Eine Frau in einem karierten Anzug sitzt auf einer Bank in einer urbanen Umgebung. Vor ihr ein Fahrrad.

Zu Gast bei der Schwetzinger Zeitung.

Mobilitätsexpertin Katja Diehl spricht im Bürgersaal über die Zukunft der Mobilität, Verkehrswende und autofreie Städte. Lesung mit Diskussion zu nachhaltiger und gerechter Mobilität.

1. Wie würde Ihr persönlicher Alltag ohne eigenes Auto aussehen?

Ehrlich gesagt: Nicht so anders als heute. Ich besitze kein Auto und lebe gut damit – mit Bahn, Bus, Fahrrad und gelegentlich geteilten Fahrzeugen. Was ich mir für die Zukunft wünsche, ist nicht, dass alle so leben wie ich, sondern dass alle so leben können, wie es zu ihrem Leben passt. Ohne dass fehlende Alternativen die Entscheidung abnehmen.

2. Was kann Science-Fiction besser als klassische Verkehrspolitik?

Sie lässt uns fühlen, bevor wir denken. Verkehrspolitik arbeitet mit Zahlen und Plänen – Zukunftsgeschichten laden uns ein, einen Alltag zu erleben, der noch nicht existiert. Wenn man einmal gespürt hat, wie sich eine Stadt anfühlt, in der Kinder alleine zur Schule laufen, Ältere nicht auf Kinder angewiesen sind und öffentlicher Raum wieder den Menschen gehört – dann verändert sich etwas. Das schafft kein Diagramm.

3. Welche Idee hat Sie selbst am meisten überrascht, weil sie realistischer ist als gedacht?

Dass On-Demand-Mobilität auf dem Land funktioniert. Es gibt bereits heute Regionen, in denen flexible, digital buchbare Kleinbusse dünne Verbindungen ersetzen – effizienter und günstiger als der Versuch, überall stündliche Taktung zu erzwingen. Das ist keine ferne Utopie. Das passiert. Nur zu selten.

4. Was ist die größte Fehlannahme über autofreie oder autoarme Mobilität?

Dass sie etwas ist, das man Menschen aufzwingt. Dabei ist das genaue Gegenteil mein Antrieb: Ich möchte, dass niemand gezwungen ist, ein Auto zu besitzen, weil es schlicht keine Alternative gibt. Das ist der eigentliche Zwang, über den wir reden müssen – und der trifft vor allem Menschen ohne Führerschein, ohne Geld, ohne Gesundheit für das Fahren.

5. Was bedeutet „Freiheit“ in der Mobilität der Zukunft konkret?

Ankommen können. Unabhängig davon, ob man 16 oder 80 ist, arm oder wohlhabend, auf dem Land oder in der Stadt lebt. Freiheit bedeutet Optionen – nicht die Verpflichtung zu einer einzigen Lösung, die zufällig vier Räder hat.

6. Wie gelingt Mobilitätswende, ohne dass Menschen das Gefühl haben, ihnen werde etwas weggenommen?

Indem wir aufhören, so darüber zu reden, als ginge es ums Wegnehmen. Wenn ich frage: „Was brauchen Sie, um gut von A nach B zu kommen?“ – dann entsteht ein anderes Gespräch als bei: „Wann geben Sie Ihr Auto ab?“ Wir müssen die Wünsche hinter der Autoabhängigkeit verstehen: Flexibilität, Verlässlichkeit, Würde. Und dann fragen, wie wir diese Wünsche auch anders erfüllen können.

7. Welche Rolle spielen Emotionen gegenüber Fakten?

Eine entscheidende. Fakten informieren. Emotionen bewegen. Das Auto ist nicht zufällig ein emotionales Objekt – es steht für Freiheit, Status, Sicherheit, Kindheitserinnerungen. Wer das ignoriert und nur mit CO₂-Werten argumentiert, verliert. Ich versuche, die emotionale Seite anzuerkennen – und gleichzeitig zu zeigen, dass diese Gefühle auch durch andere Dinge erfüllt werden können.

8. Was müssen Politik und Gesellschaft heute konkret tun?

Infrastruktur vor Appellen. Es bringt nichts, Menschen zu mehr Busfahren zu ermutigen, wenn der Bus nur zweimal täglich fährt. Wir brauchen politischen Mut zu Investitionen in das, was alle trägt – ÖPNV, sichere Radwege, Fußwege, die diesen Namen verdienen. Und wir müssen aufhören, Mobilität ausschließlich als Wirtschaftsfaktor zu denken und anfangen, sie als Teilhabefrage zu verstehen.

9. Was kann jede einzelne Person schon morgen tun?

Einmal im Monat bewusst anders ankommen. Nicht als Verzicht, sondern als Experiment. Und: laut werden. Wer seinen Bürgermeister fragt, warum der Gehweg endet, wer nach dem Busfahrplan fragt und unbefriedigende Antworten nicht akzeptiert – der verändert mehr, als er denkt.

10. Welche Stadt oder welches Land macht Ihnen aktuell am meisten Hoffnung?

Viele kleine Orte in Deutschland, die ich bei meinen Vortragsreisen kennenlernen darf. Bürgermeisterinnen, die gegen den Strom schwimmen. Stadtplanerinnen, die Spielstraßen durchsetzen. Ehrenamtliche, die Bürgerbusse organisieren. Die Hoffnung sitzt oft nicht in den großen Metropolen, sondern im konkreten Tun vor Ort.

11. Welchen einen Gedanken würden Sie dem Publikum mitgeben?

Dass das, was wir heute als normal empfinden – die autogerechte Stadt, die Abhängigkeit vom eigenen Fahrzeug – eine Entscheidung war. Keine Naturgewalt. Und was einmal entschieden wurde, kann neu entschieden werden. Von uns. Gemeinsam.

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2 Kommentare zu „Zu Gast bei der Schwetzinger Zeitung.“

  1. Avatar von Christine
    Christine

    Mein Reden, erst muß die Infrastruktur geschaffen werden, dann ziehen viele Menschen mit ihrem Handeln nach.
    In Bad Oeynhausen ist ein alter Radweg entlang der Werre erneuert und verbessert worden mit neuen Brücken. Da hat mich jemand gefragt ob das denn sein mußte, ob man das Geld nicht für wichtigere Dinge besser ausgegeben hätte. Meine Antwort: das war genau richtig, denn wenn das Angebot da ist, wird es auch genutzt.


    1. Interessanterweise wird dieser Effekt bei Autobahnen nicht in Frage gestellt 🙁


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