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Zu Gast bei der herCAREER: „Wir brauchen sichere Räume im Verkehr“

Am 07. Oktober 2022 kommt Katja Diehl mit ihrem neuen Buch „Autokorrektur – Mobilität für eine lebenswerte Welt“ auf die herCAREER-Expo und stellt es im Authors-MeetUp vor. Außerdem moderiert sie live vor Ort ein Podcast-MeetUp zum Thema „Breaking the law? Welche Rechte hat das Klima?“ und ist als Table Captain auf der Abendveranstaltung herCAREER@Night zu Gast.

„Mobilität muss sich ändern – aber anders als bisher diskutiert“, sagt Katja Diehl. Sie hilft als Mobilitätsexpertin und Kommunikationsberaterin Unternehmen, Städten und Kommunen dabei, ihre Mobilität klimafreundlicher und menschenzentrierter zu gestalten. Ihr Buch „Autokorrektur – Mobilität für eine lebenswerte Welt“ wurde innerhalb weniger Tage zum SPIEGEL-Bestseller und ist aktuell auf der Shortlist für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis. Auf der herCAREER, die am 6. und 7. Oktober 2022 im MOC München stattfindet, wird sie es  vorstellen. Mit der herCAREER hat sie über männliche Mobilität, Statussymbole und sichere Zonen für Frauen gesprochen.

Mit „Autokorrektur“ zu neuer Verkehrspolitik für alle

herCAREER: Du hinterfragst die gegenwärtige Mobilität nicht nur auf Umweltfreundlichkeit, sondern auch auf eine „lebenswerte Welt“ bezogen. Was hat dich dazu bewogen, mit deinem Buch „Autokorrektur“ das Thema Mobilität gesellschaftspolitisch anzugehen?

Katja Diehl: Ich möchte mit meinem Buch aufzeigen, dass der Verkauf von 49 Millionen Autos in Deutschland nicht ein riesiger Erfolg der Autoindustrie ist, sondern ein riesiger Misserfolg für die Gesellschaft. Die ganze Klimadiskussion ist ja nicht neu. Die Grenzen des fossilen Wachstums hat der Club of Rome schon vor 50 Jahren aufgezeigt. Im Verkehrsbereich gibt es seit spätestens den 1990ern die Erkenntnis, dass wir für eine lebenswerte Welt nicht mit so autozentriert  weitermachen können.

herCAREER: Du schreibst im Buch, dass die autodominierte Verkehrspolitik Männersache ist. Inwiefern?

Katja Diehl: Nichts gegen alte weiße Männer, aber: sie haben über die Verkehrspolitik der letzten Jahrzehnte bestimmt  und hier nicht die Bedürfnisse aller im Blick gehabt. Das hat autogerechte Städte hervorgebracht – und autogerechte Architektur mit vielen Parkplätzen und wenigen Fußgängerzonen und Grünflächen. Ich finde es nicht ok, wenn Kinder sich im urbanen Raum nicht sicher bewegen können, während sie auf dem Laufrad gerade ihre eigene Mobilität entdecken. Mütter bringen ihre Kleinkinder oft zu Fuß oder mit Öffis zur Schule, müssen mit dem Kinderwagen auf dem Gehweg fahren – nur Gehwege sind beispielsweise in Städten wie Hamburg zu schmal. Busstationen sind häufig nachts verlassen und schlecht beleuchtet und fühlen sich für Frauen unsicher an. Das Auto an sich zu verbieten ist natürlich zu kurz gedacht – wir müssen den Rahmen verändern und bessere, durchdachtere Alternativen bieten. Aktuell sind vor allem Menschen auf dem Land noch auf das Auto angewiesen – und vor allem auch Frauen sehen dieses im Rahmen ihrer Familienmobilität als Lösung. Ich hingegen sehe es als ein Problem an, dermaßen abhängig von einem einzigen Verkehrsmittel zu sein. Ich möchte den Menschen hier eine Wahl geben, Alternativen anbieten.

herCAREER: Du hast für das Buch Interviews mit verschiedensten Menschen geführt, warum sie Autos bevorzugen. Was sind die Gründe?

