Screenshot des Interviewstitels.

Zu Gast bei Future Moves OMR: „Ich würde gerne genauso sicher sein wie Menschen im Auto“

Wie definierst du für dich die Verkehrswende?

Erstmal hat sie noch nicht begonnen, weil wir immer noch sehr Auto-zentriert denken und wir Menschen, die Autofahren, immer noch als Menschen lesen, die auch gerne Auto fahren und das freiwillig tun. Ich glaube, die Verkehrswende ist dann vollendet, wenn jeder Mensch so mobil sein kann, wie er oder sie will. Wenn jede*r überall Sicherheit findet und keine Menschen mehr im Verkehr sterben. Und wenn das Ziel erreicht wurde, klimaschädliche Emissionen um 40 Prozent zu reduzieren.

Wie sieht dein persönlicher Mobilitätsmix aus?

Aktuell kombiniere ich vor allen mein Fahrrad mit dem ICE, weil ich jetzt auch Lesungen mache. Ich finde es einfach toll, Bahn zu fahren und immer in der Mitte von der Stadt anzukommen, das Fahrrad aufzubauen und dann zum Ort zu radeln, an den ich möchte. Man bekommt eine ganz andere Wahrnehmung von Orten. Am Bahnreisen mag ich diese Geschwindigkeit, die der Kopf noch begreift und dass man sieht, wie sich die Landschaft verändert. Zum Beispiel bin ich vor einiger Zeit mit dem Nachtzug nach Wien gefahren. Da hat man ein ganz anderes Empfinden von: „Ich komme jetzt an.“ Beim Fliegen, was ich schon lange nicht mehr gemacht habe, ist das immer ein bisschen überfordernd für den Kopf. Man steigt in so eine Kapsel und landet irgendwo in einem völlig anderen Klima. Auto fahre ich so gut wie gar nicht mehr.

„Ich gehöre zu den Menschen, die Fahrrad fahren, obwohl es total gefährlich ist“

Katja Diehl

Und wie sollte der Mobilitätsmix aussehen, damit du glücklich bist?

Ich gehöre zu den Menschen, die Fahrrad fahren, obwohl es total gefährlich ist, obwohl es eng ist, obwohl ich nicht geschützt werde, obwohl Menschen im Auto irgendwie die Vormachtstellung haben, obwohl ich die Abgase einatme, seitdem ich lebe. Auf dem Rad würde ich gerne genauso sicher sein wie Menschen im Auto. Außerdem kann ich wachsende Zahl von Leuten verstehen, die schon immer eine gute Mobilität leben und nun sagen: „Ich will allmählich auch mal eine Prämie.“ Wer mit dem Fahrrad, zu Fuß, mit der Bahn unterwegs ist, kriegt keine Belohnung, obwohl diese Leute für eine Entlastung sorgen. Das wäre vielleicht ein Gedanke, den man mal weiterspinnen könnte.

Hast du eine Vision, die du verfolgst?

Die Vision ist tatsächlich, dass Schwächere – Kinder, Senior*innen, Menschen im Rollstuhl oder mit besonderen Bedürfnissen – in der Stadt wieder stattfinden und nicht nur im Auto verkapselt. Ich wünsche mir, dass wir den Raum zwischen den Häusern wieder den Menschen widmen. Dass die geparkten Autos verschwinden, weil die keinen Sinn haben. Wenn sie stehen, stören sie alle, sogar die Leute, die sie fahren. Ich würde gerne wieder dieses Gefühl im Sinne von einem großen Dorf haben, wo alles in der Nähe ist und fußläufig oder mit dem Rad zu erreichen. Ich wünsche mir gemischte Viertel, wo immer was los ist und man nicht in der Nacht Angst haben muss. Vielleicht kommt die Mobilität in Zukunft zu mir. Wenn ich zum Beispiel mal längere Strecken in Hamburg fahre und nachts denke: Nein, jetzt lieber nicht mit dem Fahrrad, sondern mit einem autonomen Shuttle. Dass soll aber nicht heißen, dass wir statt Autos jetzt Tausende von Robo-Taxis durch Hamburg fahren lassen, durch die ja auch wieder viel Raum belegt würde. Meine Vision ist, dass Rad- und Fußverkehr eine wichtigere Rolle spielen. Ich möchte erreichen, dass wir gesund unterwegs sind, dass wir nicht mehr so viel rumsitzen. Menschen, die bestimmte Einschränkungen haben, brauchen vielleicht noch ein eigenes Auto. Aber gesunde Menschen und gerade Kinder, die sich entwickeln, sollten das vor der Haustür tun können und nicht in irgendwelchen abgeschotteten Räumen auf Spielplätzen.

Wie gehst du mit Hatern in den sozialen Medien um?

Vielleicht bin ich inzwischen schon etwas zu abgehärtet. Einige Sachen, die mich vor zwei Jahren noch getroffen hätten, treffen mich gar nicht mehr. Letztes Jahr hatte ich erstmalig mit dem Staatsschutz zu tun, da in einer Mail, die an sehr viele Abgeordnete der AfD ging, meine private Adresse und meine private Telefonnummer stand. Gott sei Dank war ich nicht zu Hause, als mich das erreicht hat. Das war schon ein mulmiges Gefühl. Andererseits will ich aber auch nicht als Opfer dastehen. Die Leute wollen einen nur kleinkriegen – und das schaffen sie bei mir halt nicht. Ich wünsche mir, dass Justizminister Marco Buschmann und Bundesinnenministerin Nancy Faeser bei Twitter und anderen Plattformen endlich mal den Opferschutz nach vorne stellen. Ich möchte mich nicht selbst kümmern müssen, wenn mir was passiert, sondern dass sich ein System um mich kümmert, wenn ich sage: Ich habe hier gerade ein Problem.

