kraftstoff schon seit 2008 als klimaschädliche Subvention, Verbraucher:innen bezahlten dafür in 2018 fast eine Milliarde Euro zusätzlich an der Zapfsäule. Dass die Bundesregierung diesen Unsinn weiterlaufen lässt, ist absurd!

Wir müssen uns also schleunigst vom Märchen des grünen Verbrennungsmotors verabschieden. Statt Augenwischerei mit “Bio”-Sprit brauchen wir endlich eine umfassende Mobilitätswende. Für Menschen und Klima weltweit. 

Weiterführende Informationen zu den Gesprächspartner:innen und ihren Organisationen:

Silvia Brecht, Naturschutzbund Deutschland

Kathrin Anna Frank, Deutsche Umwelthilfe 

Matthias Lambrecht, Greenpeace

6 Gedanken zu „Nahrungsmittel sofort aus dem Verkehr ziehen! Raus aus dem Agro-Sprit!“

  1. Danke für diesen wichtigen Beitrag. Ich habe diesen Beitrag als Grundlage für weitere Diskussionen in unseren Gemeinwohlbericht für einen großen deutschen Automobilhersteller aufgenommen.

  2. Wie wird Biomethan – CNG – von Ihnen gesehen? Soweit Biomethan nur aus Abfällen hergestellt wird, also Stroh; Bioabfälle; Dung, sehe ich diese Spritvariante positiv. Leider gibt es mind. 1 Kraftwerk, das nur Mais vergährt. Das sehe ich auch problematisch.
    Werden die Maiskolben geerntet und der Rest vergoren, passt es wieder.
    Dann gibt es Flächen, auf denen nur schlecht Lebensmittel gedeihen. Warum hier nicht zum Beispiel Giganthus anbauen? Es hat einen ähnlich hohen Energiewert wie Mais. Es braucht zwar erst 2-3 Jahre, bis es das erste Mal geerntet werden kann, aber dafür die nächsten Jahre 2 x jährlich. Dieses Riesengras wird auch von Pferden gefressen. Der Mist ist hervorragender Dünger.

    1. Biomasse ist generell nur in engen Grenzen zur Energieerzeugung verfügbar. Das erzeugte Biogas wird zur Stromerzeugung und für KWK-Wärme gebraucht. Dezentrale Biogasanlagen mit Blockheizkraftwerken haben Vorteile gegenüber der Biomethanerzeugung, da die Transportwege für die Biomasse kürzer sind und keine zusätzlichen Emissionen durch die Aufbereitung auf Biomethanqualität anfallen.
      Vermeintliche Abfälle sind oft wertvolle Rohstoffe. Stroh zum Beispiel ist ein landwirtschaftliches Nebenprodukt, das für den Humusaufbau benötigt wird. Ob eine energetische Nutzung in Ausnahmen sinnvoll sein kann, hängt von vielen Bedingungen ab. Miscanthus wird zur Energiegewinnung verbrannt, nicht vergoren. Der Wasserbedarf ist hoch.
      Auch auf mageren Böden können Nahrungsmittel angebaut werden – dafür muss die Fruchtfolge den Standortvoraussetzungen angepasst werden. Für die Biodiversität und den Klimaschutz kann mehr gewonnen werden, wenn Flächen entsprechender Größe renaturiert würden.

      Unabhängig von Naturverträglichkeit und Klimaschutzwirkung bleibt die Tatsache bestehen, dass die Mengen nachhaltig verfügbarer Rohstoffe äußerst gering sind. Es würde sich also bestenfalls um eine nicht skalierbare Nischenlösung handeln.

  3. Hallo, Katja & andere Leser,
    ich habe – angeregt durch den She drives Mobility Update vom 20.01.2024 – mal etwas nachgerechnet. BIOSprit (und andere Bio-Energie) würde selbst, wenn die Anbaufläche als Konkurrenzverwendung zur Nahrungsmittelproduktion kein Problem wäre, trotzdem nicht positiv für die Treibhausgasentwicklung sein.
    Das reine Verbrennen des Biokraftstoffes würde zwar nicht mehr Co2 erzeugen als beim Wachstum der Pflanzen „eingesammelt“ wurde, aber wenn man alle Faktoren berücksichtigt, entstehen trotzdem mehr Treibhausgase als ohne die Verwendung von bioenergetischen Kraftstoffen.
    Das liegt im wesentlichen an zwei Faktoren:
    – Wenn Pflanzen als Energieträger verwertet werden, steht weniger Fläche für die Sequestierung von Co2 zur Verfügung, weil eben diese Pflanzen nicht „behalten“ werden, um das darin enthaltene Co2 langfristig zu speichern.
    – Außerdem wird für die Verarbeitung & Logistik um die Pflanzen zu Biokraftstoff (weitere) Primärenergie gebraucht, die i.d.R. nicht zu 100% aus Erneuerbaren stammt.
    Im Ergebnis würde eine (weitestmögliche) Ausweitung der Verwendung von BIO-Energieträgern die Treibhausgas-Konzentration in der Mitte unseres Jahrhunderts leicht erhöhen und am Ende des Jahrhunderts leicht vermindern – insgesamt aber die mittlere Erdtemperatur zum Ende des Jahrhunderts leicht erhöhen.
    (eFuels hätten diese Nachteile nicht, da sie den für die Kohlenwasserstoffe benötigten Kohlenstoff direkt aus der Atmosphäre entnehmen, sind aber aufgrund der extremen Energieanforderungen bei der Herstellung auf absehbare Zeit nicht zu empfehlen.)
    siehe Abb.: https://c.web.de/@334302157106846548/ra0LPheVQYydjLsPUIQnMw
    Linker Graph: Co2-Sequestierung aufgrund von Landwirtschafts/Forstflächen
    Rechter Graph: Treibhausgas-Nettoemissionen
    Schwarze Linien: Werte bei beibehalten des gegenwärtigen Bioenergieträger-Anteils
    Blaue Linien: Werte bei ambitionierter Förderung von Bioenergieträgern.
    Quelle: Der Interaktive #KlimaLoesungsWorkshop

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