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Gastbeitrag von Jasper Kiehn: Therapeutisches mobility coaching, Jobbe und Theresa.

Inspiriert durch Lesung mit Katja Diehl

Jobbe ist Phobiker und möchte mobil werden. Theresa unterstützt Menschen als all-inclusive mobility coach dabei Hindernisse für ihre persönliche Mobilität zu überwinden. Ihre Tätigkeit wird von der Ampel gefördert, es gibt Gutscheine für mobility coaching. Theresa hat viel publiziert und im Fernsehen moderiert sie ihre eigene Sendung: demons of mobility. Gerade arbeitet sie mit Gästen und Lobbyist*innen die -isms ab (racism, sexism) derzeit widmet sie sich dem capitalism, die überwunden werden müssen, für eine Wandel der Mobilität. Sie hat einen Influencervertrag mit Brompton, der vorsieht, dass sie mindestens drei Mal im Interview oder in der Lesung Brompton sagt. Sie sieht darin jedoch keinen Interessenkonflikt, weil sie Sachbuchautorin ist und sie eben so ein Klapprad nutzt.

Jobbe: Ich freue mich, dass du mein persönlicher mobility coach bist Theresa. Ich weiß, dass du verglichen werden wirst im Modellprojekt mit einem internetbasierten mobility coaching. Ist günstiger und der reach größer bei der Vielzahl von Mobilitätsphobikern. Theresa bist du real oder hast du einen avatar geschickt?

Jobbe, keine Sorge, bin real.

Jobbe: Vor Jahren wollte ich nie Bahn fahren, das war mir zu schmuddelig, ich bin Keim-Phobiker. Überall erscheint mir die Bahn schmutzig, die Sitze wirken abgenutzt, habe mal gesehen wie ein ICE gereinigt wird, war mir viel zu oberflächlich. Ich habe immer Sorge gehabt, mir etwas in der Bahn zu holen. Dann kam Corona. Erst wurde die Bahn für sicher erklärt jetzt sind die Corona Schutzmaßnahmen in der Bahn am längsten in Kraft, das gibt mir kein Vertrauen. Ich möchte mich nicht in der Schmuddelbahn anstecken. Und die Toiletten, die sind ein Hygienedesaster. Habe eine Erkrankung, weswegen ich oft auf die Toilette muss, die sind meist nicht sauber. Und wo landen die Fäkalien? Für Menschen mit handicap sind die meisten Toiletten nicht zugänglich. Kann das nicht optimiert werden? Die Belüftung müsste besser sein, Desinfektionstücher ausgelegt werden und die Züge so gereinigt werden, dass…

Stop Jobbe, du redest viel, eine Redephobie scheinst du nicht zu haben. Du kannst dich selbst schützen, indem du eine FFP-2 Maske trägst, Vollschutzanzüge kennst du wahrscheinlich aus den Testzentren, wenn du willst. Mir ist auch nicht bekannt, dass in der Bahn über die Sitzflächen Krankheiten übertragen werden. Ich würde dafür werben, dass deine Bedenken gehört werden von der neu gegründeten Hygienekommission. Ich kann mir vorstellen, dass dabei auch die Frischluftzufuhr unter die Lupe genommen wird. Überall sind wir Keimen ausgesetzt, z.B. unser Darm. Die Keime sind nicht nur schädlich, sondern können auch nützlich sein. Überhaupt das Leben besteht auch aus Risiken, no risk no fun. Ich wäre auch dafür das Risiko von Krankheitsübertragungen im ÖPNV zu monitoren. Der ÖPNV hat während der Pandemie vieles richtig gemacht, mehr Hygiene, mehr Reinigung, automatische Türöffnung an den Haltestellen. Die Barrierefreiheit der Toiletten würde ich auch dringend verbessern wollen. Dafür sollte der Standard geändert werden. Nicht barrierefreie Zügen und Toiletten dürfen nicht mehr bestellt werden.

