Das Auto ist ein Problem für unsere Demokratie
Warum jede Bus- und Bahnfahrt ein Demokratietraining ist – und wir neue Träume brauchen.
„Das Auto ist ein Problem für unsere Demokratie.“ Diesen Satz habe ich im Gespräch mit Katharina Kropshofer für den Falter (Ausgabe Natur, 41/26) gesagt. Danach hören viele auf zu lesen. Nicht, weil sie mir widersprechen wollen, sondern weil sie sich sofort der Empörung hingeben – und dabei verpassen, worum es mir eigentlich geht.
Wo treffen wir uns noch?
Meine Frage ist viel einfacher als es die Überschrift vermuten lässt. Wo finden wir heute eigentlich noch Orte zufälliger Begegnungen, die früher direkt vor der Haustür lagen? Beim Bäcker, an der Bushaltestelle, im Treppenhaus oder im Wartezimmer bei der Ärztin. Menschen, die nicht jeden Weg mit dem Auto zurücklegen, tun etwas sehr Wesentliches: Sie trainieren ihren „Demokratie-Muskel”. Sie riskieren Kurzzeitbegegnungen mit Fremden. Diese sind nicht immer angenehm, denn es sind eben Menschen mit ihren Macken. Aber insgesamt empfinde ich sie als bereichernd.
Dafür werde ich nicht selten als jemand diffamiert, der die Realität ausblende und romantisiere. Interessanterweise oft von jenen, die nie Bus und Bahn fahren. Wer die eigene Blase nie verlässt, sollte anderen vielleicht nicht vorwerfen, sie würden träumen.
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Fünf Gedanken.
Ein Auto ist ein geschlossener Raum. Darin sitzen nur Menschen, die wir bereits kennen. Wir steigen dort ein, wo wir alle(s) und steigen dort aus, wo wir hinwollen. Es ist kein dritter Ort, es gibt keinen Austausch mit Andersdenkenden. Wer das Auto als Freiheit feiert, meint oft auch die Freiheit, niemandem zu begegnen. Was valide ist. Aber eben auch Raum dafür schafft, dass rechte Kräfte in diesem Land uns Angst vor „Fremden“ machen – dies gelingt, weil wir uns verkapseln.
Der Tankrabatt nutzt wieder eine Gießkanne. 2,5 Milliarden Euro für drei Monate, das sind 17 Cent pro Liter, die am Ende zu einem großen Teil bei den Mineralölkonzernen statt bei den Pendler*innen landen. Damit hätte man 1.000 On-Demand-Busse finanzieren können, sagt VDV-Experte Dr. Till Ackermann in meiner She Drives Mobility Academy. Gleichzeitig steigt der Preis für das Deutschlandticket im Januar von 63 auf 66,80 Euro – seit seiner Einführung wurde es 36 Prozent teurer. Keine*n interessiert es – Ticketrabatt nicht in Sicht. Ein Tankrabatt, der das Autofahren verbilligt, während das Bahnfahren teurer wird: Das ist das Gegenteil von Verkehrswende. Wir brauchen keinen Tankrabatt, wir brauchen eine Mobilitätsgarantie für jedes Dorf.
Ein Drittel der Deutschen kann nicht selbstbestimmt Auto fahren. Betroffen von dieser Autozentrierung und damit Ausgrenzung sind Kinder, alte Menschen, Menschen ohne Führerschein und Menschen mit Behinderung. Nur 45 Prozent der von Armut betroffenen Haushalte besitzen überhaupt ein Auto – aus Zwang, nicht aus Wahl. Wer Mobilitätspolitik nur für Autofahrer*innen macht, macht sie für eine Minderheit: Menschen, die sich ein Auto leisten können und es gerne fahren.
Ein Opel Corsa verursacht laut der Linnaeus University rund 5.000 Euro gesellschaftliche Kosten pro Jahr. Lärm, Unfälle, Flächenverbrauch, Gesundheit, Klima. Diese Rechnung zahlt niemand an der Zapfsäule oder gar mit der KfZ-Steuer – wir alle zahlen sie mit.
Paris hat seit 2020 zigtausende Parkplätze am Straßenrand abgebaut. Es geht, wenn man es macht. Platz, der heute Bäumen, Spielplätzen und Menschen gehört statt Blech.
Und das Fahrrad?
Das Fahrrad ist ein feministisches Werkzeug: 80 Prozent der Menschen in Deutschland könnten und würden damit fahren, wenn sie sich sicher fühlten. Das zeigt der Fahrradklima-Test vom ADFC jedes Jahr. Sicherheit ist keine Frage von Mut, sondern von Infrastruktur: von Radwegen, die diesen Namen verdienen, und von Straßen, die nicht nur die Schnellsten belohnen.
Neue Träume
Mir ist bewusst, dass solche Wahrheiten unbequem sind. Dafür ernte ich nicht nur Widerspruch, sondern auch Drohungen. Trotzdem: Wir brauchen neue Träume. Träume von Dörfern, in denen ein Bus wirklich fährt. Von Städten, in denen Kinder allein zur Schule gehen können. Wir brauchen Orte, an denen man sich zufällig begegnet und dabei lernt, dass Demokratie im Alltag beginnt und nicht im Bundestag.
Wie sieht deiner aus?


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