Dieses Semester leite ich gemeinsam mit Prof. phil. Christian Bauer an der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBKsaar) einen Kurs zur Wissenschaftskommunikation in der Informationsgesellschaft. Es sind sieben Sitzungen, mal in persona, mal virtuell. Die Gruppe ist so vielfältig, wie ich sie mir für jede Diskussion über Öffentlichkeit wünsche: Kommunikationsdesign, Freie Kunst, Produktdesign, Medieninformatik, Lehramt. Menschen aus Nepal, China, Frankreich und Deutschland.
In der zweiten Sitzung drehte sich alles um eine Frage, die mich in meiner Arbeit täglich begleitet. Was ist Objektivität? Wer bestimmt, was Manipulation ist – und was bedeutet das für die Wissenschaftskommunikation?
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Vom Glauben zur KI: Was Propaganda mit uns macht
Christian legte zunächst die Basis für die zweite Diskussion. Dafür war viel Raum, da jede Sitzung vier Stunden dauerte. Er erzählte die Geschichte des Begriffs „Propaganda”. Wusstet ihr: Der Begriff leitet sich vom lateinischen Namen einer päpstlichen Behörde ab: der 1622 von Gregor XV. im Zuge der Gegenreformation ins Leben gerufenen Sacra Congregatio de Propaganda Fide (zu Deutsch: „Heilige Kongregation für die Verbreitung des Glaubens“). Heute lautet der offizielle Name der Behörde „Dikasterium für die Evangelisierung“. Ihr Zweck war es, dem Protestantismus entgegenzutreten und die Neue Welt zu missionieren. Edward Bernays, ein Neffe Sigmund Freuds, Begründer der modernen Propaganda, die er später in Öffentlichkeitsarbeit umbenannte, definierte sie zunächst als „in sich stimmige, anhaltende Bemühung zur Schaffung oder Formung von Ereignissen, um die Beziehungen der Öffentlichkeit zu einem Unternehmen, einer Idee oder Gruppe zu beeinflussen“ und unterschied sie von älteren, weniger professionellen Formen.
Aufgrund seiner psychoanalytischen Orientierung verstand er die Bedeutung des Unbewussten und der Phänomene der Verdrängung und Verschiebung als Basis erfolgreicher Propaganda. Anstelle direkter Appelle und rationaler Argumente setzte seine Propagandatechnik auf die indirekte Erzeugung von Bedürfnissen, die der Rezipient als seine eigenen Wünsche und als Ausdruck seines freien Willens erlebt.
Sein Fazit: Wir leben nicht mehr im Zeitalter des Wissens, sondern im Zeitalter der Information. Und Information ist nicht dasselbe wie Wissen.
Die Studierenden brachten die Gegenwart in den Raum. Und es war ein echtes Geschenk. Kevin, der aus Nepal stammt, berichtete vom Gen-Z-Aufstand in seinem Land und davon, wie er von den internationalen Medien verkürzt dargestellt wurde: „Die Jugend wählt ihren Premierminister über Discord“ klang zwar gut, war aber ein Zerrbild dessen, was tatsächlich organisiert wurde. Thelio berichtete aus Frankreich: Inmitten der Proteste kursierte ein Foto, das junge Menschen als Räuber älterer Menschen zeigte. Erst Stunden später stellte sich heraus: KI-generiert. Zu spät. Die Aufregung lief bereits, die Korrektur kam nicht mehr an.
Genau da wurde es für mich persönlich.
Ich bin neurodivergent und darauf geeicht, dem zu vertrauen, was ich sehe. Diese Eichung funktioniert nicht mehr. Ich muss mir mühsam neu beibringen: Meine Augen sind kein Faktencheck mehr. Hinzu kommen der Wasser-, Energie- und Ressourcenverbrauch der KI sowie die Frage, was mit den biometrischen Daten all der Menschen passiert, die ihre Fotos aus Nostalgie durch KI-Apps jagen. Und ich glaube nicht, dass „Medienkompetenz” mit diesem Tempo Schritt halten kann. Die KI entwickelt sich schneller als jede Lehrplanreform. Bis das Thema in den Grundschulen ankommt, könnte es bereits zu spät sein.
Der alte Sinn von Manipulation
Besonders anregend fand ich unseren Austausch über die Begriffsgeschichte: Das lateinische Wort manipulare bedeutet „mit der Hand anfassen“. Erst die Moderne hat das Wort moralisch aufgeladen. Der Medienphilosoph Vilém Flusser prägte den Begriff des „technischen Bildes“: Seit d…


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