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„Nicht die Asche hüten, sondern das Feuer weitertragen“ – Stefan Heimlich über Leadership-Versagen in der Autoindustrie.

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Stefan Heimlich war elf Jahre Vorsitzender des Auto Club Europa (ACE), davor Gewerkschaftssekretär und in leitenden Funktionen bei Europäischen und Internationalen Transportarbeiterföderationen. Heute ist er unabhängiger Berater für Mobilitätspolitik – mit klarem Fokus auf das Gemeinwohl statt einzelner Lobbyinteressen und engagiert sich ehrenamtlich als Sprecher der AG Verkehr und Mobilität des Managerkreis e. V..

Die Cash Cow ist weg

Stefan analysiert das deutsche Dilemma der Autoindustrie nüchtern und historisch fundiert. Jahrzehntelang ruhte das deutsche Geschäftsmodell auf zwei Standbeinen: billige Energie aus russischem Gas und vor allem der chinesische Absatzmarkt als größte Cash Cow. Dort wurde mit Premium-Produkten so viel Geld verdient, dass man sich niedrigere Produktivität und höhere Kosten in Deutschland leisten konnte. Die Transformation? Unnötig, solange Energie günstig und das Geld aus China floss.

Dann kam 2012 Tesla mit einer sportlichen Limousine – und plötzlich war das, was süddeutsche Autobauer immer für sich reklamierten, nämlich „Freude am Fahren“, elektrisch möglich. Der Gamechanger war da, aber die deutsche Industrie reagierte zu langsam. Stefan erinnert an eine ZDF-Dokumentation von 2014 mit dem Titel „Fährt die deutsche Autoindustrie gegen die Wand?“ Im Internet zu finden und immer noch aktuell. Seine Einordnung ist deutlich:

„All das, was wir heute jammern seit einem Jahr oder seit zwei Jahren und wo angeblich Rot-Grün schuld sei, war damals schon auf der Agenda zu tiefsten Merkels Zeiten.“

Deutschland hat einfach weiter vor sich hingelebt, das Wirtschaftsmodell genossen und gedacht, es würde ewig so weitergehen.

Leadership heißt: Dringlichkeit UND Notwendigkeit erklären

Was in dieser Krise fehlt, ist echte Führung – in Unternehmen wie in der Politik. Stefan formuliert präzise, was Leadership ausmacht: Es braucht zwei Antworten. Erstens die Dringlichkeit: Warum jetzt? Warum können wir nicht noch fünf Jahre warten? Und zweitens die Notwendigkeit: Warum dem Grunde nach? Warum muss sich überhaupt etwas ändern?

„Wenn ich darauf keine begründete, wissensbasierte, faktenbasierte Erzählung habe, kann ich eine Veränderung in einem Unternehmen nicht herbeiführen.“

Am Beispiel Oliver Blume, CEO von VW und Porsche, macht Stefan klar, woran es mangelt. Die Aufgabe eines Leaders sei es, das Unternehmen vor die Welle zu kriegen – vor die Welle des technologischen Wandels, des verschärften Wettbewerbs, der CO2-Reduktion. Wer das nicht schafft, ist kein Leader, sondern ein Manager des Niedergangs.

Symbolpolitik statt Gesamterzählung

Die deutsche Politik versagt auf ähnliche Weise. Statt einer kohärenten Gesamtstrategie erleben wir, wie Stefan es nennt, reine Symbolpolitik. Einzelne Lobbygruppen werden bedient, Aufmerksamkeitsmomente in sozialen Medien abgegriffen, aber es gibt keine Erzählung, die über den nächsten Wahlzyklus hinausgeht. Stefan zitiert den früheren Bundespräsidenten Walter Scheel:

„Aufgabe der Politik ist nicht, das Populäre zu tun. Aufgabe ist es, das Richtige zu tun und populär zu machen.“

Genau das passiert nicht. Stattdessen beschreibt Stefan den Staat mit den Worten des Philosophen Hegel als einen „idealen Gesamtkapitalisten“, der über einzelne Sektoren hinaus das Gemeinwohl im Blick haben müsste. Die Realität ist eine andere: Politik in Vierjahreszyklen, emotionale Kurzfristigkeit, algorithmische Aufmerksamkeitsökonomie.

Dabei wäre die Aufgabe klar: „Nicht die Asche zu hüten, sondern das Feuer weiterzutragen.“ Deutschland braucht weiterhin Maschinenbau, Metallverarbeitung, Autoindustrie – nur eben in neuer Form. Die Menschen müssen nicht am Golf GTI weiterschrauben, sie können auch einen ID.3 bauen, Straßenbahnen, Busse, neue Antriebstechnologien. Die soziale Verantwortung von Leadership besteht darin, diese Menschen in neue Beschäftigungsfelder zu führen, statt am Alten festzuhalten bis zum bitteren Ende.

Zuversicht statt Hoffnung

Katja fragt nicht nach Hoffnung – Hoffnung sei etwas für die Couch, wenn man darauf wartet, dass andere etwas tun. Sie fragt nach Zuversicht, nach dem rebellischen Ärmel-Hochkrempeln trotz allem. Stefan antwortet mit seiner Grundüberzeugung: Man kann jeden Tag etwas dazu leisten, dass es den Menschen ein Stück besser geht. Es wird Niederlagen geben, es wird Fortschritte geben, und manchmal hält es sich die Waage. Die Bewegung geht immer in Wellen – die Frage ist nur, wie lang die Welle ist, wie hoch sie steigt und wie tief das Tal ist.

Die konkrete Schlacht für den Verkehrssektor ist klar definiert:

„Die Grammzahl an CO2, die nach 2035 dem Auspuff entweichen kann, möglichst klein zu halten. Das ist die Schlacht, die wir alle jetzt miteinander schlagen müssen. Wir werden nicht bei Null landen, aber wir müssen sie möglichst klein halten.“

Ein Gespräch über Führungsversagen, volkswirtschaftliche Zusammenhänge und die Frage, warum Deutschland sehenden Auges in die Krise fährt – obwohl alle Warnsignale seit über zehn Jahren sichtbar sind. Stefan Heimlich liefert die Analyse eines Insiders, der sowohl die Gewerkschaftsperspektive als auch die Sicht eines Automobilclubs kennt – und der trotz allem zuversichtlich bleibt, dass Veränderung möglich ist.

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