Seit MONATEN arbeite ich dagegen an, dass Wut bei anderen zu Sexismus, Ableismus, Rassismus, Klassismus… wird.
Ich hab´s so satt.
Kommentare unter Videos von Katherina Reiche.
„Hat die beim Reden einen Schlaganfall?“
„Das ist eine widerliche Biatch.“
„Was hat die überhaupt gelernt?“
„Was stottert die sich da zusammen?“
Ich halte Katherina Reiches Politik für falsch. Für gefährlich. Für von Lobbyinteressen geleitet. Ich habe das auch hier ausführlich begründet.
Aber was in diesen Kommentaren passiert, ist nicht Kritik.
Das ist Sexismus – wenn eine Frau über ihre Stimme, ihren Körper, ihre Ausdrucksweise bewertet wird, nicht über ihre Argumente.
Das ist Ableismus – wenn Sprechweise oder körperliche Merkmale als Beleidigung herhalten müssen, auf Kosten all jener, die mit Behinderungen oder Erkrankungen leben.
Das ist Klassismus – wenn Bildungsabschlüsse oder Herkunft als Waffe eingesetzt werden, um jemanden zu entwerten.
Und es wäre genauso Rassismus, wenn Herkunft oder Hautfarbe als Angriffsfläche genutzt würden. Oder Queerfeindlichkeit. Oder Altersdiskriminierung. Die Liste ließe sich fortsetzen – und sie wird fortgesetzt, täglich, in Kommentarspalten von Menschen, die sich selbst für progressiv halten.
Das ist das Problem.
Nicht nur, dass diese Sprache verletzt. Auch die Betroffenen, die das passiv mitlesen müssen. Sondern dass sie von denen kommt, „dedn so genannten Progressiven, die Grünen und Linken und alle daneben und dazwischen“ – also von denen, die eigentlich wissen müssten, was diese Worte anrichten.
Wenn wir Reiche für ihre Gaslobby-Vergangenheit kritisieren wollen: Bitte. Da gibt es genug.
Wenn wir ihre Politik benennen wollen: Tut es. Laut. Mit Fakten. Mit Haltung.
Aber der Moment, in dem wir anfangen, politische Gegner*innen über ihren Körper, ihre Stimme, ihre Herkunft, ihre vermeintliche Bildung oder ihr Geschlecht zu diffamieren – in diesem Moment haben wir nicht Reiche beschädigt.
Wir haben uns selbst beschädigt. Und wir haben all jene beschädigt, auf deren Kosten wir diese Worte benutzen.
Diskriminierung ist keine Waffe, die wir gegen die Falschen einsetzen dürfen. Sie ist immer falsch.
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das gilt auch für die, die wir für falsch halten. Gerade dann.

Diskriminierung ist keine Waffe, die wir gegen die “Falschen” einsetzen dürfen.
2 Kommentare zu „Diskriminierung ist keine Waffe, die wir gegen die “Falschen” einsetzen dürfen.“
-
Liebe Frau Diehl,
Abwertung und Beleidigung hört nicht bei bestimmten Vokabeln auf, dass haben auch Sie nun erfahren. Sie fangen im Kopf an, bei jedem Satz, bei jedem schnellen Post: durch Vorurteile. Auch bei Ihnen. Vorurteile sind nötig und helfen uns, die Masse an Informationen schneller einzuordnen und zu verarbeiten. Dabei passieren unvermeidlich Fehler – Vorurteile sind nur Schätzungen, kein Wissen (Vor-Urteil). Es wäre also schön erkennen zu können, dass auch Sie selbst sich an Ihren hohen und wünschenswerten Anforderungen an eine gemeinsame Kommunikationskultur messen und bei Fehlern die Stärke zeigen würden, diese zu erkennen. Ein Blockieren ist sicher ganz bequem, erinnert aber an die Vogel-Strauss-Methode, sich mit Unbequemlichkeiten nicht beschäftigen zu müssen. Und: Blocken ist ebenfalls eine Form der direkten Abwertung des Gegenüber und damit aktive Diskriminierung – wenn zuvor keine Hass, Beleidigung oder Gefahr Bestandteil der Kommunikation war.
Es tut mir im Nachhinein leid, kritisch oder überhaupt kommentiert zu haben, da mir nicht klar war, dass Sie keinen Diskurs wünschen und Ihr Account scheinbar lediglich zur einseitigen Darstellung Ihres Standpunktes gedacht ist. Ich hatte mir gewünscht, Ihre Texte zu lesen würde mich weiterbringen und dass ein Austausch über Standpunkte förderlich wäre. Reine Belehrung funktioniert bei mir aber leder nicht, sicher eine Charakterschwäche.Zum Abschluss (auch wenn ich zu meiner Schande nicht davon ausgehe, dass Sie sich die Mühe machen werden, bis hier zu lesen):
Sein Sie versichert, dass auch ich Schimpfworte, sexistische Erniedrigung und Rassismus auf das Schärfste verurteile. Die Schwelle sehe ich allerdings an einer anderen Stelle als Sie und glaube, dass ein Einbeziehen und ein Verständnis für verschiedene Bildungs- und Sozialisierungsschichten notwendig ist, um Kommunikation nicht abzutöten und zu Belehrungen verkommen zu lassen.Hochachtung und Grüße vom See
Karsten Kubitz
-
Lieber Karsten Kubitz,
danke für Ihren durchdachten Kommentar – die Hochachtung erwidere ich.
Sie haben recht: Vorurteile sind menschlich, und ich bin nicht frei davon. Dieser Anspruch gilt für mich genauso.
Was Sie nicht wissen können – und das sage ich ohne Vorwurf: Ich erhalte täglich ein Ausmaß an Abwertung, Gegenwehr und Unterstellungen, das sich von außen schwer vorstellen lässt. Sie dürfen sich über mein Leben ein Urteil erlauben. Aber Sie können es nicht – weil Sie es nicht kennen. So wissen Sie zum Beispiel nicht, dass ich die letzten Tage bei einem lieben Menschen im Krankenhaus verbracht habe. Das macht dünnhäutiger als sonst. Das ist menschlich.
Wenn ich in solchen Momenten entscheide, mich zu schützen, ist das völlig valide. Und es ist ebenso völlig valide, dass Ihnen das nicht gefällt.
Beim Blocken bleibe ich daher bei meiner Position – nicht als Vogel-Strauß-Methode, sondern als bewusste Entscheidung über meine Energie.
Dass Sie sich einen echten Austausch gewünscht hätten, nehme ich trotzdem ernst.
Mit freundlichen Grüßen,
Katja Diehl
-

Schreibe einen Kommentar