Jobbe: Und was ist mit meiner Kontaktphobie? Ich brauche die Abstände. Die Corona Abstände habe ich als Wohltat empfunden, wegen meiner Keimphobie habe ich mir trotzdem viele Sorgen gemacht. Ich mag nicht eng gepackt wie in der Sardinenbüchse reisen. Klar, ich bin kräftig gebaut und brauche mehr als einen Sitzplatz. Ich finde, es sollte immer ein Platz zwischen Reisenden frei sein.

Theresa: Ich kann dich gut verstehen, ich mag auch keine zu große Nähe. Bitte hab‘ Verständnis. Die Mobilitätswende kann nur Erfolg haben, wenn mehr Menschen den ÖPNV nutzen, das Kollektiv hat Vorrang. Und: Ich empfehle wie in der Verhaltenstherapie für Phobien die Belastungserprobung. Du musst ja nicht gleich mit dem 9 Euro Ticket im Regionalzug fahren. Das wäre jedoch das Ziel. Und vielleicht kannst du ja mit einem Br… oder Klapprad Fahrrad und Bahn kombinieren.

Jobbe: Bei so vielen Menschen mache ich mir große Sorgen über die Ansteckungsrisiken. Und: Ich möchte als Einzelner motiviert sein, den ÖPNV zu nutzen, das mit dem Kollektiv geht selten gut.

Theresa: Evtl. kann eine Raumkommission anerkannten Phobikern einen größeren Platz vermitteln, jede/r entscheidet selbst über shared space oder wie viel Platz sie/ er braucht. Ob das funktionieren kann?

Jobbe: Ich habe noch eine Agarophobie, d.d. ich kann nicht gut in geschlossenen Räumen sitzen. Manchmal bekomme ich eine Panikattacke mit Herzrasen, Schweißausbruch, Schwindel. Wenn ich ganz ruhig bleibe, geht es wieder weg. Für den Notfall habe ich eine Beruhigungstablette dabei. Meine Ärztin sagt mir, ich solle besser keine Beruhigungstabletten dabei haben wegen des großen Suchtpotentials. Für mich wäre ein Zug mit möglichst viel Platz und möglichst mit einem Glasdach besser, das vielleicht auch mal geöffnet werden kann. Das geht bei Autos ja auch.

Theresa: Ich glaube, vielleicht brauchst du noch eine andere Therapie als nur mobility coaching. Du scheinst auch ICD-10 (International Classification of Diseases) gestört zu sein.

Jobbe: Das klingt hart und diskriminierend. Wie soll die Bahn inklusiv sein, wenn sie Menschen mit Erkrankungen weitgehend ausschließt? Du bist doch ein all-inclusive mobility coach?

Theresa: Ich bin auch keine Wunderheilerin.

Jobbe: Dazu kommt noch: Ich habe noch eine Geldausgabephobie. Zudem mag ich die Barriere umständlicher Tarifsysteme und Fahrkartenautomaten nicht. Der Staat sollte mit den Steuergeldern dafür sorgen, dass jede oder jeder den ÖPNV und die Bahn for free nutzen kann. Das wäre eine echte Mobilitätswende. Und genügend Kapazität, jetzt mit dem 9 Euro Ticket heißt es schon, bitte nehmen sie den nächsten Zug.

Theresa: Guter Punkt, das lässt sich wahrscheinlich nicht finanzieren. Es wäre trotzdem wichtig herauszufinden, was das pro Jahr kosten würde. ÖPNV und Bahn werden bereits jetzt subventioniert. Ich kann mir vorstellen, du müsstest mehr Steuern zahlen.

Jobbe: Ich habe auch eine Steuerphobie.

Theresa: Langsam entwickle ich eine Phobie vor Phobikern. Nur Ansprüche stellen ohne eigenen Beitrag wird nicht gehen. Ich bin froh, dass unser Coaching für heute beendet ist. Vergiss nicht das Br…

Jobbe: Und was ist mit persönlichen Mobilitätsassistent*innen zumindest auf Bahnhöfen und beim Umsteigen? Getting lost, Stress beim Umsteigen bei Verspätung, beim Einfahren mit umgekehrter Wagenreihung, Orientierung im Zielbahnhof, das kann viele Barrieren für die Nutzung von ÖPNV und Bahn senken.

Theresa: Jobbe, I am really sorry, our time is up… may be next time.

JKiehn, 4.6.22

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