Edit 13.12.: Danke für all eure Nachrichten.
Es geht zu vielen genau so bis hin zur Retraumatisierung von „Schuld“, die Betroffene sexualisierter Gewalt in der Gesellschaft erleben.
Die Scham hat nicht die Seiten gewechselt.
Das zeigt auch der Song, der sich an die Betroffenen und eben nicht die Täter richtet.
Es ist gut gemeint. Wirklich. Wenn eine Frau angegriffen wird – online, im Job oder in der Öffentlichkeit – und jemand sagt: „Lass dich nicht ficken”, dann soll das Stärke vermitteln. Durchhaltevermögen. Widerstand.
Aber dieser Satz ist kein Mutmacher. Er ist Teil des Problems.
Ich erkläre euch meine Gedanken. Und freue mich auf wertschätzende Diskussion darüber.
„Ficken” ist keine neutrale Metapher für Machtausübung. Es ist ein sexuell konnotierter Begriff, der sexuelle Handlungen mit Unterwerfung und Dominanz gleichsetzt. Gerade Frauen erleben ständig sexualisierte Gewalt – in Worten, in Drohungen und in realen Übergriffen.
Wenn wir „ficken” als Bild für Macht verwenden, reproduzieren wir genau das Muster, gegen das wir uns wehren müssen. Wir sagen: Dominanz ist sexuell. Unterwerfung ist sexuell. Und du musst dich dagegen wehren, sexuell unterworfen zu werden.
Das ist keine Ermutigung. Das ist die Sprache derer, die uns angreifen.
„Die Verantwortung liegt bei dir.“
„Lass dich nicht ficken” impliziert: Du hast die Kontrolle darüber, ob du „gefickt” wirst oder nicht. Es liegt an dir. An deiner Entschlossenheit. An deiner Härte.
Aber das ist eine Täter-Opfer-Umkehr.
Die Verantwortung liegt nicht bei der Frau, die angegriffen wird. Sie liegt bei den Angreifern. Bei denen, die beleidigen, bedrohen und diffamieren. Und bei den Strukturen, die das möglich machen.
Wenn wir Frauen sagen: „Lass dich nicht ficken”, sagen wir eigentlich: „Wenn es dir passiert, hast du dich nicht genug gewehrt.” Das ist keine Solidarität. Das ist Victim Blaming mit anderen Worten.
Wir normalisieren die Sprache der Gewalt.
Frauen werden mit vulgärer, aggressiver und sexualisierter Sprache angegriffen. Jeden Tag. In jedem Medium. Auf jeder Plattform.
Und dann sagen wir ihnen: „Lass dich nicht ficken.”
Wir benutzen dieselbe Sprache. Die gleiche Aggressivität. Und dieselbe Vulgarität.
Dieser Satz stammt aus einer Welt, in der Stärke mit Dominanz gleichgesetzt wird. Durchsetzungsfähigkeit bedeutet demnach, lauter, härter und aggressiver zu sein.
Das ist eine männliche Perspektive auf Macht.
Frauen haben andere Formen von Stärke. Resilienz. Ausdauer. Solidarität. Strategisches Denken. Sie haben die Fähigkeit, trotz allem weiterzumachen. Die Fähigkeit, Netzwerke aufzubauen. Die Fähigkeit, Empathie zu bewahren, während man selbst angegriffen wird.
Doch diese Formen von Stärke werden nicht anerkannt. Stattdessen wird Frauen gesagt: „Sei wie ein Mann. Sei hart. Sei aggressiv. Lass dich nicht ficken.“
Das ist keine Anerkennung weiblicher Stärke. Es ist die Aufforderung, männliche Aggressionsmuster zu übernehmen.
Was wir stattdessen sagen sollten:
- „Ich stehe hinter dir.”
- „Du hast Recht, und ich unterstütze dich.”
- „Was brauchst du von mir?”
- „Was dir passiert ist, ist inakzeptabel – und ich werde das auch laut sagen.“
Echte Solidarität bedeutet nicht, Frauen dazu aufzufordern, härter zu werden. Sie bedeutet, die Strukturen anzugreifen, die diese Gewalt ermöglichen. Es bedeutet, Plattformen zur Verantwortung zu ziehen, die Hass zulassen. Es bedeutet, Täter zu benennen und nicht Opfer zu mehr Widerstand aufzufordern. Es bedeutet, nicht nur zu sagen: „Du schaffst das“, sondern zu fragen: „Was kann ich tun, damit du nicht alleine kämpfen musst?“
Sprache formt Realität. Wenn wir die Sprache der Gewalt übernehmen, um Frauen zu ermutigen, haben wir schon verloren. Wir brauchen keine Aufforderungen an Frauen, härter zu sein. Wir brauchen eine Gesellschaft, die aufhört, Frauen anzugreifen. Und bis wir diese haben, brauchen wir Solidarität.


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