Eines der größten Problem der nicht existierenden sozial- und klimagerechten Mobilitätswende ist die überbordende Technikeuphorie und das Vorwärtsstreben. Ich kann beides sogar nachvollziehen. Es fühlt sich gut an, dass da bald diese eine Technik kommen wird, die auf wunderbare Weise alle Probleme löst, vor deren engagierter und zeitnaher Lösung wir uns insgeheim fürchten, weil sie einen tiefen Eingriff in unser ungerechtes, weil ausschließlich autozentriertes System bedürfen. Dann lieber noch ein bisschen warten. Die Haltung, Fortschritt immer mit einer Vorwärtsbewegung zu assoziieren, ist letztlich schon im Wort manifestiert. Zudem wurde Erfolg bisher immer mit einem Mehr von dem gleichen verbunden: Mehr Verbrennung entsprach global betrachtet dem, was mit Wirtschaftswachstum gleichgesetzt wurde. Im Privaten sind größere, schwerere und mehr Autos im Haushalt Insignium von Erfolg. Nicht zuletzt deswegen werden an Agrardiesel politisch Fragezeichen gemacht, während Dienstwagen- und Dieselprivileg unangetastet bleiben.
2018 hat der damalige Chief Digital Officer von Volkswagen, Johann Jungwirth die Zukunft des Autos wie folgt skizziert: „Das autonome Fahren ist bald Realität. Die Frage ist längst nicht mehr ob und wann, sondern nur noch: Wo? 2021, in dreieinhalb Jahren, werden wir … in Abstimmung mit den Kommunen – selbstfahrende Autos ohne Lenkrad einsetzen. Dann können dort auch Blinde, Kranke und Kinder allein Auto fahren.“[1]
Ich ertappe mich dabei, dass ich mich wundere, wie unhinterfragt sich der Auto-Status-Quo auch bei vielen fortsetzt, die vom autonomen Fahren überzeugt sind. Mir fehlt das Innehalten, mir fehlt der große Plan, systemisches Denken und das Wagnis, manche Dinge weniger und von manchen Dingen gar nichts mehr zu tun. Es wird mir versprochen, dass es mit autonomen Fahrzeugen auch für mich sicherer wird. Aber ich will gar nicht, dass weiterhin überall Autoverkehre mitgedacht werden und sie meinen Bewegungs- und Aufenthaltsraum okkupieren. Zudem frage ich mich, wie der Übergang gestaltet werden soll, wenn das erste Drittel autonom fahren könnte, alle anderen aber nicht. Ich sehe das als die Vollkatastrophe für alle außerhalb der Autos an.
Schauen Sie mal hin, was der Grund für den Einsatz von autonom fahrenden Fahrzeugen ist: Personalmangel und -kosten. Natürlich fehlen uns Menschen im System, die die so sehr benötigten Alternativen zum Auto führen. Aber! Darf das Anlass sein, autonome Fahrzeuge einzusetzen? Ist das wirklich ein echter Plan – oder eben wie schon skizziert Weiterführung des Gleichen? Lösen wir mit diesen Fahrzeugen die Probleme der Barrierefreiheit, Sicherheit, Bezahlbarkeit hoch zuverlässig? Oder haben wir bei aller Begeisterung noch nicht mal daran gedacht, dass wir auch im System deutlich etwas verändern müssen. Raul Krauthausen geht in seinem Text „Die trügerische Verheißung der Robo-Taxis“[2] auf die wieder einmal fehlende Barrierefreiheit bei diesem Technikhype ein. Er fordert: „Neue Technologien müssen in einen gesellschaftlich verantwortungsvollen und inklusiven Rahmen eingebettet werden und ethischen und praktischen Anforderungen genügen. Um wahrhaft inklusiv zu sein, müssten alle Stufen einer Fahrt, sowie Verkehrs- und Stadtbild für Menschen mit kognitiven, Entwicklungs-, Seh-, Hör- und Mobilitätsbehinderungen zugänglich sein.“
Mir fehlt an vielen Stellen das Gesamtbild, wo ihr Einsatz die ausgerufenen Ziele Fahrgaststeigerung, massive Reduzierung Pkw-Zahl, Etablierung klima- und sozial gerechter Mobilität und die Standards ethischer Fragen löst.
Denn – ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – mir ist es wichtig, dass, wenn ein solches System etabliert wird, endlich auch Vision Zero eine Rolle spielt, also der Wille, keine Verkehrsopfer mehr zu akzeptieren. Sind die von mir genannten Details in jeder Phase der Entwicklung gewährleistet? Wer trägt die Verantwortung für Fehler, die auch solche Fahrzeuge machen werden? Der Hersteller, der Betreiber, der Staat (und damit wir)?
Bei vielen technischen Neuerungen gab es nach einer Weile einen so genannten Rebound-Effekt, so auch beim Bau von Autobahnen: Eine anfängliche Entlastung durch neue Fahrspuren geht schnell verloren, da nach kurzer Zeit alle diese Teilstrecken nutzen. Nachzuschlagen auch unter Braess-Paradoxon. Wir sollten alles daran setzen, die jetzt schon möglichen Veränderungen sofort umzusetzen, so dass wir auch dann eine Mobilitätswende gestalten, wenn das mit dem autonomen Fahren noch Jahre dauern sollte.
[1] Bernhard Müller (Hg.): Zukunft urbane Mobilität. Eine ganzheitliche Betrachtung, S. 39
[2] https://raul.de/allgemein/die-truegerische-verheissung-der-robotaxis/


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