
Für die Aussicht auf einen Zollerlass lässt sich ein deutscher Autokonzern die Teilnahme an einer Kundgebung eines Präsidenten abringen, der Demokratie, Justiz, Presse und Wissenschaft systematisch untergräbt. Ich sah das Bild und hatte ad hoc große Beklemmungen. Es fällt schwer, Worte zu finden für das, was dieser Schritt auf sehr vielen Ebenen bedeutet.
Die Geschichte der eigenen Branche
Die deutsche Autoindustrie hat sich bereits einmal zu einem solchen Schulterschluss mit einem Demokratie- und Menschenfeind zusammengeschlossen. Audi heißt heute so wie einst die Auto Union, eine Fusion sächsischer Hersteller mit Zentrale in Chemnitz. Laut dem von Audi erst 2014 veröffentlichten Studienbericht der Historiker Stephan Kukowski und Hartmut Boch ließ sich das Unternehmen während des Nationalsozialismus in sieben Konzentrationsaußenlagern, die eigens von der SS für die Auto Union eingerichtet worden waren, mehr als 3.700 KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter ausbeuten; dazu kamen rund 16.500 weitere Zwangsarbeiter in den Werken Zwickau und Chemnitz. Diese Geschichte ist in die Autoindustrie eingewebt, manche Vertreter von „Autodynastien“ behaupten bis heute, nicht Teil eines der dunkelsten Kapitel der neueren deutschen Geschichte gewesen zu sein.
https://www.br.de/nachricht/oberbayern/audi-auto-union-zwangsarbeiter-ns-zeit-100.html
https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/audi-aendert-ns-zeit-darstellung-studie-zur-zwangsarbeit-auto-union-a-971705.html
„Nie wieder.“ ist mittlerweile wohl doch nur noch eine Phrase. In meiner Deutung sollte „nie wieder” nämlich auch bedeuten, dass innige Umarmungen und milliardenschwere Geschäft mit Autokraten ausgeschlossen sind. Ebenso wie der Auftritt auf einer Wahlkampfveranstaltung eines solchen direkt im Zuge der Midterms.
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Donald Trump hat mit seiner zweiten Amtszeit die USA in einen kompetitiven Autoritarismus geführt hat. Wahlen und Opposition bestehen formal fort, aber er nutzt rechtliche Grauzonen so systematisch für autoritäre Zwecke, dass seine Partei kaum noch verlieren kann – und das schneller und weiterreichend als in den Vergleichsfällen Chávez, Erdoğan, Orbán oder Modi in deren ersten Jahren.
https://ces.fas.harvard.edu/news/2025/12/the-price-of-american-authoritarianism
https://www.foreignaffairs.com/united-states/path-american-authoritarianism-trump.
Genau diese Gedanken wirrten bei diesem Bild in meinem Kopf. Zur Analyse ist nicht die „Führergestalt“ aus 1939 maßgeblich, sondern die Prozesslogik von 1932/33: Hitler kam verfassungsgemäß an die Macht und die Eliten – auch die Industriellen – rechneten mit einem kontrollierbaren Politiker, der ihnen nützen würde. Wer heute auf einer Wahlkampfbühne umarmt wird, setzt wieder auf Kalkulierbarkeit – in einem Moment, in dem diese längst verschwunden ist. Autoritäre Regime bauen sich heute nicht durch Putsch, sondern von innen ab – in der USA vor allem durch entmachtete Aufsichtsbehörden, disziplinierte Justiz und Personenkult. Laut Demokratieforschung sind die USA einer der wenigen Fälle, in denen der Autoritarismus noch nicht konsolidiert ist, weil Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wahlen als Gegenmächte bestehen – und genau diesen Kräften wendet sich die Leitung von Audi nicht nur symbolisch ab, wenn der Chef mit diesem Politiker Geschäfte macht. Diese Geste ist eine Warnung: Damals wie heute lag die Entscheidung nicht allein beim Anführer, sondern bei den Eliten, die ihn ernst nahmen und legitimierten. Doch der Schulterschluss von Kapital und Demokratieabbau hat eine Grauzone vor der Katastrophe – und diese Grauzone ist der Ort, an dem sich noch Entscheidungen treffen lassen.
https://www.journalofdemocracy.org/articles/competitive-authoritarianism-in-america/
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Und die Gewerkschaft?
Die IG Metall begrüßt das Werk grundsätzlich positiv und mahnt die Bringschuld des Vorstands an den Standorten an. Diese Mahnung ist richtig, aber zugleich merklich zu feige. Denn in dem Land, in das sich Audi nun verkauft, ist die US-Gewerkschaftsbewegung einem der größten Angriffe ihrer Geschichte ausgesetzt. Trump entließ Anfang 2025 erstmals in der Geschichte ein Mitglied des National Labor Relations Board (NLRB), der US-Arbeitsaufsicht. Daraufhin war die Behörde monatelang nicht beschlussfähig.
Bis April 2026 wies die Behörde 34,7 Prozent der Beschwerden von Gewerkschaften ab, 14 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Zudem wurden Tarifverträge für mehr als eine Million Bundesbeschäftigte gekündigt (https://www.theguardian.com/us-news/2026/jul/01/trump-labor-board-dismissals).
Die amerikanische Arbeiterbewegung selbst nennt ihn den gewerkschaftsfeindlichsten Präsidenten der Geschichte.
Die freien Gewerkschaften waren die ersten Institutionen, die die Nationalsozialisten zerschlugen: Am 2. Mai 1933 besetzten sie die Gewerkschaftshäuser, nahmen Funktionäre in Schutzhaft und überführten das Vermögen in die Deutsche Arbeitsfront. Eine Bewegung, die Tarifautonomie, Streikrecht und Organisationsfreiheit verkörpert, ist dem faschistischen Projekt strukturell feindlich – es braucht willenlose Arbeitskraft. Trumps Feldzug gegen die National Labor Relations Board (NLRB) und die Gewerkschaften folgt einem ähnlichen Muster mit anderen Mitteln. Wer die Arbeitsaufsicht entmachtet, macht jede Ausbeutung zur reinen Verhandlungssache und hat den „common ground“ von Arbeiterrechten verlassen.
Eine Gewerkschaft, die aus ihrer eigenen Verfolgungsgeschichte gelernt hätte, würde hier lauter sein. Sie war unter den Nazis die erste Zielscheibe und nicht die letzte Stimme.







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