Ich habe dem Moment-Magazin ein Interview geben dürfen. Ein Part daraus sorgt gerade für Furore, was mich etwas erstaunt, weil das „Abgehängtsein“ vor allem ländlicher Räume durch diverse Studien als eine von mehreren Ursachen des Rechtsrucks längst eruiert wurde – und für mich auch völlig „logisch“ ist. Eine Politik, die sehr viele Regionen in Deutschland autoabhängig gestaltet und an dieser Abhängigkeit nichts verändert, gibt damit spaltenden und rechten Tendenzen in unserem Land Nährboden. Teilhabe durch Alternativen zum Auto steigert die Demokratie und die Resilienz, da Daseinsvorsorge gewährleistet, Teil einer aktiven Gesellschaft zu sein.
Quellen & Studien zur Vertiefung.
- Wo der Bus weniger fährt, wählen mehr Menschen extrem rechts. Wer sich abgehängt fühlt, misstraut politischen Institutionen und ist empfänglicher für rechtspopulistische Erzählungen. Fehlende Busse und Bahnen gefährden nicht nur die gesellschaftliche Teilhabe und das Klima, sondern auch die Demokratie. Verkehrsexpertin Marissa Reiserer von Greenpeace
Quelle: Studie des ELSE-FRENKEL-BRUNSWIK-INSTITUT für Demokratieforschung in Sachsen, „Das Kreuz mit den Öffentlichen – Wie das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2025 und die Qualität des lokalen Bus- und Bahnangebots zusammenhängen“
- Bundeserkenntnisse zum Rechtsextremismus im ländlichen Raum – Bundestags-Drs 17/14635 – Antwort der Bundesregierung
Zur Nutzung des ländlichen Raums als Aktivitätsgebiet von Rechtsextremisten:
Zitat: Rechtsextremismus ist nach den Erkenntnissen der Verfassungsschutzbehörden eher ein Phänomen in den ländlichen Regionen als in Großstädten und Ballungsgebieten, auch wenn in einigen Großstädten starke rechtsextremistische Szenen bzw. Strukturen – vor allem solche von Neonazis – existieren. Schwerpunkte von Rechtsextremisten in ländlichen Gebieten liegen vor allem in Ostdeutschland, aber auch in einigen wenigen Regionen der westlichen Bundesländer mit ähnlichen gesellschaftlichen, strukturellen und wirtschaftlichen Herausforderungen.
3. Mobilitätsarmut und soziale Teilhabe in Deutschland – Studie im Auftrag von Agora Verkehrswende
Zitat: Mobilität ist eine wesentliche Voraussetzung für die soziale Teilhabe. Mobilitätsarmut bedeutet daher, dass es zu Einschränkungen in der sozialen Teilhabe aufgrund zu hoher Kosten oder Zeitaufwände für Mobilität kommt. Ein Kernproblem, das Mobilitätsarmut in Deutschland befördert hat, ist die in vielen Regionen über Jahrzehnte gewachsene Abhängigkeit vom eigenen Auto. In vielen Regionen können Menschen ohne Auto ihre täglichen Zielorte nicht in angemessener Zeit und mit vertretbarem Aufwand erreichen und so ihre gewünschten Aktivitäten nicht vollständig umsetzen. Sie sehen sich oft gezwungen, ein Auto zu unterhalten, auch wenn das bedeuten kann, dass sie an anderen Enden sparen müssen. Grundsätzlich wird das Auto in Deutschland subventioniert, zum Beispiel durch steuerlich absetzbare Pendlerpauschale, Dienstwagenprivileg oder Kaufprämie für Elektroautos. Von solchen Subventionen profitieren aber bisher besonders Personen mit hohen Einkommen.
- Bundeszentrale für politische Bildung – APuZ 33–35/2024: „Fokus Ostdeutschland“
Vertiefende Ansätze zur Ursachenlage des Rechtsextremismus in Ost und West.
KATRIN GROẞMANN: PERIPHERISIERUNG, ENTPOLITISIERUNG UND DEMOKRATIE
Zitat: Dass sich rechtsextremes Gedankengut ausbreitet, hat auch mit der als „natürlich“ hingenommenen Peripherisierung ganzer Landstriche zu tun. Dringend erforderlich ist eine neue Regionalpolitik, die Ressourcen und Macht vom Zentrum in die Peripherie umverteilt.
5. Große Erhebungen wie die Studien „Mobilität in Deutschland“ (2018) oder „Wie ticken Jugendliche“(2017) zeigen: Jugendliche wissen den Öffentlichen Verkehr zu schätzen. Er bietet nicht nur Flexibilität, Zuverlässigkeit und Schnelligkeit; er ermöglicht es auch Freunde wiederzutreffen und neue Kontakte zu knüpfen, Zeit für sich zu haben oder die Umgebung kennenzulernen. Umweltvorteile des ÖV als Nutzungskriterium hingegen spielen für Jugendliche kaum eine Rolle.
