Cécile, Joni und Kurt haben im September zusammen mit anderen Behinderten eine Nacht auf dem Hamburger Gleis 13/14 verbracht, um gegen den täglichen Ableismus in der Mobilität zu protestieren. Mit einem (Teil-)Erfolg der zeigt: Direkt Aktion wirkt.
Das Gespräch war offen, angenehm, wütend und deutlich. Barrierefreiheit ist kein Zusatzposten der Verkehrswende. Sie ist ihre Prüfung. Wenn sie an Gleis 13/14 scheitert, scheitert sie überall. Denn jeder von uns kann morgen durch einen Unfall behindert sein. Die meisten Behinderungen entstehen im Laufe des Lebens. Und direkte Aktion wirkt! Wenige Tage nach der Aufzeichnung wurde bekannt, dass der Aufzug nach Monaten wieder funktioniert!
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In der Mobilitätsdebatte wird ständig über Menschen mit Behinderungen gesprochen. Sie werden als Kostenfaktor, als Ausrede oder als Gruppe, die angeblich das Auto braucht, bezeichnet. MIT ihnen selbst wird fast nie gesprochen. Cécile ist Klima-Aktivistin, fährt Rollstuhl und klettert sogar damit. Auf allen Plattformen zeigt sie, wie wenige Barrieren es eigentlich geben könnte. Sie hat die Anti-Ableismus-Aktion Lüneburg Nord mitgegründet und ist bei Robin Wood aktiv. Joni ist nichtbinär, politisch aktiv in antifaschistischen Kontexten und denkt konsequent über Systemkritik nach. Kurt kommt aus der Organisation von direkter Aktion, hat schonmal den Senat der Universität besetzt und ist jetzt in der Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv. Alle dreisagen denselben Satz in Varianten: „Wir werden behindert, von der Gesellschaft.“
Wie man behindert wird: Cecile erkrankte chronisch, ihre Gelenke gehen nach und nach kaputt. Für sie war der Rollstuhl erst Freiheit: Plötzlich bekam sie mehr vom Leben mit. Doch dann bemerkte sie schnell, wie sie behindert wird: durch Treppen, gesperrte Wege und Aufzugspläne. Wenn sie von Lüneburg nach Hamburg fährt, hat sich ihre Fahrzeit aktuell verdoppelt, weil sie umsteigen muss und der Weg nicht barrierefrei ist. Zu Arztterminen nimmt sie ein Rollstuhl-Taxi, nicht, weil sie will, sondern weil sie keine Therapie machen kann, bei der der Stress der Anreise den Nutzen auffrisst. Joni muss vor jeder Fahrt den Aufzugsplan des HVVs prüfen, um zu sehen, ob dort ein grüner Haken steht, dass alles barrierearm funktioniert. Kurt beobachtet in den ICEs eine Konkurrenz um die viel zu wenigen Vorrangplätze zwischen älteren Menschen, Rollstuhlfahrenden und Eltern mit Kinderwagen. Menschen mit Behinderung müssen ihre Berechtigung fast immer erst einmal einfordern.
Kurt bringt es auf den Punkt: Die Bahn billigt uns ein bestimmtes Maß an Inklusion zu, ohne uns zu fragen, und meint, es reicht. Ob der Aufzug funktioniert, interessiert sie wenig. Wir sind teuer, wir kosten Geld – und das stört das Wirtschaftsunternehmen.
Das zeigt sich in Kleinigkeiten, die keine sind: Wenn eine Verbindung ausfällt und die Zugbindung aufgehoben wird, gibt es keine Antwort auf die Frage, wie ein Mensch im Rollstuhl in den nächsten, vielleicht vollen Zug kommt, und auch keine Entschuldigung. Wenn die Bahn ein Gratis-Wochenende anbietet, ist die S-Bahn so voll, dass Cecile nicht mitkommt. Kostenlos fahren dürfen zwar alle, aber tatsächlich fahren können nur diejenigen, die über die nötige Kapazität verfügen. Beides zusammen ist ein Zeichen der Unvernunft: Während wir sprechen, wird ein Tankrabatt im Milliardenbereich beschlossen, während das Deutschlandticket teurer wird.
Das Wichtigste, das in dieser Debatte fast immer falsch läuft, bringt Cecile auf den Punkt. „Ich will nicht als Argument genutzt werden, dass man ein Auto braucht. Dass eine autofreie Stadt nicht geht, weil Menschen mit Behinderung das Auto brauchen. Nein, wir können Konzepte erarbeiten, wie das für alle funktioniert.„
Menschen, die es sich leisten können, schaffen sich in ihrem Umfeld aus Bahnfrust Autos an, aber das ist keine Lösung, sondern eine Privatisierung des Problems. Eine ökologische Verkehrswende funktioniert nur, wenn ein Mensch mit Behinderung genauso spontan von A nach B fahren kann wie alle anderen. Und sie ist ohnehin eine Frage des Überlebens: Die Katastrophenschutzpläne berücksichtigen Menschen mit Behinderungen nicht. Im Ahrtal sind überproportional viele von ihnen gestorben. Die Klimakatastrophe trifft uns zuerst, sagt Joni.
Warum eine Bahnsteigbesetzung statt eines Briefs? Kurt antwortet mit der Geschichte: Ohne direkte Aktionen gäbe es weder das Frauenwahlrecht noch die Erfolge der Bürgerrechtsbewegung in den USA. Der parlamentarische Weg ist gemacht für Kompromisse. Wir wollen jedoch keinen Kompromiss, sondern Inklusion. Inklusion bedeutet, dass sich die Gesellschaft auf Menschen mit Behinderungen zubewegt, nicht umgekehrt. Mit Briefen und Petitionen lässt sich das nicht erzwingen, wenn die Bereitschaft dazu fehlt. Er hat es in der Studiengebührenbewegung erlebt: Besetzte Senate erzeugen Druck, und Druck erzeugt Gespräche.
Dabei sind die eigentlichen Forderungen klein: zwei Aufzüge oder ein Aufzug plus Rampe pro Bahnsteig, Redundanz statt Single Point of Failure – das hätte man von vornherein einplanen können. Ein reformiertes Behindertengleichstellungsgesetz, das die Privatwirtschaft verpflichtet und wirklich klagbar ist. Und Kapazitäten, bevor Gratis-Aktionen kommen.
Wo sind die Alliierten?
Es ist keine beiläufige Zeit, in die diese Folge fällt. Die Schulpflicht für Kinder mit Behinderung ist in Hamburg in Gefahr, weil den Schulen die Assistenzkräfte genommen werden sollen. Aus der Pflegereform des Kabinetts spricht, dass Menschen mit Behinderungen in Heime gedrängt werden sollen. Cécile lebt in einer zehnköpfigen WG als einzige Person mit Behinderung und will genau da bleiben – mit der Unterstützung, die sie im Alltag braucht. Das ist nicht viel verlangt. „Wir wollen leben wie alle anderen Menschen und glücklich sein.“ Ihr Appell an alle, die zuhören: Nicht über uns ohne uns, aber mit uns gerne. Wenn ihr nicht behindert seid, dann braucht man euch. Wer sich nicht einbringen kann, kann spenden oder laut werden. Und wer Lust hat: Cécile freut sich über Bahnsteigbesetzungen deutschlandweit – Nachahmung ausdrücklich erwünscht!
Denn wenn die Welt für dich passt, heißt das nicht, dass sie für andere so ist.


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