Die aktuell größte Herausforderung in der Mobilitätswende ist …?

Köpfe zu öffnen, anders zu denken, aus Routinen rauszukommen, wirklich was verändern zu wollen und nicht nur Lippenbekenntnisse abzugeben. Wie Anne Hidalgo in Paris das macht: wirklich mit großen Schritten die Verkehrswende weiter zu gestalten. An der Seine war eine Art Autobahn und jetzt flanieren da Menschen. Politiker*innen sollten begreifen, dass Orte dann lebenswert werden, wenn man sich dort gerne aufhält und nicht, wenn man schneller durchfahren kann. Es geht darum, den menschlichen Faktor zu beachten, nicht in den Faktor Auto, und vor allen Dingen auch die zu beachten, die wir ja schon vergessen haben. 13 Millionen Deutsche haben keinen Führerschein und 13 Millionen Kinder sind noch zu klein um Auto zu fahren. Das ist eine große Gruppe, die wir aktuell in vielen Bereichen vergessen.

Deine Forderung an die Politik?

Auch mal mit der Zivilgesellschaft zu sprechen, nicht immer nur mit den Autokonzernen. Unter Angela Merkel gab es mehrfach im Jahr diesen Autogipfel. Und Autogipfel heißt, dass man nichts verändern will. Wie wäre es, einen Mobilitätsgipfel zu machen: Wie verändern wir was – und nicht wie manifestieren wir Automobilität. Ich glaube, der größte Schritt ist anzuerkennen, dass wir da was falsch gemacht haben. Das gibt man nicht gerne zu. Tausende Kilometer Schienen sind abgebaut worden, immer weniger Geld wurde in die Bahn gesteckt. Das gilt es umzukehren und die wirkliche Wende voranzutreiben. Länder um uns herum schaffen das ja auch. Da habe ich doch große Hoffnung, dass wir es auch wollen.

Wer ist in Sachen Verkehrswende gerade richtig gut unterwegs?

Ich finde die ganzen Dinge von door2door, für die ich gearbeitet habe und auch immer noch freelance, gut.

Welchen Menschen in der Mobilitätsszene sollte man – neben dir – folgen?

Dem niederländischen „Fahrrad-Professor“ Marco Te Brömmelstroet, der die Stadt einfach anders denkt. Und ich finde den Hamburger Jan Kamensky gut. Der macht kleine Filme, in denen Straßen in Auto-freie Visionen überführt werden. Die Clips helfen Leuten, die Fantasie wieder zu herzustellen, die aus dem Status quo wieder heraus führt. Ich finde auch die Sachen gut, die der VCD macht. Auf der Website des ökologischen Verkehrsclubs gibt es ganz viele Hilfestellungen zur Mobilitätswende und fertige Aktionen, wie zum Beispiel zwölf Quadratmeter Kultur. Das ist die Größe eines Kinderzimmers – aber auch die eines Parkplatzes. Wenn man einen Tag lang einen Parkplatz besetzt und da Aktionen stattfinden lässt, zeigt das, wie viel Raum zwölf Quadratmeter eigentlich sind. So was inspiriert mich.

„Jede Stadt bräuchte ein Viertel, wo man die Verkehrswende einfach mal erleben kann“Katja Diehl

Gibt es einen Ort, der für dich die Zukunft der Mobilität erlebbar macht? 

In Saudi-Arabien baut ein Prinz eine neue Stadt. Die heißt Neom und dort ist alles unter die Erde, was sich mit einem Motor bewegt. Im ersten Untergeschoss fahren Busse, Bahnen, die Tram und so weiter. Darunter gibt es die Versorgung wie die Müllabfuhr. Auf der Oberfläche dieser Stadt soll es eigentlich nur muskelbetriebene Mobilität geben. Die Idee finde ich total interessant. Nach den Weltkriegen wurden hier die Städte Auto-zentriert neu aufgebaut und dörfliche Strukturen zerstört. Ich finde, das sollte man sich mal angucken, um zu schauen, wie würde heute eine Stadt entstehen? Vielleicht würde man es heute auch bei uns so machen wie in Neom? Ansonsten sind natürlich die Auto-befreite und für Menschen geöffnete Straßen für mich immer schön. Aber es sind halt immer nur einzelne Straßen. Eigentlich bräuchte jede Stadt ein ganzes Viertel, wo man das einfach mal erleben kann. Letztlich ist das jedes Mal der Fall, wenn wir Straßenfeste haben, wo dann die Autos rausgeschmissen werden. Das finden wir von Freitag bis Sonntag alle toll – um dann am Montag wieder in dem gleichen System zu hängen. Das ist immer ganz interessant, dass Leute etwas als Besonderheit schätzen, aber nicht im Alltag wollen. Den Schritt des Umdenkens müssen wir vielleicht noch machen.

Deine hoffnungsvollsten Mobilitätswende-Momente?

Ich finde es immer wieder lustig, Leute mit Fakten zu konfrontieren. Ich nenne das wie mein Buch „Autokorrektur“. Zum Beispiel dieser Fakt: Wenn alle Leute in Deutschland in die Autos steigen würden, die es hier gibt, dann wären immer noch alle Rückbänke frei. Es gibt eine totale Überversorgung. Und obwohl wir ständig das Gefühl haben, im Stau zu stehen, sind immer nur maximal zehn Prozent aller Autos zeitgleich unterwegs. Der Rest ist geparkt. Das sind Momente, wo Leute dann merken: Boah, da läuft echt etwas schief. Das kann vielleicht auch mal helfen, ein bisschen vor Augen zu führen, dass wir in die falsche Ecke gehen, wenn wir immer wieder dasselbe machen.

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