6. Jugend in Bewegung: OECD über Mobilität junger Menschen – Jugend und Transport im 21. Jahrhundert
Zitat: Wie junge Menschen sich fortbewegen und Verkehrsmöglichkeiten nutzen, hat gesellschaftliche Auswirkungen – und andersrum. Junge Menschen haben andere Bedürfnisse, Erwartungen und Einschränkungen in Bezug auf Transport als andere Altersgruppen. Ihre Mobilitätsentscheidungen hängen von einer Kombination aus sozioökonomischen Faktoren und begrenzten Ressourcen ab. Dennoch werden die Ansichten junger Menschen in der Verkehrspolitik selten explizit berücksichtigt.
7. Wie gleichwertig sind die „mobilen Lebensverhältnisse“ heute und was heißt das für eine Verkehrswende? Melanie Herget, Claudia Nobis
Zitat: Um die internationalen Klimaschutzziele zu erreichen, ist Deutschland verpflichtet, bis 2030 die
Treibhausgasemissionen auch im Verkehrssektor deutlich zu reduzieren. Kann dies jedoch abseh-
bar in allen Räumen – so auch den ländlichen – erreicht werden? Oder braucht es am Ende raum-
typ- oder personengruppenspezifische Ziele? Mit welchen Herausforderungen ist also „Gleich-
wertigkeit“ im Zusammenhang mit den Klimaschutzzielen verbunden?
8. Bundeszentrale für politische Bildung – APuZ 33–35/2024: „Fokus Ostdeutschland“
Vertiefende Ansätze zur Ursachenlage des Rechtsextremismus in Ost und West.
9. Abgehängte Männer, bevorteilte Frauen? Über Antifeminismus im ländlichen Raum
Zitat: Einsicht, dass Ressentiment-Bereitschaft auf einem Gefühl des Abgehängtseins und der Benachteiligung beruht. Die ungleiche soziale und infrastrukturelle Entwicklung in ländlichen Regionen führt zu ungleichen Lebensbedingungen. Die autoritären Angebote rechter und antifeministischer Orientierungen antworten auf subjektive Bedürfnisse, die prekären Lebenslagen entspringen. Anstatt die schlechten Lebensbedingungen anzugreifen, werden sie im provinziellen Denken allerdings idealisiert und die Schuld dafür in urbanen Milieus verortet oder bei denen, die ‚von außen‘ kommen. Damit bleiben die realen Ungerechtigkeiten bestehen und ihre ökonomischen Hintergründe verschleiert. Kommunale Politik sollte zu einer Aufklärung über die Hintergründe sozialer Ungleichheit beitragen, zur Entwicklung und Aushandlung gemeinsamer Interessen.
10. Christian Krajewski / Claus-Christian Wiegandt (Hrsg.): Land in Sicht – Ländliche Räume in Deutschland zwischen Prosperität und Peripherisierung
Lange schien weithin das Interesse an ländlichen Räumen eher verhalten. Inzwischen stehen sie vermehrt im Fokus der Aufmerksamkeit von Politik und Gesellschaft, nicht zuletzt mit Blick auf das politische Erfordernis gleichwertiger Lebensräume.
11. Bundeszentrale für politische Bildung: Ländliche Mobilität.
Die Mobilität im ländlichen Raum steht vor großen Herausforderungen. Im aktuellen Mobilitätssystem werden auf dem Land für 60 Prozent aller Strecken Pkws oder andere Kraftfahrzeuge verwendet, also der motorisierte Individualverkehr (MIV). Demgegenüber wird der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) durch eine geringe Taktung, eingeschränkte Bedienzeiten und unzureichende Gebietsabdeckung in ländlichen Räumen zunehmend unattraktiv. Neben der ökologischen Bedeutung ländlicher Mobilität ist mit dem Thema auch eine soziale Dringlichkeit verbunden. So führen Defizite in der Daseinsvorsorge zu vergleichsweise mangelhaften Versorgungsangeboten von Waren und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs. Dies trägt zur Benachteiligung spezifischer Bevölkerungsgruppen, insbesondere von Seniorinnen und Senioren und Personen mit geringem Einkommen bei, da diese zumeist auf den ÖPNV angewiesen sind und eine starke soziale Verankerung in den Bezugsgebieten haben.
Fazit: Aktuell sind Dienstleistungen per PKW fast überall gut erreichbar. Nicht jedoch per Fahrrad, ÖPNV und fußläufig. Mangelnde Infrastrukturerreichbarkeit ist also weniger ein räumlich-strukturelles Problem, sondern abhängig von der individuellen Mobilität. Generell ist in den alten Bundesländern die Erreichbarkeit besser als in den neuen Bundesländern. Problematisch ist die Erreichbarkeit v. a. für weniger mobile Bürgerinnen – meist junge Erwachsene und Seniorinnen (Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur 2018), die in ländlichen Räumen leben.


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