Eine Frau lehnt an einem Radständer, der wie ein Auto gestaltet wurde.

Sonntagsalster: Eine Liebeserklärung an die kreative Raumaufteilung voller Respekt.

Oder: Wie Hamburg beweist, dass Tetris im echten Leben funktioniert

Es ist Sonntag. Die Sonne scheint. Hamburg zeigt sich von seiner schönsten Seite. Zeit für einen Ausflug zur Alster! Für mich nicht als Ziel, aber als Teil der Etappe zu einem Treffen in einem Café.

Ich schwinge mich aufs Rad, schließe kurz die Augen, um mich zu sammeln und dann die gewohnt devote Situation auf zwei Rädern zu akzeptieren. Anderes ist nicht möglich, denn eigene Spuren habe ich nicht immer. Ich darf aber teilen, St. Martina auf dem Brompton quasi. Zum Vergleich: An nicht wenigen Stellen stehen den Automenschen SECHS eigene Spuren zur Verfügung. Manchmal – und das ist der Luxus des Sonntags – sitzen sogar ZWEI Personen in einem Fahrzeug. Diese verschwenderische Fülle! Wie ein warmes Messer durch Butter bewegen sie sich dahin, während ich mich frage: Wo ist eigentlich meine Butter? Bei die Fische?

Ach ja, hier: auf einem Streifen, der ungefähr so breit ist wie eine Autospur. Aber Moment – das ist ja gar kein Radweg! Das ist ein Rad-UND-Gehweg. Und meine Stadt setzt auf ein revolutionäres Konzept: Respekt!

Das steht sogar auf Schildern. Direkt neben der Stelle, wo eine Familie mit Kinderwagen, ein Jogger im Höchsttempo, ein Gravelbiker auf Trainingskurs, zwei Spaziergänger*innen mit Eiscreme und ein Kind auf dem Laufrad versuchen, gleichzeitig aber bitte nacheinander denselben Raum zu nutzen. Respekt! Möge diese Übung gelingen!

Von Geländewagen und Geländefahrten

Es gibt tatsächlich manchmal auch aufgepinselte Radwege. Richtige! Mit Symbol! Okay, manche von ihnen immer noch mit schlierigem Restlaub aus dem Oktober und aufgefrorenen Schneeresten geschmückt, aber was wäre Radfahren ohne Risiko und dem Gefühl, live Mario Kart zu fahren? Kirsche! Kirsche! BOMBE! Die Stadt Hamburg hat hier allerdings beschlossen, dass Ermahnungsschilder an die Automenschen unnötig sind. Die wissen schließlich selbst, was sie tun – und gefährden nur Anderslenkende ohne Stahlzelle.

Und sie tun es mit Stil: Der nagelneue beige-graue Geländewagen parkt direkt AUF dem Radweg. Der Fahrer telefoniert in Ruhe. Warum auch nicht? Auf der Straße würde er ja seinesgleichen aufhalten! Und die Radfahrer*innen? Die haben doch Respekt. Und weichen aus. Vielleicht noch nicht mal aus Respekt, sondern weil es einfach nicht anders geht.

Als ich freundlich darauf hinweise, dass das Falschparken Menschenleben gefährde, ernte ich einen Blick, der deutlich macht: HÄ? Der Radweg ist doch eh so schmal, da macht ein Auto darauf auch keinen Unterschied mehr!

Das Grundgesetz und die Transferleistung

Eigentlich, so steht es im Grundgesetz, übernimmt der Staat Verantwortung für die körperliche Unversehrtheit seiner Bürger*innen. Hamburg hat das gelesen und eine kreative Interpretation gefunden: Die Verantwortung liegt beim situativ Stärkeren.

Das Kind auf dem Laufrad weicht dem Spaziergänger. Der Spaziergänger der Joggerin. Die Joggerin dem Gravelbiker. Der Gravelbiker dem… Moment. Dem SUV auf dem Radweg natürlich.

Eine elegante Lösung! Keine teuren baulichen Maßnahmen. Keine geschützten Radwege. Keine klare Trennung. Nur: Respekt! Und die Hoffnung, dass alle gut drauf sind, niemand einen schlechten Tag hat und das Wetter hält.

Das Sonntagsgedankenexperiment

Was wäre eigentlich, wenn immer Sonntag wäre? Wenn immer Sonne schiene? Wenn sich immer so viele Menschen auf diesem einen Streifen drängelten, während nebenan sechs Spuren für deutlich weniger Menschen bereitstehen?

Würde Hamburg dann vielleicht feststellen, dass die Menschen in den Autos die Minderheit sind? Dass die Mehrheit sich auf einem Bruchteil des Raums bewegt?

Würde die Stadt dann vielleicht auf die wahnwitzige Idee kommen, den Raum nach tatsächlicher Nutzung zu verteilen?

Oder würde man einfach ein weiteres Schild aufstellen: Noch mehr Respekt!

Epilog: eine Hamburger Romanze

Ich radle weiter. Weiche einem Kind aus. Werde von einer Joggerin überholt. Lächle einem älteren Herrn zu, der unsicher versucht, auf seinem E-Bike die Kurve zu kriegen. Bremse vor dem SUV.

Und denke: Was für ein schönes Bild wir hier abgeben. Alle zusammen. Auf einem Streifen. Während nebenan sechs Spuren im Vergleich gähnend leer darauf warten, dass mal wieder Montag ist.

Hamburg, du Perle. Du hast Humor. Nur leider nicht da, wo man ihn am meisten braucht: Im Verkehrsplanungsamt.

Ach ja: Respekt!

Eine Antwort zu „Sonntagsalster: Eine Liebeserklärung an die kreative Raumaufteilung voller Respekt.“

  1. Avatar von André Rohrbeck
    André Rohrbeck

    Danke für diesen Blog-Artikel, liebe Katja! Er zeigt mal wieder wie absurd die Gestaltung des öffentlichen Raums in Deutschland an vielen Stellen ist.
    Bei uns in Hessen ist gerade Kommunalwahlkampf und die FDP streitet wieder mal für „ideologiefreie Politik“. Das muss das neue „technologieoffen“ sein… und ich träume weiter von Straßen, die diesem Gedanken folgen und fair unter allen Verkehrsteilnehmern aufgeteilt sind. Bei uns in der Anwohnerstraße ,die auf einer Seite einen 0,9 m breiten Gehweg hat, auf der anderen Seite verschwenderische 1,4 m und dazwischen ca. 5,5 m Asphalt für den „richtigen“ Verkehr – also in Summe 7,8 m – neu Aufzuteilen auf 2,6 m für den Fußverkehr, 2,6 m für den Radverkehr und 2,6 m für den Autoverkehr… das wird lustig in unserer Sackgasse und vollständig „ideologiefrei“.

    Dann biege ich wieder in die Hauptstraße ein und lande hart in der Realität 7 m breit für den „richtigen“ Verkehr und als Radfahrender darf ich in Schrittgeschwindigkeit den 2 m breiten Streifen mit den zu Fuß gehenden benutzen… Wie schön wäre doch ideologiefreie, also faktenbasierte Politik…


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