Cover der t3n.

Meine Kolumne in der t3n: Die tödliche Komfortzone des Globalen Südens.

Es ist eine Art von Affekthandlung, die sich seit Monaten wiederholt: Aktivist:innen durchbrechen mit ihren friedlichen Blockaden das „Weiter so!“ einer Welt, in der selbst ansonsten als progressiv geltende Menschen zu wenig in die systemische Welt der Ausbeutung unserer Erde schauen. Weil sie Teil von dieser sind.

Mir noch im Ohr ist das „falsche Symbol“, das Robert Habeck in Lützerath sah. Mittlerweile ist mehrfach nachgewiesen, dass die Kohle, die unter dem Dorf lag, weder aus energiewirtschaftlicher Notwendigkeit noch aus klimapolitischer Sicht hätte abgebaut werden dürfen. Das aktuellste Beispiel von „Weiter so!“ gewinnt gegen Wissenschaft befindet sich in Brandenburg in einem Trinkwasserschutzgebiet. In der Nähe von Grünheide wurde eine Tesla-Fabrik gebaut, als für diese noch nicht mal die Baugenehmigung vorlag. Wäre das für eine Fahrradfabrik auch möglich gemacht worden? Ich denke: Nein. Autos haben immer noch in zu vielen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen Vorfahrt. Von Beginn des Betriebs an leitet das Werk teilweise das Sechsfach an Phosphor und Stickstoff in das Abwassersystem. Das wurde von Tesla nicht dementiert. Der Wasserverband drängte darauf, Tesla bis auf Weiteres die Abwasserleitung zuzudrehen, was nicht geschah, weil der Autobauer von Verlusten in Millionenhöhe sprach, die eintreten würden. Mittlerweile ist deren Geschäftsführer zurückgetreten. „Die Lobbyisten haben gewonnen. Ich bin nicht mehr bereit, in der Konstellation die Verbandsversammlung nach außen hin zu vertreten“, so Henryk Pilz (CDU), der auch Bürgermeister von Erkner.

Jetzt will Tesla diesen Bau erweitern, um noch mehr Autos bauen zu können. „Aber das ist doch gut!“ – schallt es aus vielen Ecken. Sind diese Pkw doch elektrisch betrieben und bringen Arbeitsplätze in dieses sonst eher nicht so gut aufgestellte Bundesland. Natürlich stimmen beide Aussagen, sie blicken jedoch (wie so oft) nicht systemisch auf die dringend notwendige Transformation. Zum einen sind diese Pkw immer noch zu groß und verschwenden somit wertvolle Ressourcen, über die wir in Deutschland nicht verfügen, sondern die wir mit Gewalt dem Globalen Süden entreißen. Zum anderen sind die Arbeitsplätze in Brandenburg davon geprägt, dass kurze Taktzeiten, Personalmangel und überzogene Produktionsziele zu hoher Arbeitsbelastung bei niedrigen Löhnen führen. Im Herbst 2023 gingen daher über 1.000 Mitarbeiter:innen des Werkes vor die Tore, um auf gravierende Mängel bei Gesundheitsschutz und Arbeitssicherheit hinzuweisen, die laut ihren Angaben zu Krankenständen von bis zu 30 Prozent und dem Mehrfachen an Unfallquoten von deutschen Autobauern führten. Von „knallharter Ausbeutung“ ist die Rede.

Kommen wir zu den Arbeitsplätzen: Bei Tesla arbeiten erfreuliche 50 Nationen. Aber nur 40 Prozent von ihnen wohnen in Brandenburg, zehn Prozent arbeiten vom Ausland aus. Tesla ist dafür bekannt, gewerkschaftliche Organisation im Werk – in Deutschland Teil der DNA der Automobilindustrie – zu verhindern. Das ist nun überwunden, im März wurde die Liste der IG Metall mit knapp 40 % gewählt – erstes Ziel: Ein Tarifvertrag. Auch die Bevölkerung von Grünheide stellt sich gegen den Ausbau, mit deutlicher Mehrheit in einer Bürger:innenbefragung, die jüngst durchgeführt wurde. Nicht zuletzt auch, weil viele bereits von Tesla gerodete Waldflächen bis heute brachliegen und nicht genutzt werden.

Es stellt sich für mich die Frage, wie wir im Globalen Norden mit unserer Verantwortung umgehen wollen, Verursachende der Klimakatastrophe zu sein. Wenn wir es ernst meinen mit den Pariser Klimazielen und dem Wort KlimaGERECHTIGKEIT, dann darf es kein „weiter so“ geben, auch nicht, wenn dieses vollelektrisch angetrieben ist. Wir sollten Ressourcen für gesellschaftlich relevante Dinge verwenden. Da wären Busse und Bahnen eher zu nennen als ein deutscher Pkw, der nur 45 Minuten am Tag mit einer Person fährt.

Die Abwehr und Abwertung der Proteste vor Automobilwerken – auch in Wolfsburg sind seit anderthalb Jahren Aktivist:innen vor Ort tätig – zeigt, dass viele noch nicht begriffen haben, dass der Ernst der Lage Demut verlangt. Unser Leben ist nicht nur CO2-intensiv, sondern es basiert auf Ausbeutung unserer Mitwelt, von Menschen und Natur. Wollen wir diese aufrechterhalten? Elektroautos verändern drei Dinge: Lokale CO2-Freiheit und durch die irgendwann autark erzeugte Energie Unabhängigkeit vom fossilen System sowie die Option der Energiespeicherung. Mehr aber auch nicht. Ressourcenverschwendung, Ausbeutung, Flächenfraß, Versiegelung, Emissionen wie Mikroplastik (Autoreifen sind die größte weltweite Quelle) und viele weitere Belastungen bleiben bestehen. Zudem sollte uns der Fokus der Dekarbonisierung von Autos nicht davon ablenken, dass wir für alle, auch Jene ohne Auto die Mobilität verbessern müssen. Elektrifizierung von Autos sorgt nicht für verfügbare und komfortable Alternativen, die bezahlbar für alle, sicher und barrierfrei sind. Stattdessen sorgen wir grad dafür, das bestehende System aufrechtzuerhalten.

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