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Zu Gast beim Deutschen Alpenverein: Neue Wege gehen.

Interview mit Katja Diehl


Ihr Werdegang vom Studium der Literaturwissenschaften zur Kämpferin für eine autoreduzierte Welt von morgen ist bemerkenswert. Wie kam es dazu?


Ich habe meine Magisterarbeit über das proletarische Theater der Zwanzigerjahre geschrieben und während meines Studiums auch immer journalistisch gearbeitet. „Irgendwas mit Medien“ war auch meine Vorstellung von meiner beruflichen
Karriere im Anschluss. Ich habe dann von der erstmaligen Ausschreibung eines Redaktions-Volontariats bei der Deutschen
Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück gehört, mich beworben und damit die Seiten gewechselt – vom Journalismus in die
Öffentlichkeitsarbeit. Bei der DBU habe ich unzählige Facetten von Nachhaltigkeit kennenlernen dürfen.
Aus diesem Job wurde ich von Hellmann Worldwide Logistics abgeworben. Dort habe ich die interne Mitarbeiter:innenzeitung konzipiert und umgesetzt. Und viel über Logistik, Nachtexpress und Güterverkehr gelernt. Ein erster Schritt in Richtung Mobilität war damit getan. Die nächsten Stationen waren dann bei der Nordwestbahn, Deutschlands erster privater Regionalbahn; bei den Stadtwerken Osnabrück war ich unter anderem bei der Einführung von flexiblem Carsharing beteiligt, und habe mit der Stadt Osnabrück zusammen das Projekt Mobile Zukunft begründet, das sich der ganz konkreten Verkehrswende widmet und – in der Leitstelle sitzend – gelernt, was es bedeutet, wenn
Blitzeis die Busse zum Stehen bringt.
Seit knapp vier Jahren arbeite ich, als Fan von öffentlicher Mobilität, weiterhin an einer klimagerechten, inklusiven und
bezahlbaren Mobilitätswende. Das bedeutet im Kern, den Menschen ein Leben ohne eigenes Auto zu ermöglichen.

Die Gesellschaft hat sich nach über 80 Jahren der autoorientierten Stadt- und Verkehrsplanung an dieses Verkehrsmittel gewöhnt. Welche Hebel müssten Ihrer Ansicht nach in Bewegung gesetzt werden, um Veränderungen zu bewirken?


Wir brauchen Gleichberechtigung und Demokratie auf der Straße. Die gab es vor den Autos, weil die Geschwindigkeiten so gering waren, dass es genügte, sich zu verständigen und rücksichtsvoll mit anderen Verkehrsteilnehmer:innen umzugehen. Vor allem auch die langsameren und schwächeren waren hier sehr viel sicherer.
Das änderte sich, als Autos auf die Straßen kamen. Ihnen wurde alles untergeordnet, Stadt- wurde zur Verkehrsplanung. Ich habe in der Recherche für mein Buch mit den unterschiedlichsten Menschen gesprochen. Es hat sich gezeigt, dass sie, bei allen Unterschieden, doch ähnliche Bedürfnisse an Mobilität haben.
Sie soll sicher, bezahlbar, inklusiv, barrierearm und verfügbar sein. Das sind alles Wünsche, die auch einer Massengesellschaft zugutekommen. Aktuell tun wir so, als würde es unglaublich viel mehr Aufwand bedeuten, wenn wir die Bedürfnisse von Minderheiten berücksichtigten. Das stimmt aber gar nicht, weil meistens das Bedürfnis von einer Minderheit auch dem einer anderen entspricht. Wenn zum Beispiel an einer Haltestelle eine Bank steht, dann setzt sich da nicht nur der alte Mann gerne drauf, sondern auch die hochschwangere Frau. Diese Inklusion zu haben, indem wir die Diversität der Gesellschaft widerspiegeln, ist mir wichtig.


Der Alpenverein setzt sich für den Erhalt der Naturräume in den Alpen und Mittelgebirgen vor der Haustür ein. Oftmals erfolgt die Anreise dorthin noch mit dem PKW. Welche Ideen haben Sie, die Mobilität im ländlichen Raum und im Freizeitverkehr ohne Auto zu gewährleisten?


Eines dürfen wir nicht vergessen: Der Autoverkehr, den wir verursachen, um an schöne Orte zu fahren, belastet immer jene
sehr, die dort wohnen – sei es durch Lärm, Emissionen oder auch Platzverbrauch. Urlaub im Grünen darf zudem nicht bedeuten, genau das, was wir doch so sehr schätzen und genießen, zu zerstören und zu belasten. Hier gehen viele Menschen, die in Radwegsysteme oder installieren, wie in der Region Murnau, Rufbussysteme, die Tourist:innen vom Regionalbahnhof abholen.


Stichwort Mobilitätsgerechtigkeit. Es gibt Menschen, die ohne motorisiertes Verkehrsmittel nicht oder kaum mobil sein können. Wie können auch deren Bedürfnisse in einer autoreduzierten Gesellschaft berücksichtigt werden?


Das ist für mich die einfachste Übung: Diese Menschen erhalten das Fahrzeug, das ihren Bedürfnissen entspricht, mit
vollelektrischem Antrieb und werden so lokal emissionsfrei. Ich habe mit Menschen gesprochen, die speziell umgebaute Autos haben. Sie würden diese gern im Carsharing anbieten, weil sie sie eher selten benutzen. Auch solche PKW-Mobilität kann dann inklusiv gedacht werden! Zudem sind viele der Rufbusse, die ich als Projekt betreue, mit einer Rampe an Bord ausgestattet. Das sogenannte London-Taxi ermöglicht Rollstuhlfahrenden, dieses Angebot zu nutzen.

In der Natur Energie tanken bei einem Ausflug mit dem Bulli oder Wohnmobil ist für viele Ausdruck von
Lebensqualität und Freiheit. Wie kann es gelingen, Mobilitätsalternativen zu schaffen?


Ich denke, dass sich die Anschaffung eines neuen Fahrzeugs nur sehr langsam amortisiert. Das sieht schon ganz anders aus, wenn Menschen sich so etwas teilen. Das ist sehr naheliegend, wird aber sehr selten gemacht. Und ansonsten gilt für diese Art von Urlaub natürlich vor allem, sehr umsichtig und nachhaltig zu agieren und der Natur ihren Raum zu lassen.

Welche Möglichkeiten sehen Sie für den DAV, Impulse zur Veränderung des Mobilitätsverhaltens zu setzen?

Menschen, die sich im DAV engagieren, sind sehr naturaffin. Das ist eine tolle Basis, um auch die Mobilität in diesem
Engagement auf fossilfreie und vielleicht sogar vermehrt muskelbetriebene Mobilität umzustellen. Ich wünsche mir vom DAV, dass er diese Impulse aktiv setzt und Teil einer Klimabewegung wird, die Verantwortung dafür übernimmt,
dass auch zukünftige Generationen noch viel in der schönen Natur in Deutschland erleben können.


Was wünschen Sie sich für den DAV?


Für den DAV wünsche ich mir, dass die deutsche und internationale Politik endlich vehement Klimaschutz betreiben und den in Paris unterschriebenen Vertrag zum 1,5-Grad-Ziel ernst nehmen. Es ist nicht verhandelbar, dass die Natur, die
durch den DAV Wertschätzung erfährt, so wenig Schutz erhält. Klimaschutz ist Tagespolitik – jede Handlung zählt. Hier den DAV als guten Partner zu sehen, der um das Schützenswerte weiß, täte der Politik sicher gut.
Das Interview führten Tim Quatuor und Marc Tiefes

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