Katja Diehl: Viele Menschen würden auf das Auto verzichten, wenn es sichere Räume gäbe und wenn öffentliche Verkehrsmittel leistbarer und flächendeckender verfügbar wären, mit guter Anbindung auf dem Land. Auch klimagerecht und barrierefrei soll die Alternative sein.

herCAREER: Spannend ist das Beispiel mit dem Fahrrad als feministisches Fortbewegungsmittel Ende des 19. Jahrhunderts.

Katja Diehl: Feministisch ist das Fahrrad insofern, weil es Frauen von einer gewissen Abhängigkeitssituation befreit hat. Feminismus muss sich auch in der Mobilitätspolitik widerspiegeln. Jede:r sollte das Recht auf ein Leben ohne Auto  haben. Ich bin nicht gegen Auto, wenn es sein muss.

herCAREER: Wie lebst du selbst Mobilität – und wo fällt es dir schwer bzw. wird es dir schwer gemacht? 

Katja Diehl: Ich bin privilegiert, weil ich nicht auf ein eigenes Auto angewiesen bin – eine enorm große Freiheit! Ich habe ein Faltrad, das ich mit dem ICE kombiniere. Für meine mehrwöchige Lesereise reise ich so mit dem Rucksack an. Das letzte Mal mit dem Auto bin ich zu meinen Eltern aufs Land gefahren, mit einem Mietauto.

herCAREER: Inwiefern sollte Mobilität unter anderem auch weiblicher werden und auf Frauen Rücksicht nehmen?

Katja Diehl: Was treibt Mädchen und Frauen ins Auto? 90 Prozent haben bereits sexuelle Belästigung an öffentlichen Orten erlebt. Wir brauchen unbedingt sichere öffentliche Räume und Fahrzeuge: für Frauen, Transpersonen und Menschen mit Migrationsgeschichte. Dafür braucht es ganz klar auch Personal, also freundliche Menschen in Uniform nachts auf Bahnhöfen, in öffentlichen Aufenthaltsräumen. Es braucht gute Gehwege für alle, das ist die Basis. Ich sehe hier in Hamburg nie Leute mit Rollator oder Rollstuhl, denn die Gehwege sind in schlechtem Zustand. Parkraum sollte zurückgebaut werden und wieder zum Shared Space für alle werden. Und man sollte hinterfragen: Warum dürfen die Leute ihre Autos vor ihrem Haus parken? In Japan muss man einen eigenen Stellplatz nachweisen, bevor man ein Auto überhaupt kaufen darf. Auch die Radwege gehören ausgebaut. In Hamburg gibt es viele Alternativen zum Auto: E-Roller, Öffis,Carsharing. Und dennoch gibt es viele Autos, weil die Privilegien so hoch sind. Absurd große Autos und inzwischen auch der eigene Van sind Statussymbole, die den Selbstwert der Besitzer:innen erhöhen. Davon müssen wir weg und zu der Einsicht kommen: wir sind auch ohne materielle Dinge etwas wert.

herCAREER: Wo können wir als Konsument:innen ansetzen, wo sollte die Politik ansetzen?

Katja Diehl: Wir müssen überall dort laut werden, wo es die Alternativen zum Auto nicht gibt. Wir müssen raus aus dem Verzicht auf guten Lebensraum, auf gute Luft. Man kann sich immer in diversen Bürgerinitiativen engagieren. Wer dafür keine Zeit hat, kann spenden oder als Steuerberaterin gratis die Steuer für alternative Unternehmen machen. Man darf auch die eigene Bequemlichkeit hinterfragen: zehn Prozent der Autofahrten auf dem Land legen unter einem Kilometer, 50 Prozent unter 5 Kilometer. Und die Politik? Soll endlich beim Menschen ansetzen und nicht bei der Transportform.

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