Die Studie „Mobilität in Deutschland“ (MiD 2023/24) liefert beunruhigende Erkenntnisse zur Mobilität von Kindern und Jugendlichen. Mit über 52.000 befragten jungen Menschen zwischen 0 und 17 Jahren ist die Datenlage robust – und die Befunde eindeutig: Unsere Kinder werden systematisch weniger mobil. Und das hat Konsequenzen.
Das ist kein statistisches Rauschen. Das ist ein Trend, der sich über zwei Jahrzehnte manifestiert.
Das Auto dominiert – besonders bei den Jüngsten.
Schauen wir auf den Modal Split, wird es noch deutlicher: Bei Kindern bis 6 Jahre machen Autofahrten (als Mitfahrende) 50 % aller Wege aus. Selbst bei den 7- bis 10-Jährigen liegt der Anteil noch bei 40 %.
Interessant wird es, wenn wir Wege und Personenkilometer vergleichen: Bei den 0- bis 6-Jährigen machen Autowege zwar 50 % der Wege aus, aber 84 % der zurückgelegten Kilometer. Das bedeutet: Kurze Strecken werden teilweise noch zu Fuß zurückgelegt, aber sobald es weiter geht, werden Kinder passiv ins Auto gesteckt. Natürlich vor allem wegen der Gefahr, die von Autos ausgeht. Wir Erwachsenen haben die Welt nach unseren Bedürfnissen angepasst, autogerecht statt kindgerecht. Und sind somit Täter*innen und Betroffene gleichermaßen.
Freizeit als wichtigster Mobilitätsanlass – aber wie kommen sie dahin?

Schon dieses Schaubild zeigt, wie ungenau auch Erhebungen jetzt noch sind. Was sind „Erledigungen“, was „Begleitung“? Spannend ist der wachsende Anteil von Freizeit als Wegezweck im Verlauf von Kindheit und Jugend, der durch Forschung bestätigt: Irgendwann wird das Zuhause zum öffentlichen Raum, Heranwachsende nabeln sich von den Eltern ab und wollen unter sich statt unter der Beobachtung Erziehungsberechtigter sein. Doch wie kommen diese zu ihren Zielen?

Die Autoabhängigkeit von unter 10jährigen ist erschreckend, bedeutet die Automitfahrt doch ein passives Bewegungserlebnis abgekoppelt von der Umgebung, die durchfahren wird. Auch der unmittelbare Kontakt mit den Bezugspersonen ist nicht möglich, da diese mit dem Autofahren beschäftigt sind. Interagieren Kinder im ÖPNV, auf dem Rad oder zu Fuß beständig mit den sie begleitenden Erwachsenen, so sind die im Pkw-Fonds im wahrsten Sinne abgekapselt. Diese verschiebt sich in der Altersgruppe ab 11 Jahren etwas zugunsten des ÖV un dFahrrades, aber gerade auch in der Freizeit bleibt die Abhängigkeit von fast 40 % aller Wege bestehen.
Begleitung als Entwicklungshindernis?

Die Daten zeigen: Je jünger, desto weniger eigenständig. Bei den unter 6-Jährigen werden nur 3 % der Wege alleine zurückgelegt. Selbst bei 10-Jährigen sind es nur 35 %, bei 13-Jährigen 49 %.
Zum Vergleich: 36 % der Wege von Kindern bis 6 Jahre werden nur von Erwachsenen aus dem Haushalt begleitet. Diese hohe Begleitquote wirft Fragen auf: Wo sind die Räume, in denen sich Kinder eigenständig und sicher bewegen können?
Besonders auffällig: Der Fahrradbesitz liegt bei 7- bis 13-Jährigen zwischen 89 und 94 %. Ab 14 Jahren bricht er auf 75 % ein, bei jungen Erwachsenen (18-29 Jahre) sogar auf nur noch 58 %.
Das Fahrrad verschwindet genau in der Lebensphase, in der junge Menschen mobiler und eigenständiger werden sollten. Stattdessen steigt der MIV-Anteil – sowohl als Mitfahrende als auch, sobald der Führerschein da ist, als Selbstfahrende.
Mobilität als Frage sozialer Teilhabe

Die Studie zeigt drastische Unterschiede nach ökonomischem Status:
- Kinder aus Haushalten mit sehr niedrigem Einkommen sind zu 71 % mobil, mit 1,8 Wegen je Tag und davon 23 % mit dem Auto
- Kinder aus Haushalten mit sehr hohem Einkommen zu 85 % mobil, mit 2,7 Wegen (also mehr als das doppelte) davon 40 % der Wege mit dem Auto
Auch die Unterwegszeit unterscheidet sich massiv: 23 Minuten versus 40 Minuten. Ablesbar: Kinder aus haushalten mit geringem ökonomischen Status legen wohl nur den Weg zur Kita/Schule zurück, während Kinder aus reicheren Haushalten auch Freizeitaktivitäten wahrnehmen (können).
Mobilität ist eine Klassenfrage. Und Kinder aus einkommensarmen Haushalten haben weniger Zugang zu Bildung, Freizeit und sozialen Kontakten – weil sie schlicht weniger mobil sind.
Gleichzeitig liegt der Autoanteil an den Wegen bei Kindern aus sehr niedrigen Einkommensgruppen niedriger – nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Alternativen.
Was uns diese Zahlen sagen sollten
Die MiD 2023/24 bestätigt, was viele von uns ahnen: Wir erziehen eine Generation, die weniger eigenständig mobil ist als je zuvor. Das Auto dominiert – nicht weil es die beste Lösung ist, sondern weil unsere Infrastruktur Kindern kaum sichere Alternativen bietet.
Gleichzeitig zeigt sich: Mobilität von Kindern ist keine private Angelegenheit, sondern eine Frage von:
- Infrastruktur: Wo sind sichere Schulwege, Radwege, ÖPNV-Anbindungen?
- Sozialer Gerechtigkeit: Wie ermöglichen wir allen Kindern Teilhabe, unabhängig vom Einkommen?
- Entwicklung: Wie geben wir Kindern Raum für eigenständige Mobilität und damit für Selbstwirksamkeit?
Die Studie wirft weitere Fragen auf, die dringend beantwortet werden müssen:
- Wie sieht eigenständige Mobilität in städtischen versus ländlichen Regionen aus?
- Unter welchen Bedingungen wird auf dem Schulweg auf das Auto verzichtet?
- Gibt es den Trend zu „Helikoptereltern“ tatsächlich – und lässt er sich in Mobilitätsdaten abbilden?
- Welche Faktoren tragen zu erfolgreicher Fahrradsozialisation bei?
Mein Fazit
Diese Zahlen sind kein Schicksal. Sie sind das Ergebnis politischer Entscheidungen über Jahrzehnte. Solange wir den öffentlichen Raum primär fürs Auto planen, solange Schulwege nicht sicher genug sind, solange ÖPNV unterfinanziert bleibt und Radinfrastruktur Stückwerk ist, werden unsere Kinder weiter im Auto sitzen. Weniger mobil. Weniger eigenständig. Weniger teilhabend.
Die Daten der MiD 2023/24 sind ein Aufruf zum Handeln. Es geht nicht nur um Verkehr. Es geht um die Entwicklung einer ganzen Generation.


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